Schwarza | Bad Blankenburg Zu mild: Bachforellen schlüpfen drei Wochen früher als sonst

Die milden Temperaturen schlagen nicht nur Schneefreunden aufs Gemüt, sondern lassen bereits wohlige Frühlingsgefühle erwachen. Im Fisch-Bruthaus wimmelt es schon von schlüpffreudigen kleinen Bachforellen. Bis sie im Bachwasser schwimmen dürfen, müssen sich die Flossenfreunde aber noch bis in den April hinein gedulden.

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Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

von Franziska Heymann

Tausende stecknadelkopfgroße gallertartige Kügelchen mit schwarzen Pünktchen lagern im Fisch-Bruthaus an der Schwarza. Die schwarzen Pünktchen - das sind Augen, und die Kügelchen, die werden in den nächsten Tagen zu gut ein Zentimeter langen Miniforellen. Im Bruthaus des Fischereisportvereins Bad Blankenburg fließt etwa vier Grad kaltes Bachwasser durch die Brutrinnen. Das ist zwei bis vier Grad wärmer als es zu dieser Jahreszeit üblich wäre und darum haben es die Bachforellen in diesem Jahr besonders eilig. Drei Wochen früher sind sie dran, Fanni und Flori und ihre rund 180.000 Fischgeschwister.

Stefan Franke und Manfred Schmidt gucken in die Brutrinne und suchen vom Pilz befallene Eier
Stefan Franke und Manfred Schmidt (rechts) gucken in eine Brutrinne und suchen vom Pilz befallene Eier. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Manfred Schmidt und seine "Rentnergang", wie er seine Vereinsfreunde liebevoll nennt, wechseln sich mit der Brutpflege ab. Täglich müssen die Temperatur gemessen und die faulen Eier aussortiert werden - das schaffen die berufstätigen Vereinsmitglieder zeitlich nicht, meint er. "Wir betreuen die Brut, damit keine abgestorbenen Eier im Kasten sind. Abgestorbene Eier verpilzen und stecken die restlichen Eier an. Das werden dann Klumpen. Die müssen also raus, sonst hätten wir nur Schrott hier", erzählt der rüstige Senior und beäugt skeptisch ein Ei auf einem kleinen Saugröhrchen. Bildet sich auf der gelblichen Hülle eine hellere Schicht? Dann fliegt es raus! Die Erfolgsquote ist super: Rund 95 Prozent der befruchteten Eier werden zum Brütling - in der freien Natur entspricht das laut Schmidt dagegen etwa der Ausschussquote.

Hüpferlinge für die Miniforellen

Viel Arbeit haben die Angler vom ersten so genannten Abstreichen der Fische Anfang November bis zum Aussetzen der letzten Fische Anfang Mai. Das frühe Schlüpfen in diesem Jahr erhöht den Aufwand noch einmal: Nach etwa vier Wochen haben die Miniforellen ihren Dottersack aufgebraucht und haben - wie Kinder nun mal so sind - Hunger! Weil die Forellen nicht an fertige Fischpellets gewöhnt werden sollen, bekommen sie winzige Krebschen, die die Angler selbst ranzüchten. "Dann lernen sie gleich, Hüpferlinge zu fangen", sagt Karsten Schmidt vom Verband für Angeln und Naturschutz Thüringen (VANT). Denn das Futter solle nicht einfach durchs Gitter rieseln wie bei Aquakulturen. Die Minifische früher auszusetzen ist im Übrigen keine Option: Aktuell würden die Kleinen zu wenig Plankton finden und verhungern. Und auch ein später Kälteeinbruch im Februar oder März wäre ein Problem.

Rund sieben Kilometer vom Blankenburger Bruthaus entfernt in Schwarza steht das Bruthaus des Angelverbandes. Dort gibt es nicht nur gallertartige Kugeln mit schwarzen Punkten. Nein, es herrscht schon ein Gewusel wie auf dem Jahrmarkt. Weil die Brutrinnen mit knapp zehn Grad warmen, kiesgefiltertem frischen Wasser aus einem Kraftwerk versorgt werden, sind die Fische schon geschlüpft. Die Jüngsten liegen noch bewegungsunfähig zappelnd auf der Seite, andere flitzen schon wild durchs Wasser. Doch bis aus den schwarzäugigen Kugeln und dotterumhüllten Minifischen richtige Bachforellen geworden sind, dauert es drei Jahre. Von den 180.000 befruchteten Eiern werden die meisten den Ausflug in die große, weite Welt der Thüringer Bäche und Flüsse nicht überleben. Zu viele andere Tiere, Fische wie Vögel, haben Lust auf einen kleinen Forellen-Appetithappen.

Dringend gesucht: "Kleine, feine Gewässer"

Die Laichhilfe für Forellen und andere Fische ist laut Schmidt dringend nötig. Durch die Trockenheit und Hitze der vergangenen Jahre, die steigenden Wassertemperaturen und dem damit verbundenen niedrigeren Sauerstoffgehalt in den Gewässern fahren Fische ihre Vitalfunktionen runter, erklärt Verbandschef Karsten Schmidt. Die Folge: Immer weniger Fische produzieren ausreichend Laich, um den Bestand zu sichern: "Es fehlt an fruchtbaren Elterntieren." Der Blankenburger Angelverein hat Glück mit seinem Forellenstamm im Rinnetal: Dort seien etwa 90 Prozent fortpflanzungsfähig, heißt es vom Verein.

Die Angler Werner Schumann und Knuth Herrmann werfen einen prüfenden Blick auf Tabellen
Die Angler Werner Schumann und Knuth Herrmann werfen einen prüfenden Blick auf Tabellen. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Aktuell sucht der VANT beinahe verzweifelt nach einheimischen Fischstämmen mit guter Laichqualität. Zwar gibt es Forellenlaich aus dem Ausland zu kaufen, der soll aber nicht eingesetzt werden. Auch die Bestände in den Flüssen sind ein Mix verschiedenster Fischstämme. "Unser Wunsch ist ein kleines, feines Gewässer wie die Rinne, um einheimische Stämme zu erhalten", sagt Schmidt und schaut fast ein bisschen neidisch zu seinem Namensvetter vom Blankenburger Angelverein.

Von ihm hat der Verband den Großteil seiner Fische im Bruthaus Schwarza bekommen. Denn im Rinnetal gibt es sie noch, die einheimische Bachforelle, die in den Thüringer Flüssen und Bächen wieder angesiedelt werden soll. Amerikanische Wissenschaftler hätten herausgefunden, dass Tiere aus Aquakulturen unfruchtbare Nachkommen erzeugen, sagt Karsten Schmidt. Die Eier werden darum durchs Elektrofischen von frei lebenden Fischen gewonnen - die Tiere kommen nach dem Ablaichen wieder lebend zurück ins Wasser.

Verschlammte Flussbetten töten Larven

Doch nicht nur die unfruchtbaren Elterntiere sind das Problem. "Die Bachforellen schlagen mit ihrem Schwanz eine Laichkuhle in den Kies, legen die Eier ab, nach dem Befruchten decken die Fische die Eier wieder zu", erzählt Karsten Schmidt. Bis zu drei Monate dauert es, bis die Larven schlüpfen. Weil kiesgeprägte Flüsse wie die Saale laut VANT immer weiter verschlammen, ersticken die kleinen Fischlarven. Seit dem vergangenen Jahr hat der Verband für Angeln und Naturschutz Thüringen darum in Orla und Saale probehalber Laichplätze aufbereitet und dabei das Kiesbett mit schwerem Gerät aufgelockert. Dort können Forelle & Co. ihren Laich ablegen. Die zunächst bewegungsunfähigen Larven finden in bis zu 70 Zentimeter tiefem lockeren Gestein Schutz, bevor sie das sichere Gestein für die Nahrungssuche verlassen müssen. Der Verband hofft nun auf weitere Fördermittel, um noch mehr Laichplätze in den Thüringer Flüssen aufzubereiten. Auch die Nase wollen sie ansiedeln, den "Fisch des Jahres 2020".

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 15. Januar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Januar 2020, 10:34 Uhr

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