Mehrere Angler mit Netzen und Angeln stehen im Wasser.
Bevor der Bagger kommt, werden die Fische aus dem Wasser gezogen. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Naturschutz Fische retten in Saale und Orla - mit Bagger und Kieshäufchen

In Saale und Orla nahe Orlamünde wird derzeit fleißig gebaggert. Denn was dort für Spaziergänger und Radfahrer aussieht wie eine beschauliche Flusslandschaft, ist nach Ansicht des Thüringer Verbandes für Angeln und Naturschutz eigentlich eine Katastrophe. Der Boden unterm Fluss, der ist viel zu fest. Der Angelverband will nun nachhelfen und testet an einigen Stellen, wie die Flüsse wieder belebt werden können.

Autorenbild Franziska Heymann
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

von Franziska Heymann

Mehrere Angler mit Netzen und Angeln stehen im Wasser.
Bevor der Bagger kommt, werden die Fische aus dem Wasser gezogen. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Ein 15-Tonnen-Bagger rumpelt in die Saale und wühlt sich mühsam durch den Saalegrund. Es rumst und kracht, als der Grabenlöffel in das Flussbett schlägt. Baggerfahrer Karsten Schmidt vom Verband für Angeln und Naturschutz Thüringen (VANT) hatte sich das eigentlich ganz leicht vorgestellt: "Wir sind mit der Baumaschine angerückt und waren frohen Mutes, den Kies schnell auflockern und auswaschen zu können. Aber es ist gar nicht möglich. Wir mussten den Löffel tauschen, weil wir es nicht geschafft haben, mit diesem 15-Tonnen-Bagger überhaupt die Sole aufzulockern."

Ein Bagger schüttet Kies in einen Fluß.
Ein Bagger lockert das Flussbett auf. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Nun wird sozusagen mit dem stabilen Teelöffel statt mit der Suppenkelle geschaufelt und die Flusssole aufgelockert. Viel Arbeit für die ehrenamtlichen Helfer, aber sie sagen: Angeln ist mehr als Fische aus dem Wasser ziehen. Vor dem Baggern müssen aber tatsächlich erst einmal Fische aus dem Wasser gezogen werden: Mit einem Elektrokescher, normalen Keschern und Transportbötchen kämpft sich die mobile Einsatztruppe "Wathose" durch die Saale. Mit kleinen elektrischen Schlägen werden die Fische betäubt, eingesammelt - und ein Stück entfernt vom Bauplatz wieder ausgesetzt.

Eigentlich müsste der Fluss munter vor sich hinplätschern

Problematisch ist, dass Flüsse und Bäche immer mehr begradigt wurden und nicht mehr mäandern können. Es gibt also keine unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten, sodass an einer Stelle Sediment abgelagert und an anderer fortgespült wird. Stattdessen setzt das Sediment den durchlässigen Untergrund zu - zwischen Grundwasser und fließender Welle gibt es keinen Austausch mehr und somit ist kein sauerstoffhaltiges Wasser mehr im Kieselsystem.

Auch natürliche Flussauen sind kaum noch vorhanden, die bei Überschwemmungen die Sedimente abfangen könnten. Außerdem verhindern beispielsweise Talsperren, dass Steine die Flüsse hinabgespült werden. Die Saale wurde früher sogar ausgekiest. Und so gibt es in nahezu allen Flüssen das gleiche Problem: Die Gewässersole ist zu fest.

Baggern in Saale und Orla zum Wohle der Fische

Ein Fluss windet sich durch ein Dorf, im Hintergrund Häuser.
Was aussieht wie eine beschauliche Flusslandschaft, ist nach Ansicht des Thüringer Verbandes für Angeln und Naturschutz eine Katastrophe. Hier sorgen Schlammsedimente für Probleme. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Ein Fluss windet sich durch ein Dorf, im Hintergrund Häuser.
Was aussieht wie eine beschauliche Flusslandschaft, ist nach Ansicht des Thüringer Verbandes für Angeln und Naturschutz eine Katastrophe. Hier sorgen Schlammsedimente für Probleme. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Ein Mann steht mit einer Mistgabel in einem Fluss.
Mit der Mistgabel hat Daniel Anske vom VANT keine Chance, in den Flussgrund zu kommen. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Ein Bagger schüttet Kies in einen Fluß.
Dafür braucht es schweres Gerät. Wobei es die einfache Baggerschaufel nicht getan hat - der Baggerlöffel musste ran. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Fluss mit Stromschnellen.
Mit dem Bagger wird der Flusskies aufgelockert. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Ruhiger Fluß mit grünen Ufern und Bäumen an diesen.
Weil beispielsweise durch Talsperren keine Steine mehr die Flüsse herabgespült werden und viele Flüsse begradigt wurden, hat sich der Flussgrund immer mehr verfestigt. Das Wasser fließt ganz ruhig. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Wasser fliesst über den Flussgrund.
Bachforellen zum Beispiel fühlen sich allerdings in kleinen Untiefen wohl. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Ruhiger Fluss mit grünen Ufern.
Statt Schlamm und betonhartem Untergrund sollte der Flussgrund aus lockerem Gestein bestehen - bis zu 70 Zentimeter kann das tief sein. Dort legen Fische und Amphibien ihre Eier ab. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Probe des Flussgrundes in einem zylinderförmigen durchsichtigen Behälter.
So sollte der Untergrund für die Eiablage idealerweise aussehen. Weil er das aber nicht tut, wird nun eingegriffen werden. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Mehrere Angler mit Netzen und Angeln im Wasser.
Bevor die Angler mit dem Bagger in den Fluss fahren, werden die Fische aus dem Gewässer genommen, damit niemand zu Schaden kommt. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Ein großer Fisch in einem Wasserbecken.
Ein kurzer Stromschlag, dann geht’s ab in ein Wasserbecken. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Eine Person mit roten Gummihandschuhen hält einen Fisch auf den offenen Handflächen.
Die Tiere werden dann etwas entfernt wieder ausgesetzt. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Mehrere Angler im Wasser.
Mehrere Angler fangen die Fische ein. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Ein Bagger verteilt Kies in einem Fluss.
In der Orla wurde bereits im vergangenen Jahr der Boden aufgelockert. Derzeit werden bei Freienorla rund 120 Tonnen Kies verteilt. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Kieshaufen in einem Fluss.
Die Naturschützer wollen beobachten, wie sich der Kies verteilt. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
Untiefen und Wirbel in einem Fluss.
Die kleinen Untiefen und Wirbel sind gut für Fische - nach dem Umbau vom ruhigen Wasser zur "wilden" Orla wurden auf dem Teilstück rund 23 Fischarten gefunden. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann
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Verbandsmitglied Daniel Anske aus Langenorla stochert probehalber mit der Mistgabel im Flussboden rum - mit viel Mühe kriegt er ein paar Steinchen locker. Still und träge fließt die Saale bei Freienorla dahin, dabei müsste der Fluss eigentlich munter vor sich hin plätschern. Nun hilft eben der Angelverband nach.

"Wir bereiten einen Laichplatz vor für die Bachforelle, die jetzt über den Winter ihre Eier im lockeren Kies ablegt. Und wir simulieren ein Hochwasser. Denn eine richtige Hochwasserwelle, da würde eine Dynamik im Gewässer entstehen, die im Prinzip den Kies wieder auflockern lässt", erklärt Verbandspräsident Schmidt. In Bayern seien ähnliche Projekte schon erfolgreich gewesen.

Dicker Schlamm nimmt Tieren den Sauerstoff

In den kleinen Untiefen und Verwirbelungen, die nach dem Gebagger im Fluss entstehen, fühlen sich die Fische wohl und können Nahrung suchen. Doch nicht nur das: 80 Prozent der Flussfische sind auf ein intaktes Kieselbett angewiesen. Amphibien und Fische benötigen bis zu 70 Zentimeter lockere Steine im Flussbett, um ihre Eier abzulegen.

Untiefen und Wirbel in einem Fluss.
Untiefen und verschiedene Strömungsgeschwindigkeiten sind gut für die Artenvielfalt im Fluss. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Weil es das vielerorts nicht mehr gibt, konnten die Angler in der Saale gerade mal vier Fischarten wie Quappe oder Forelle finden. Auch kleine Zuflüsse sind häufig fast tot, weil dort dicker Schlamm Tieren den Sauerstoff nimmt. In den Bächen müsste es festen und lockeren Kies geben - doch als Schmidt beherzt ins Wasser greift, hat er einen eklig klebrigen und riechenden Matschhaufen in der Hand. "Der Bach ist zugesetzt. In diesem Schlamm, der sich in jede Pore setzt, kann kein Lebewesen, auch kein wirbelloses Lebewesen, überhaupt existieren, denn alle sind an sauerstoffreiches Wasser gebunden."

Angler wollen Behörden durch wissenschaftliche Arbeit überzeugen

In der Orla hat der Verband schon im vergangenen Jahr den Boden aufgelockert. Derzeit werden dort mehr als 120 Tonnen Kies aufgeschüttet, schön hübsch verteilt in mehreren Häufchen auf ein paar hundert Metern. Der VANT will prüfen, wie schnell sich der Kies wohin verteilt. Erste Erfolge gibt es schon: 23 Fischarten konnten die Angler nach eigenen Angaben nachweisen, darunter das Neunauge oder die Nase.

Bei Behörden treffen die scheinbar rabiaten Methoden mit Bagger und Steinhaufen auf wenig Gegenliebe und so bekommt Stephan Tiesler (CDU) regelmäßig einen Anruf von Karsten Schmidt. Der dritte Beigeordnete im Saale-Holzland-Kreis sitzt seit gut fünf Jahren im Umweltausschuss des Kreistags. "Es ist was Neues und die Behörden sind, wenn es um neue Dinge geht, nicht immer ganz so flexibel. Man hat sich über die letzten Jahrzehnte keine Gedanken gemacht.

Und jetzt ist halt einer da, der das aktiv angeht, der das wissenschaftlich auch bisschen fundiert hat", sagt Tiesler. Schmidt grinst - er weiß, dass er die Behörden nervt. Er will mit der Arbeit an Saale und Orla Präzedenzfälle schaffen und zeigen: Mit relativ wenig Aufwand kann viel erreicht werden. In mühsamer Kleinarbeit zählen die Angler immer wieder die Fischarten und die Zahl der Fische aus und wollen so die Behörden durch wissenschaftliche Arbeit überzeugen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 11. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2019, 19:57 Uhr

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