Haus des Volkes, Bauhaus-Hotel, verschiedene Perspektiven.
Über Probstzella thront das "Haus des Volkes" Bildrechte: Michaela Reith

"Bauhaus heute" - Reportage-Reihe Das "Haus des Volkes" - Ein Hotel wie ein "gelandetes UFO"

Das "Haus des Volkes" in Probstzella war lange Zeit nicht dem gesamten Volk bekannt. Das größte Bauhaus-Ensemble in Thüringen lag zu DDR-Zeiten im Sperrgebiet der innerdeutschen Grenze. Das heutige Hotel geriet so für lange Zeit in Vergessenheit. Nach der Restaurierung 2003 erwachte es langsam aus dem Dornröschenschlaf. Heute wirbt das Hotel mit dem Slogan "Übernachten im Museum". Doch als das Hotel 1927 eröffnete, war es bereits seiner Zeit voraus.

von Michaela Reith

Haus des Volkes, Bauhaus-Hotel, verschiedene Perspektiven.
Über Probstzella thront das "Haus des Volkes" Bildrechte: Michaela Reith

"Das müsste man ja alles abkloppen!", soll der Bauhaus-Schüler Alfred Arndt (1898-1976) gesagt haben, als er zu Beginn der Bauphase zufällig die ursprünglichen Entwürfe für das "Haus des Volkes" sah. Sie orientierten sich am Geschmack der Zeit, der noch von Historismus und Jugendstil geprägt war. Eine Schmuckfassade, ein Giebel für das Dach und skulpturale Elemente sollten das Hotel unter anderem zieren. Dazu kam es jedoch nie. Arndts Forderung traf auf offene Ohren beim modern denkenden Bauherrn und Unternehmer Franz Itting (1875-1967). Er zahlte seinen ersten Architekten aus und engagierte den 28-jährigen Arndt, der für das Bauprojekt sogar sein Studium unterbrach. Arndt hatte sich mit der Wandgestaltung im "Haus am Horn" in Weimar und "Haus Auerbach" in Jena bereits einen Namen gemacht. Als Architekt war er bis dahin unbekannt.

Ittings "Haus des Volkes" sollte ein Kulturpalast für die Beschäftigten seines 1908 errichteten Elektrizitäswerkes werden. Deswegen hörte sein Hotel nicht bei den Gästezimmern auf: Von Anfang an waren ein Kino, Tanz- und Theatersaal, eine Kegelbahn, Bibliothek, Sauna und eine Parkanlage mit Kiosk, Bühne und Turnhalle vorgesehen. Der Bauherr war Sozialdemokrat mit Leib und Seele. Sein Engagement brachte ihm deshalb schnell den Beinamen der "Rote Itting" ein.

Wie aus einer anderen Welt

Heute steht Dieter Nagel auf der Arndt'schen Terrasse und lässt seinen Blick über das unter ihm liegende Loquitztal schweifen. Der jetzige Miteigentümer des Hotels überlegt, wie das neuartige Ensemble auf die damalige Probstzellaer Gesellschaft gewirkt haben muss: "Die Leute in den 1920er-Jahren waren natürlich von einer anderen Formensprache geprägt. Als sie die moderne Architektur des 'Haus des Volkes' kennengelernt haben, muss es für sie wie ein gelandetes UFO gewesen sein."

Das Bauwerk am Hang dominiert auch heute durch seine schiere Größe den kleinen Ort. Dabei war die Zukunft des Hauses mit dem Ende der DDR lange ungewiss. Sogar ein Abriss wurde diskutiert. Bis Dieter Nagel und zwei Miteigentümer die leer stehende Ruine 2003 übernahmen. Ihr Ziel: im Sinne des Vordenkers Itting das Hotel für die Region als Tourismuszentrum und kulturelle Stätte wiederzuerwecken. Sie ließen das Hotel denkmalgerecht sanieren. Fünf Jahre später konnten die ersten Koffer in die rekonstruierten Zimmer gerollt werden.

Alte Räume – Neue Nutzung

Unweit von der Terrasse liegt - als ein verlängerter Arm des Hauptgebäudes - der Kaffeepavillon. Der verglaste zweistöckige Bau setzt sich stark vom Hotel ab. Er trägt deutlich die Handschrift des Bauhauses: Flachdach, reduzierte Fassade und Fenster mit Messingrahmen, die die Experimentierfreude der Bauhäusler mit unterschiedlichen Materialien zeigen. Der an einen alten Personenwagen der Eisenbahn erinnernde Kaffeepavillon wird deshalb "D-Zug" genannt. Nur für die Farben im Innern des Kaffeepavillons existierten noch handschriftliche Originalvorgaben von Alfred Arndt. Als Kaffeepavillon wird der Flachbau heute nicht mehr genutzt. An dem Ort, an dem sich Hotelgäste einst zu Kaffee und Kuchen trafen, geben sich heute Brautpaare das Ja-Wort.

"Der Geist des 'Hauses des Volkes' lebt von den Leuten, die ihre Erfahrung mit dem Haus gemacht haben.  Die Älteren der 1930er- und 1940er-Jahren bringen ganz andere Erfahrungen ein als die jüngere Generation.", sagt Dieter Nagel. In den Nachkriegsjahren zählte das "Haus des Volkes" zum größten Arbeitgeber der Region. Auch für Hildegard Friebel, die 1952 in der Hotelküche anfing. Sie und ihre Freundinnen treffen sich nun alle 14 Tage zum Bowlen im "Haus des Volkes". Die ehemalige Arbeitsstätte hat sich für sie in einen Ort der Zerstreuung verwandelt. Zu Ittings Zeit wurde gekegelt, jetzt gebowlt.

Kein Hirschgeweih und viel Hall

Bei der Neugestaltung des Hauses wollte Nagel den "Arndt-Habitus" treffen, deshalb ging er mit der Ausstattung der Räume vorsichtig um. Das schließt nicht aus, dass neben rekonstruiertem Mobiliar im Bauhaus-Charakter auch Ausstattung aus der heutigen Zeit steht. Trotzdem gibt es für Dieter Nagel auch da eine Grenze:


Irgendein Kitsch wie Hirschgeweihe käme mir nicht ins Haus. Das passt sicherlich in Kneipen, aber nicht hierher. Ansonsten sind wir in der Gestaltung auch freier. Auch ein Bild kann schon einmal aufgehangen werden. Wir wollen in den Räumlichkeiten aber auch die klaren Flächen und Linien leben lassen.

Dieter Nagel Miteigentümer

Einziger Nachteil: Die meist kahlen Wände absorbieren den Schall nicht. Wenn im "Blauen Saal", im pastellblauen Restaurant des Hauses viele Gäste einkehren, sei Tellerklappern und Besteckkratzen laut zu hören.

Von Baumärkten, Bauhaus und Plan B

Nicht nur Bauhaus-Fans mieten sich in das Hotel im Thüringer Süden ein, sondern auch viele Wanderer, die wegen des "Grünen Bandes" kommen. Entlang der ehemaligen streng bewachten Grenze konnte sich die Natur ohne große Eingriffe entwickeln. Dieser grüne Korridor ziehe viele Gäste an. Das führte bisweilen zu Nachfragen, warum das "Bauhaus"-Hotel einen Beinamen trage. "Ich bin schon von Gästen angesprochen worden: Hätten wir vielleicht alle Materialen, die wir zur Rekonstruktion des Hotels gebraucht haben, vielleicht vom gleichnamigen Baumarkt?", sagt Dieter Nagel und lacht. Ihn stört das nicht. Er ist sich sicher, dass die Gäste auch so auf den Geschmack von Bauhaus kommen.

Heute ist die größte Herausforderung für die Eigentümer nicht ausbleibende Gäste, sondern vor allem der Fachkräftemangel in der Region. Mitarbeiter für das hoteleigene Restaurant und für Rekonstruktions- und Umbauarbeiten am Hotel zu gewinnen, sei nicht mehr so einfach wie noch vor ein paar Jahren, sagt Nagel. Er hofft auf mehr Aufmerksamkeit durch das anstehende Bauhaus-Jubiläum im Jahr 2019.

Bauhaus heute

Moderne Architektur bedient sich auch in der heutigen Zeit klarer geometrischer Formen und reduzierter Bauelemente. Auf den heutigen Betrachter mag das Bauhaus-Hotel in Probstzella deshalb nicht mehr wie ein UFO erscheinen. Auch der Satz "Übernachten im Museum" trifft es nicht ganz. Das Hotel im Thüringer Osten wirkt weder antiquiert, noch angestaubt - 100 Jahre nach der Gründung der Bauhaus-Schule ist das "Haus des Volkes" in Probstzella vor allem eins - zeitlos.


Infobox "Haus des Volkes": ▪ 1908 errichtete der Industrielle und Sozialdemokrat Franz Itting ein Elektrizitätswerk in Probstzella, das die Region mit Strom versorgt
• 1925 Itting baut für seiner Arbeiter und die Region das Gäste- und Veranstaltungshaus "Haus des Volkes". Die Arbeiten beginnen anfänglich noch unter den Architekten Hermann Klapproth, Itting engagiert dann Bauhaus-Schüler Alfred Arndt und zahlt Klapproth aus
▪ 1925-1927 Alfred Arndt stellt in Zusammenarbeit mit den Werkstätten des Bauhauses u.a. mit seiner Frau Gertrud Arndt das Hotel fertig
• 1927 Am 1. Mai wird das Hotel feierlich eröffnet
• 1933 Bauherr Franz Itting kommt für einige Tage in Schutzhaft
• 1936 Schriftzug "Haus des Volkes" muss entfernt werden
• 1937 Der als "Rote Itting" bekannte Sozialdemokrat wird nach einer Auseinandersetzung mit dem NSDAP-Kreisleiter inhaftiert und kommt für einige Wochen in das Konzentrationslager Bad Sulza, später nach Buchenwald
• nach 1945 regionale Zolldienststellen beziehen das "Haus des Volkes"
• 1948 Itting kommt für 14 Monate in Untersuchungshaft in das Geraer Gefängnis Amthordurchgang, später Marstall-Gefängnis in Weimar
• 1949 Prozess am Landgericht Rudolstadt wegen des Vorwurfs, ein "wesentlicher Nutznießer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" gewesen zu sein, anschließend Verurteilung, Familie Itting wird enteignet
• 1950 Familie Itting flüchtet nach Ludwigsstadt
• 2003 Dieter Nagel, seine Frau Antje und ein Mitstreiter ersteigern das Objekt, Sanierungsarbeiten am "Haus des Volkes" beginnen
• 2005 Das hoteleigene Restaurant eröffnet
• 2008 Eröffnung des Hotels
• 2013 Das Hotel erhält seinen Schriftzug "Haus des Volkes" zurück

Quelle: MDR THÜRINGEN/mr

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Zuletzt aktualisiert: 09. September 2018, 10:00 Uhr

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