Schülerin Leni Handschke steht vor einer grünen Wiese und spricht über fehlende Radwege im Saale-Orla-Kreis.
Schülerin Leni Handschke findet das Fahrradfahren auf den Straßen im Saale-Orla-Kreis zu gefährlich. Bildrechte: MDR/Dian Zwetkow

Schleiz Schüler fordern nach tödlichem Unfall mehr Radwege im Saale-Orla-Kreis

Die 7b der Goetheschule aus Schleiz ist sich einig: Der Saale-Orla-Kreis muss sicherer werden für Radfahrer. Der tödliche Fahrradunfall zwischen Dittersdorf und Oettersdorf Ende August hat sie dafür sensibilisiert.

von Pia Uffelmann

Schülerin Leni Handschke steht vor einer grünen Wiese und spricht über fehlende Radwege im Saale-Orla-Kreis.
Schülerin Leni Handschke findet das Fahrradfahren auf den Straßen im Saale-Orla-Kreis zu gefährlich. Bildrechte: MDR/Dian Zwetkow

Robert Neundorf aus Oettersdorf im Saale-Orla-Kreis fühlt sich nicht immer sicher beim Radfahren. Wenn er sich auf den Sattel setzt, fährt der Schüler der 7b der Goetheschule in Schleiz nicht gerne auf den großen Straßen. Denn dort gibt es oftmals keinen Radweg. Er nutzt eher die Feldwege oder landwirtschaftliche Wege, wo auch Autos, Lieferwagen oder Traktoren fahren.

Die Straße beispielsweise zwischen Oettersdorf und Görkwitz sei zwar sehr übersichtlich, erklärt der Siebtklässler, aber eben weil sie so übersichtlich sei, würden viele Autos sehr schnell fahren.

Ich habe auch immer mal Angst, dass ein Traktor entgegenkommt, da die Straße nicht sehr breit ist. Wenn, dann müsste ich mit dem Fahrrad in den Straßengraben.

Schüler Robert Neundorf

Schüler der Goetheschule in Schleiz diskutieren im Klassenzimmer über Sicherheit für Radfahrer.
Nach dem tödliche Unfall im Saale-Orla-Kreis fordert die Klasse 7b der Goethe-Schule aus Schleiz mehr Sicherheit für Radfahrer. Bildrechte: MDR/Dian Zwetkow

Mit seiner Erfahrung ist Robert Neundorf in seiner Klasse nicht allein. Ungefähr die Hälfte seiner Mitschüler kommt aus den Dörfern rund um Schleiz und ist davon betroffen, dass es kaum Radwege, sondern nur viel befahrene Landwirtschaftswege, Wald- und Feldwege sowie Ortsdurchfahrten gibt, auf denen auch Radfahrer fahren dürfen.

Aber auch die Schüler, die aus Schleiz kommen, fühlen sich oft auf dem Rad einer Gefahr ausgesetzt. Samuel Fleck beispielsweise fährt auch in der Stadt viel Rad, zu Freunden oder ins Kino, fühlt sich dabei aber auch nicht immer sicher. "Die meisten Autofahrer fahren meist etwas schneller, das ist dann schon gefährlich." Für Leni Handschke, auch aus der 7b, ist Radfahren momentan keine Option: Da müsste die Schleizerin entweder auf dem Fußweg fahren, wo viele Fußgänger unterwegs sind, oder auf der Straße fahren. "Das ist mir zu gefährlich", sagt die Schülerin.

Radweg entlang der Bundesstraße endet plötzlich

An einigen Stellen, wie beispielsweise auf dem Weg von Oettersdorf nach Schleiz, gibt es entlang der Bundesstraße einen Radweg. Aber wer die Strecke nach Dittersdorf mit dem Rad weiterfahren will, ist aufgeschmissen: Der Radweg entlang der Bundesstraße hört einfach auf. An dieser radweglosen Stelle geschah auch der tödliche Unfall, bei dem eine Frau starb und ihre zwei Kinder schwer verletzt wurden.

Eines der verletzten Mädchen geht normalerweise in die 7b der Goetheschule in Schleiz. Die Nachricht, dass ihre Schulkameradin im Krankenhaus liegt und ihre Mutter verloren hat, hat die Schüler der 7b der Goetheschule in Schleiz schockiert. Seitdem ist sicheres Fahrradfahren mehr denn je Thema bei den Jugendlichen. Die Siebtklässler wollen wissen, wieso es nicht mehr sichere Radwege in Schleiz und in die Dörfer gibt.

Mit dem Fahrrad problemlos von A nach B zu kommen, wäre für die Schüler auch ein Stück Freiheit. Momentan muss beispielsweise sich Schülerin Anik Enterlein aus Crispendorf immer von ihren Eltern fahren lassen, wenn sie in ihrer Freizeit ihre Freunde sehen will. Hannes Manger aus der 7b findet, dass die Fahrradwege auch in Bezug auf den Klimaschutz wichtig sind. "Wenn man weniger mit dem Auto fahren soll und dafür Fahrrad fahren, dann sollen wir auch sicher ankommen."

Ein weiß gestrichenes Fahrrad mit Blumen erinnert an die Frau, die bei einem Unfall im Saale-Orla-Kreis ums Leben kam.
Ein "Ghost-Bike" - ein weiß gestrichenes Fahrrad - erinnert an die Frau, die bei einem Unfall im Saale-Orla-Kreis ums Leben kam. Bildrechte: MDR/Dian Zwetkow

Nur wenige Straßen in Thüringen mit Radwegen ausgestattet

Radwege sind nicht nur im Saale-Orla-Kreis, sondern in ganz Thüringen rar gesät. Von insgesamt 8977 Kilometern Bundes-, Land- und Kreisstraßen im Freistaat sind nur 819 Kilometer mit einem straßenbegleitenden Radweg ausgestattet, wie das Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft MDR THÜRINGEN mitteilte. Das entspricht nur neun Prozent der Strecke.

Auch der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) ordnet Thüringen im Bundesvergleich auf den hinteren Plätzen ein. Es werde politisch sehr viel Wert auf touristische Wege gelegt, sagt Tina Feddersen vom ADFC Thüringen. Mit diesen sei Thüringen auch gut ausgestattet, wie beispielsweise der Unstrut-Radweg oder der Ilmtal-Radweg. Auch im Saale-Orla-Kreis gibt es touristische Radwege, wie einen Teil des Radfernweges Euregio Egrensis und Bereiche des Saale-Radweges.

Alltagsradwege, die mir wirklich Montag bis Freitag nutzen, wenn ich zur Arbeit oder zur Schule oder zum Ausbildungsplatz möchte, die fehlen an den meisten Stellen.

Tina Feddersen, ADFC Thüringen

Tina Feddersen vom ADFC.
In Thüringen mangele es an Radwegen für den Alltagsbedarf, sagt Tina Feddersen vom ADFC. Bildrechte: MDR/Dian Zwetkow

Aber was ist eigentlich passiert beim Ausbau der Radwege in den vergangenen Jahren? Einiges an Geld ist auf jeden Fall geflossen: Zwischen 2015 und 2019 wurden insgesamt mehr als 30 Millionen Euro Bundes- und Landesmittel für Radwege ausgegeben. Außerdem wurde vergangenes Jahr das Radverkehrskonzept von 2008 aktualisiert. Darin wird auch der dringende Ausbaubedarf der straßenbegleitenden Radwege festgestellt.

Bei der Ausstattung von Bundes- und Landesstraßen mit Radwegen liegt Thüringen im Vergleich zu anderen Ländern weit hinten.

aus dem Radverkehrskonzept, Stand 2018

Für die Strecken rund um Schleiz, also die Wege, die die Schüler auf dem Weg zur Schule nehmen könnten, seien momentan keine neuen Radwege geplant, teilt das Ministerium MDR THÜRINGEN schriftlich mit. Das Ministerium nehme die Anfrage der Schüler aber zum Anlass, den Bedarf nach Radwegen rund um Schleiz zu ermitteln. Die Thüringer Straßenbauverwaltung führe gegenwärtig ohnehin landesweit zahlreiche Verfahren zur Bedarfsermittlung durch.

Schüler zeigen auf einer Landkarte, aus welchen Orten sie nach Schleiz zur Schule fahren.
Aus verschiedenen Orten fahren die Schüler nach Schleiz zur Schule. Oft gibt es keine Radwege für diese Strecken. Bildrechte: MDR/Dian Zwetkow

Bis aus der Bedarfsermittlung ein neuer Radweg für die Schüler der 7b und alle weiteren Fahrradfahrer im Saale-Orla-Kreis entstehen wird, kann es sicherlich noch etwas dauern. Dass der Bedarf da ist, ist zumindest in der Goetheschule deutlich zu spüren.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 07. Oktober 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Oktober 2019, 20:26 Uhr

7 Kommentare

Eulenspiegel vor 1 Wochen

Hallo Realist
Und deswegen fordern sie was?
Das es keine weiteren Radwege mehr geben darf?
Das die Radfahrer weite Freiwild für die Autofahrer bleiben sollen weil sie im Grunde ja kein Existenzrecht haben? Oder was?
Sie wollen also eine Autofahrerdiktatur!

Realist2014 vor 1 Wochen

Ich bin auf das Auto beruflich definitiv angewiesen und ich will übrigens auch nicht (weder beruflich und privat) auf das Auto verzichten. Noch lebe ich ja in einem freien Land, und nicht im Ökkokommunismus, auch wenn das Teile des linken Lagers und Klimareligiöse offenbar gerne ändern wollen.

J.Heder vor 1 Wochen

Und bevor es wegen dieser Meinung zu "etwas schiefen politisch angehauchten" Diskussionen kommt, ja ich bin auch weitestgehend beruflich getrieben Auto gefahren, auch in der schönen Thüringer Landschaft.
Und heute bin ich durch die Folgen eines AUTOUNFALL ein gesundheitliches Wrack geworden und die eigentlich Verantwortlichen; der Unfallverursacher und die Berufsgenossenschaft drücken sich um die angemessenen Rehabilitationen und Geldleistungen so gut es nur möglich ist.
Und wenn jetzt jemand sagt "Ich kann durch meine Tätigkeit nicht auf Autos verzichten... " muß ich leider sagen das ich in den letzten 2 Jahren den Gegenbeweis als Kundenberater und Bauleitung allein mit dem ÖPNV, geschickter Organisation und teilweise Homeoffice erbracht habe.
Allerdings ist hier auch ein großes Versäumnis der Politiker und mancher Arbeitgeber deutlich spürbar.
Wir müssen unsere gesamte Lebens, und Arbeitsweise hinterfragen!

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