Nach Unfall auf A9 Region Schleiz: Lange Fahrtzeiten für Rettungswagen in der Kritik

Weil der einzige verfügbare Arzt im Urlaub ist, geht in der Notaufnahme in Schleiz gerade gar nichts mehr. Rettungsdienste müssen Verletzte jetzt in andere Krankenhäuser bringen, was längere Fahrtzeiten zur Folge hat. Aber: Schwerverletzte Patienten wurden schon vorher nicht mehr nach Schleiz gebracht.

Ein Rettungshubschrauber hebt auf der Autobahn ab
Ein Rettungshubschrauber hebt auf der A9 ab. Wer in der Region Schleiz verunfallt, wird damit in andere Krankenhäuser gebracht. Bildrechte: MDR/ Ronny Schuberth

Es war am späten Freitagnachmittag, als Stadtbrandmeister Ronny Schuberth die Nachricht erreichte: Die Chirurgie und Teile der Notaufnahme im Kreiskrankenhaus in Schleiz werden ab sofort für drei Wochen geschlossen. Die Gründe habe der Geschäftsführer der Klinik, Ralf Delker, so mitgeteilt: "Weil der einzige verfügbare Arzt im Urlaub ist", sagt Ronny Schuberth.

Der Feuerwehrmann kann das nicht nachvollziehen. "So eine Urlaubsvertretung kann man doch planen", meint er. Er befürchtet, die Stationen könnten den Sanierungsplänen der Klinik-Geschäftsführung zum Opfer fallen. Dass Teile der Notaufnahme und die Chirurgie in Schleiz nicht mehr angefahren werden können, das stelle vor allem den Rettungsdienst im Saale-Orla-Kreis vor neue Herausforderungen. Denn: Die Fahrtzeiten zu den nächsten Krankenhäusern - zum Beispiel nach Greiz, Jena, Pößneck oder Gera - liegen von Schleiz aus immer bei mindestens rund 40 Minuten.

Vier Rettungswagen und ein Notarzt im Einsatz

Bei einem Verkehrsunfall auf der Autobahn A9 am Montagnachmittag hat sich das für Ronny Schuberth schon bewiesen. Zwei Autos hatten sich bei Triptis mit hoher Geschwindigkeit gestreift und überschlagen, erzählt Schuberth, der den Einsatz der Feuerwehr geleitet hat. Ein Notarzt und vier Rettungswagen waren zeitweise am Unfallort. Vier Menschen mit leichten bis mittelschweren Verletzungen wurden mit drei Rettungswagen ins Klinikum nach Gera gefahren. Etwa 40 Minuten habe die Fahrt gedauert, sagt er. Und: die gleiche Zeit noch einmal zurück. "Im Rettungsdienst ist das zu viel", sagt er. "Wäre zeitgleich ein zweiter Unfall passiert, die Retter hätten nicht zur Verfügung gestanden."

Ein Rettungshubschrauber steht auf der Autobahn. Im Graben liegt ein verunfalltes Auto auf dem Dach.
Einsatz auf der A9 bei Schleiz: Die Verletzten wurden ins 40 Minuten entfernte Krankenhaus nach Gera gebracht. In dieser Zeit standen die Rettungswagen für andere Einsätze nicht zur Verfügung. Bildrechte: MDR/ Ronny Schuberth

Rettungsdienst kann "Goldene Stunde der Rettung" nicht mehr einhalten

Insgesamt gibt es laut Schuberth sieben Rettungswagen, die sich über den Saale-Orla-Kreis verteilen. Der Landkreis ist flächenmäßig der drittgrößte in Thüringen. Die Einwohnerzahlen sind mit etwa 80.000 vergleichsweise niedrig. Ronny Schuberth sieht mit der Schließung der Chirurgie und Teilen der Notaufnahme die medizinische Versorgung der Menschen in Schleiz und im Umland in Gefahr. "Die Rettungszeiten für Notfallpatienten werden sich verlängern", befürchtet er. Außerdem kritisiert er, dass das Krankenhaus in Schleiz seinen Versorgungsauftrag nicht mehr erfüllen kann. Und: Schuberth befürchtet, dass die Retter die "Goldene Stunde der Rettung" nicht mehr einhalten können. Ihr Grundsatz: Für Schwerverletzte sollte vom Unfallzeitpunkt bis zur Behandlung im Krankenhaus nicht mehr als eine Stunde vergehen. Ansonsten sinke die Überlebenswahrscheinlichkeit dramatisch.

Sebastian Lang, der Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der in Thüringen tätigen Notärzte (AGTN) bestätigt das. Er sagt aber auch, dass schwerverletzte Patienten schon zuvor nicht mehr ins Krankenhaus nach Schleiz gebracht worden seien. Denn: Im Jahr 2018 habe das Krankenhaus das dafür notwendige Zertifikat von der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie nicht mehr erhalten. Der Grund schon damals: Personalmangel. "Patienten mit einzelnen Knochenbrüchen sind in Schleiz gut aufgehoben. Patienten mit schweren Kopfverletzungen aber nicht", sagt Sebastian Lang. Schwerverletzte Notfallpatienten müssten deshalb von Schleiz und Umgebung aus mit dem Rettungshubschrauber zu anderen Krankenhäusern geflogen werden. Zum Beispiel in die Trauma-Zentren des Uniklinikums Jena oder in das Krankenhaus in Pößneck.

"Die medizinische Versorgung verschlechtert sich"

Die Klinik in Schleiz hat den Auftrag zur Grund- und Regelversorgung. "Das ist vor allem für die lokale Versorgung der Menschen wichtig", sagt Sebastian Lang. Ein funktionierendes Krankenhaus brauche aber auch der Rettungsdienst. "Die Rettungsdienstbereichspläne, die festlegen, wie viele Notarztfahrzeuge, Krankentransporter oder Rettungswagen vorgehalten werden, beruhen auf einer gut funktionieren Krankenhausstruktur", sagt Lang.

Wenn das Krankenhaus nicht mehr angefahren wird, dann müssen die Rettungswagen deutlich längere Transportzeiten in Kauf nehmen.

Sebastian Lang, Vorsitzender AGTN

"Sie stünden für einen lokalen Notfall nicht mehr zur Verfügung. Rettungswagen aus weiter entfernten Gebieten müssten hinzugezogen werden. Auch für sie dauere die Fahrt länger. "Die medizinische Versorgung verschlechtert sich", sagt der Mediziner.

Wann die Chirurgie und die Notaufnahme im Krankenhaus in Schleiz wieder öffnen werden? Die Klinik-Geschäftsführung teilte den Mitarbeitern schriftlich mit: "Alle Dienstreihen, außer dem Springer-Nachtdienst, werden vom 31. Juli bis 17. August, 6 Uhr, nicht besetzt. Die betreffenden Mitarbeiter befinden sich in diesem Zeitraum im Frei."

Quelle: MDR THÜRINGEN/jml

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 03. August 2020 | 15:00 Uhr

4 Kommentare

Lothar Thomas vor 29 Wochen

So eine Klinikverwaltung ist kein Kindergarten, da gibt es einen ärztlichen Direktor und einen für die restliche Struktur.

Beide Direktoren bekommen jeweils ein Gehalt, dass im 5-stelligen Bereich vor dem Komma liegt und ich gönne es ihnen, aber trotzdem frage ich mich manchmal, für WAS bekommen diese Leute eigentlich ihr Geld?

Auch an diesem Krankenhaus wird es einen Urlaubsplan geben, der am Anfang des Jahres erstellt wird.

Somit ist doch schon lange im Vorfeld bekannt, dass wenn es nur einen Arzt gibt, es zu einem Engpass kommen wird.

Dem Arzt sei sein Urlaub gegönnt, dafür hatte er ja auch ein Jahr lang hart arbeiten müssen.

Warum haben zwei hochbezahlte Direktoren es nicht verstanden zumindest für die Urlaubszeit eine Vertretung zu organisieren, wenn sie es schon nicht schaffen kontinuierlich zwei Ärzte zu beschäftigen?

Man erlaube mir die Frage,
Sind diese beiden Direktoren wirklich auf diesem Posten die RICHTIGE Besetzung?

oder sind die hier überbezahlt und überflüssig?

Sonnenanbeter vor 29 Wochen

Das ist doch nur eine Frage der Zeit bis das Menschenleben kostet, die man aller Wahrscheinlichkeit nach hätte retten oder gesundheitliche Spätfolgen nach sich zieht, die man hätte vermeiden können. Und das kann man mit keinem Geld der Welt gutmachen. 1 Szenario: Massenunfall auf der A9. Ein Krankenhaus so nah an der A9, im Prinzip an technischen und räumlichen Voraussetzungen wohl auch noch alles vorhanden. Nur am Personal soll es scheitern? Und die anderen sollen das dann irgendwie auffangen? Hat eigentlich jemand mal die Gegenrechnung aufgemacht? Was kosten die zusätzlichen Kilometer / Einsatzstunden / Wartungsaufwand etc. der Rettungsdienste / Rettungshubschrauber eigentlich? Vollkommen irre diese Provinzposse. Und da wundert man sich auch noch allen Ernstes, dass es die Bevölkerung mehr und mehr in die Großstädte drängt?

part vor 29 Wochen

Eigentlich ein Grund für die verantwortliche Landrätin umgehend ihren Rücktritt einzureichen, würde ich meinen.

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