Herbst 1989 Stopp streng verboten: Vor 30 Jahren rollten Flüchtlingszüge durch die DDR

Im Deutsch-Deutschen Museum in Mödlareuth wird in den kommenden Wochen mit zahlreichen Veranstaltungen an die Ereignisse im Herbst 1989 erinnert. Damals brachte Lutz Mai als Lokführer DDR-Flüchtlinge in den Westen. Ein Vorfall auf den Gleisen bereitet ihm bis heute Ungewissheit.

von Marian Riedel

Eröffnung der Sonderausstellung 'Umweg Prag. Die Prager Botschaftsflüchtlinge im Herbst '89' im Königssaal des Hauptbahnhofs Hof.
In Hof ist eine Sonderausstellung zu den Prager Botschaftsflüchtlingen eröffnet worden. Auch der ehemalige Lokführer Lutz Mai (vorn links) war als Zeitzeuge dabei. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

30 Jahre nach den aufregenden Tagen vom Herbst 1989 sind wir verabredet am Bahnhof in Reichenbach (Vogtland). Lutz Mai hat zugesagt, mit nach Hof zu fahren. In der bayrischen Stadt ist am Montag die Sonderausstellung "Umweg Prag. Die Prager Botschaftsflüchtlinge im Herbst '89" eröffnet worden - Auftakt für ein umfangreiches Jubiläumsprogramm, das seinen Schwerpunkt an der thüringischen Grenze haben wird.

Heute ist eine solche Reise von Ost nach West für niemanden ein Problem. Damals? Für die meisten DDR-Bürger war es undenkbar, in Reichenbach einfach in einen Zug zu steigen und kurz darauf in Hof anzukommen. Sagt Lutz Mai, der Oberlokführer a.D.. Eisenbahner mit Leib und Seele ist er auch heute noch, obwohl er ja längst Ruheständler ist. Und der Hauptbahnhof in Hof ist für ihn durchaus ein besonderer Ort.

Umweg Prag – der Weg aus der DDR in die Freiheit

Hof Hauptbahnhof. Das war der Zielort für Züge, die von Prag aus Tausende DDR-Flüchtlinge in den Westen brachten. Die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland war im Herbst 1989 im Ausnahmezustand: Arbeitsräume von Diplomaten wurden freigemacht, Zelte im Garten aufgebaut und selbst die Treppenaufgänge des Palais Lobkowitz dienten als Quartier für Menschen aus der DDR. Zeitweise waren es mehr als 5000 auf einmal.

Ende September 1989 beschloss das Politbüro in Berlin in einer Kurz-Sitzung, dass die DDR-Bürger aus den Botschaften in Prag und Warschau mit Zügen der Deutschen Reichsbahn in die Bundesrepublik gebracht werden dürfen. Schon einen Tag später überbrachte Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher den Flüchtlingen in Prag die gute Nachricht persönlich. Von diesem 30. September an rollten sie, die Züge in die Freiheit - zunächst über das Territorium der DDR.

Zelte vor der Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, 1989
Als immer mehr Flüchtlinge aus der DDR nach Prag kamen, wurden Zelte vor der Botschaft der Bundesrepublik aufgebaut. Bildrechte: dpa

DDR-Flüchtlinge drängen sich in den Zügen

Lutz Mai erinnert sich: Schon die ersten sechs Züge fahren durch Reichenbach. Als am 5. Oktober die zweite Flüchtlingswelle rollt, führt die Strecke für drei von acht Zügen wieder über Mais Heimatort - da sind die die Zugänge zum Bahnsteig vernagelt. Die dritte Folge mit neun Zügen wird dann komplett am Vogtland vorbei durch Bayern geleitet, am 4. November 1989. Aber immer ist es das gleiche Bild. In den Waggons drängten sich Menschen, die nun auf die Hilfe von Verwandten in der BRD hofften. Und solche, die dort niemanden kannten. Ganze Familien waren auf dem Weg ins Ungewisse.

DDR-Bürger klettern 1989 über den Zaun der bundesdeutschen Botschaft in Prag.
Die Botschaft in Prag erlebte im Herbst 1989 einen Flüchtlingsansturm. Bildrechte: dpa

Geschichten über die Geschichte sammeln

30 Jahre sind vergangen. Ein guter Anlass, Geschichten über die Geschichte zu sammeln, meint auch Dr. Christoph Israng, der heute deutscher Botschafter in Prag ist. Sein Team rief deshalb schon vor Monaten auf: Zeitzeugen und ihre Geschichten gesucht! In einem Facebook-Bericht erinnert sich eine Frau, wie die Flucht ihrer Familie zunächst an der Grenze nach Ungarn scheiterte, es dann aber noch gelang, Hilfe in Prag zu bekommen: "Wir konnten in dieser Nacht über den Haupteingang das Gebäude betreten und wurden herzlich empfangen. Es wurde uns ein Schlafplatz in einem Zelt zugewiesen. Es war schon sehr kalt. Am Abend des 4. Oktober konnten wir mit den Zügen ausreisen und waren nach einer anstrengenden Nacht am Morgen in Hof in Bayern."

Glücksgefühle in den Waggons - Stress auf dem Führerstand

Gut denkbar ist, dass diese Zeitzeugin damals in dem Zug saß, den Lutz Mai am 5. Oktober in Reichenbach als Lokführer übernommen hat. Mit einem Fahrbefehl, den er nie vergessen wird: kein Halt unterwegs, auch nicht, wenn Personengruppen bis zu fünf Menschen auf den Schienen sind! Lutz Mai nahm die Anordnung zur Kenntnis - doch er war nicht bereit, sie zu befolgen. In der Nähe von Plauen versuchte er, den Zug zum Stehen zu bringen: Im Gleis lag das Oberteil eines Kinderwagens. Sein Bremsversuch aber wurde vereitelt.

Der ehemalige Lokführer Lutz Mai zeigt die Stelle, an der sein Zug 1989 einen Kinderwagen überfahren hat.
Der ehemalige Lokführer Lutz Mai zeigt die Stelle, an der sein Zug 1989 einen Kinderwagen überfahren hat. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Ein Begleiter auf dem Führerstand - im offiziellen Sprachgebrauch ein "eisenbahntechnischer Mitarbeiter" griff ein und sorgte dafür, dass der Kinderwagen einfach überrollt wurde. Lutz Mai hofft bis heute, dass der Kinderwagen leer war. Gewissheit habe er nicht, erzählt er auf unserer Fahrt nach Hof.

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution, die auch mit den Zügen aus Prag ins Rollen kam, war Lutz Mai nun dabei, als die Ausstellung "Umweg Prag" in Hof eröffnet wurde. Ab Oktober wird die Schau im Deutsch-Deutschen Museum in Mödlareuth zu sehen sein. Sie erinnert an viele Fakten und Emotionen im Herbst '89. An Situationen, zu denen auch der Stress und die Angst gehören, die der Lokführer Lutz Mai damals durchlebte.

Herbst '89: Veranstaltungen im Deutsch-Deutschen Museum Mödlareuth Auftakt für das Jubiläumsprogramm war am Montag, dem 23. September, mit der Eröffnung der Sonderausstellung "Umweg Prag. Die Prager Botschaftsflüchtlinge im Herbst '89" im Königssaal des Hofer Hauptbahnhofs. Alle weiteren Veranstaltungen bis Ende des Jahres finden auf dem Gelände des Deutsch-Deutschen Museums in Mödlareuth statt, darunter Sonderausstellungen, Schülerprojekte sowie Gedenkveranstaltungen. Am 9. November etwa feiert das Museum den Jahrestag der Grenzöffnung. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann wird dann an der symbolischen Öffnung des Grenztores in der Mauer sowie einem Trabi-Korso durch Mödlareuth teilnehmen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 23. September 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2019, 18:54 Uhr

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