Landwirtschaft Vom Feld in die Zahnpasta oder den Teebeutel

Auf 550 Hektar bauen die Mitarbeiter der Agrarprodukte Ludwigshof im Saale-Orla-Kreis Kräuter an. Die ersten werden in den nächsten Wochen geerntet und getrocknet. Der Betrieb hat seine Ursprünge in der Vorkriegszeit und gehört zu ganz wenigen Kräuterproduzenten in Deutschland. Der Anbau von Johanniskraut, Kamille oder Minze ist viel aufwändiger als die Kultivierung von Getreide. Auch hier sind ausländische Saisonkräfte im Einsatz.

Menschen auf einem Feld
Der Kräuteranbau der Agrarprodukte Ludwigshof eG ist arbeitsaufwändig. Regelmäßig muss Unkraut entfernt werden. Also müssen Arbeiter auf die Felder, denn gerade im Kräuteranbau lässt sich Unkraut nicht einfach mit chemischen Pflanzenschutzmitteln entfernen. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Viele hundert Meter lang ziehen sich die Bahnen von Johanniskraut auf dem Feld. "Das sind vielleicht zehn Hektar", sagt Gunnar Jungmichel und schreitet durch die langen Reihen. Auf dem Feld nebenan findet sich Spitzwegerich, dahinter wächst Mutterkraut. Den größten Anteil bei den Kräutern auf den Flächen der Agrarprodukte Ludwigshof eG hat die Kamille mit etwa 450 Hektar Anbaufläche. Für einen Agrarbetrieb sind es außergewöhnliche Pflanzen. "Es gibt in Deutschland vielleicht 1.200 Hektar, auf denen Kamille wächst." In Thüringen stehen davon 850, und fast die Hälfte fällt auf den Betrieb mit Sitz in Ranis im Saale-Orla-Kreis.

Ein Mann lacht in die Kamera
Gunnar Jungmichel ist Geschäftsführer der Agrarprodukte Ludwigshof mit Sitz in Ranis. Von mehr als 4.000 Hektar Gesamtfläche nutzt die Genossenschaft in diesem Jahr etwa 550 für den Anbau von Kräutern. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Geliefert wird die Kräuterernte überwiegend an einen Großhändler, der auch bei der Größe der Anbaufläche für eine bestimmte Sorte mitreden darf. "Dafür wissen wir auch, zu welchem Preis uns die Ernte abgenommen wird", sagt Jungmichel. Bei Getreide etwa hänge das in der Regel am Weltmarktpreis. Falle die Erntemenge größer aus, bevorrate sich der Händler, um künftige Mindererträge ausgleichen zu können. Wenn weniger geerntet wird, verdient der Betrieb weniger, muss aber auch nicht die vereinbarte Menge liefern.

Mehr als 4.000 Hektar Fläche bewirtschaftet die Agrarprodukte Ludwigshof eG insgesamt, etwa 550 Hektar werden in diesem Jahr mit Kräutern bepflanzt. 1.500 Mastschweine gehören ebenfalls zum Betrieb, ebenso 1.000 Milchkühe, mehr als 100 Mutterkühe sowie Schafe, Ziegen, Pferde und Hühner. 120 Mitarbeiter kümmern sich um alles, hinzukommen bis zu 70 Saisonkräfte.

Kreuzkraut auf den Feldern ist nicht nur lästig, sondern kann auch dem Menschen schaden

Von ihnen ist ein gutes Dutzend gerade auf dem Johanniskraut-Feld nahe Rockendorf im Saale-Orla-Kreis unterwegs, "bewaffnet" mit Hacken zur Unkrautbekämpfung. Weniger Löwenzahn als vielmehr Hirtentäschel, Storchschnabel und Taubnessel müssen entfernt werden. "Richtigen Ärger macht das Kreuzkraut, denn das bildet einen giftigen Abwehrstoff." Der finde sich am Ende auch im Honig und könne unbeabsichtigt auch den Menschen schädigen. Daher werden entfernte Pflanzen nicht einfach nur am Feldrand abgelegt, sondern in Beutel gepackt und fachgerecht entsorgt.

Menschen auf einem Feld
Katrin Caspari ist seit Jahren als Saisonarbeiterin auf den Feldern des Betriebs unterwegs. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Katrin Caspari kommt mit ihrer Harke langsam voran, immer wieder hackt sie unerwünschte Pflanzen heraus. Schon seit Jahren ist sie im Sommer auf den Feldern der Agrargenossenschaft unterwegs. "Im Moment sind es sieben bis acht Stunden am Tag", berichtet sie. Sobald es im Sommer wärmer wird, dürfte die Zahl der Stunden für einzelne Arbeiter zurückgehen, erwartet Jungmichel. Bei mehr als 30 Grad sei die Arbeit deutlich unangenehmer als jetzt im Frühjahr.

Abnehmer inspiziert jedes Jahr seinen Abschnitt

In diesem Tagen kommen neben einheimischen Arbeitern noch zwölf Saisonkräfte aus Polen hinzu. "Vier am Mittwoch, die anderen zehn Tage später." Ihre Unterbringung ist derzeit schwieriger, denn hier müssen Abstandsregelungen eingehalten werden. Was im Moment leichter ist, denn das auf dem Hof befindliche Hotel, das als Tochterunternehmen zum Betrieb gehört, beherbergt derzeit weder Schulklassen noch andere Gäste. Dass sie überhaupt kommen, war lange nicht recht klar, denn um die Corona-Ausbreitung einzudämmen, gelten an vielen Grenzen Reisebeschränkungen.

Aber wo landen die geernteten Pflanzen am Ende? "Minze zum Beispiel in der Zahnpasta oder im Teebeutel", sagt Jungmichel. Hier wird auch die gesamte Pflanze genutzt. Bei der Kamille hingegen ist nur das Blütenköpfchen interessant – für Tee oder für Kosmetik. Eine Apothekerfamilie aus Schwaben inspiziere jedes Jahr einen Feldabschnitt, auf dem für sie Kamille angebaut wird. "Wir wissen immer genau, was wir wo auf den Feldern wann gemacht haben." Qualität und Transparenz seien die wichtigsten Maßstäbe. In anderen Ländern außerhalb Europas könne man durch viel niedrigere Personalkosten über den Preis gehen. Hier bewege man sich nahe an der Bio-Qualität und bespreche viele Arbeitsschritte vorher mit dem Kunden.

Mancher Kunde schaut sich vor Ort an, wie seine Pflanzen auf den Feldern gedeihen

Pflanzen auf einem Feld
Die Kräuter aus Ranis finden Anwendung in Arzneien, Kosmetik und in Tees. Im Bild ist eine Mutterkraut-Pflanze zu sehen. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Sorgen macht Jungmichel derzeit die Trockenheit. "Im April hat die von uns betreute Wetterstation sechs Millimeter Regen gemessen. In den ersten Maitagen waren es bisher fünf Millimeter." Das sei "viel viel viel zu wenig", sagt der Chef. "Normalerweise müsste die Bewässerung jetzt schon unter Volldampf laufen." Aber der Saale-Orla-Kreis habe die Beschränkungen der Wasserentnahme aus dem vergangenen Sommer und Herbst nie außer Kraft gesetzt. "Also müssen wir uns jetzt mit der Unteren Wasserbehörde absprechen." Einen kleinen Feldabschnitt mit Kamille habe man vor zwei Wochen wässern müssen. "Sonst wären die Jungpflanzen nach drei Tagen tot gewesen."

Kamille gehört zu den Pflanzen, die durch die Mitarbeiter des Betriebs gesät werden. Andere Pflanzen, etwa Johanniskraut oder Pfefferminze werde von Gärtnereien aufgezogen und als Jungpflanze in den Boden gebracht. "Wir haben das auch mal mit Kamille probiert, aber das ist zu teuer." Auch Brennnesseln oder Löwenzahn könne man auf Wunsch anbauen. "Das wird durchaus auch gemacht, aber bei uns derzeit nicht."

Die Erntemengen seien dabei höchst unterschiedlich. "Bei Kamille kann man pro Hektar vielleicht 500 Kilogramm getrocknete Ware gewinnen." Bei der Pfefferminze seien es durchaus 4.000 Kilogramm. "Aber da erntet man ja auch die ganze Pflanze." Im Anschluss würden die Pflanzen grundsätzlich getrocknet, verpackt und dann bis zum Frühjahr des nächsten Jahres ausgeliefert. "Der letzte Lkw ist am Montag vom Hof gefahren", sagt Jungmichel. Doch schon in wenigen Wochen werden die ersten neuen Pflanzen geerntet.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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