Polizei beschlagnahmt Chemikalien die zur Herstellung von Sprengstoff geeignet sind in Rudolstadt
Die Polizei beschlagnahmte Chemikalien, die zur Herstellung von Bomben geeignet sind. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gutachten Bombenbauer von Kirchhasel ohne politischen Hintergrund

Der Fall hatte deutschlandweit für Aufsehen gesorgt. Zwei Männer in Ostthüringen horteten kiloweise Chemikalien. Angeblich um Bomben für linksextreme Terroranschläge zu bauen. Am Ende der Ermittlungen stellt sich heraus: Es ging wohl eher um Spaß als um die Revolution.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Polizei beschlagnahmt Chemikalien die zur Herstellung von Sprengstoff geeignet sind in Rudolstadt
Die Polizei beschlagnahmte Chemikalien, die zur Herstellung von Bomben geeignet sind. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Anweisung für den LKA-Beamten Rolf Müller* (*Name geändert) kam von allerhöchster Stelle. Er soll, so die Chefetage des Thüringer Landeskriminalamtes, alles stehen und liegen lassen. Sein neuer Arbeitsplatz für die kommenden Monate sei die Arbeitsgruppe (AG) "Labor", hieß es. Eine eilig zusammengestellte AG, die unter hohem politischem Druck einen Fall aufklären sollte, welcher der rot-rot-grünen Landesregierung mächtig zugesetzt hatte.

Denn am 13. März fanden Polizeibeamte bei Razzien in Rudolstadt und Uhlstädt-Kirchhasel (Landkreis Saalfeld-Rudolstadt) 100 Kilogramm Chemikalien. Diese genau gemischt waren geeignet, um eine Menge Sprengstoff herzustellen. Zudem entdeckten die Fahnder auch 2,3 Gramm Erythritoltetranitrat (ETN), eine erste Kostprobe des selbst laborierten Sprengstoffs der beiden Verdächtigen und bereits 149 fertig gefüllte selbstgebaute Böller.

Politischer Druck führte zur Gründung der AG "Labor"

Was am Anfang nach einem Dumme-Jungen-Streich aussah, entpuppte sich schnell als handfestes Problem. Denn einer der beiden Männer hatte angeblich Kontakte zu Mitgliedern der linksextremen Szene im Raum Saalfeld-Jena. Aus diesem Grund wurde, nach massivem öffentlichem und politischem Druck, auch von der CDU- und AfD-Opposition im Landtag, das LKA mit dem Fall betraut. Nach langem behördeninternen Zuständigkeits-hin-und-her entschied man sich am 19. März für die Gründung der AG "Labor" und berief in diese auch Rolf Müller. Das hatte seine Gründe. Denn Müller war jahrelang Ermittler im Bereich Sprengstoffverbrechen. In der Polizeifachsprache nennt sich das Ermittlungsgebiet "Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung" - kurz USBV.

Das Problem: Rolf Müller hatte diesen Job schon vor über zehn Jahren an den Nagel gehängt. Er ist seitdem, wenn man Polizeikreisen glauben darf, einer der versiertesten Geldwäscheermittler im Bereich Organisierte Kriminalität. Doch scheinbar ist die Personaldecke im LKA noch immer so dünn, dass Müller keine armenischen Mafiagangster in Thüringen beim Waschen von Geld mehr jagen konnte, sondern angebliche linke Terroristen in Ostthüringen.

Keine Erkenntnisse auf politische Tatmotive

Was Müller und seine Kollegen bei ihren Ermittlungen fanden, ist am Ende nicht das terroristische Szenario, das über Wochen die politische Debatte in Thüringen beherrschte. In dem internen Abschlussbericht des LKA, der MDR THÜRINGEN vorliegt, heißt es: "Die Ermittlungen ergaben keine Erkenntnisse, welche auf eine politische Tatmotivation der Beschuldigten schließen lassen."

Dabei hatten die Fahnder einiges an Ermittlungsarbeit geleistet. So wurden alle ungeklärten Sprengstoffverbrechen im Raum Saalfeld-Rudolstadt penibel untersucht. Lediglich bei einem konnte den beiden Beschuldigten nachgewiesen werden, dass sie beteiligt waren. In Rudolstadt wurde von ihnen ein Kanaldeckel mittels eines gezündeten Böllers beschädigt.

Aus diesem Grund kommen Müller und seine Kollegen zu dem Schluss, dass es keine Hinweise gibt, dass beide Beschuldigte "die sichergestellten Sprengmittel und Chemikalien in der Absicht verwenden wollten, Menschen zu verletzen oder erhebliche Sachschäden herbeizuführen." Zudem hätten sich auch keine Hinweise "auf die Vorbereitung oder Planung eines Verbrechens" gefunden.

Nur Spaß am "Bumm"

Doch was war dann die Motivation der beiden Männer, sich die Chemikalien im Internet zu bestellen und diese zu mischen? Auch hier hat das LKA eine Antwort: Befriedigung. In der etwas gestelzten Polizeisprache heißt es: "Die Herstellung, der Umgang und das Zünden der Sprengkörper dienten den Beschuldigten zur Befriedigung ihrer subjektiven Affinität zu Sprengmitteln und Pyrotechnik." Kurz gesagt: Die beiden Männer hatten offenbar Spaß am "Bumm" und dem Gefühl, etwas in die Luft fliegen zu lassen. Im Übrigen, merkte das LKA an, konsumierten die beiden Drogen. Was wohl eher auf einen Spaßfaktor als auf eine politische Motivation schließen lässt.

Trotzdem wird der Fall für die Beiden in aller Wahrscheinlichkeit noch rechtliche Folgen haben. Die Staatsanwaltschaft ist, so heißt es aus Justizkreisen, mit den Ermittlungen bald durch. Den beiden droht ein Strafbefehl oder gar eine Anklage nach §40 Sprengstoffgesetz. Damit könnten sie dafür bestraft werden, sich Stoffe zur Herstellung von Sprengmitteln besorgt zu haben. In Ernstfall wären das bis zu drei Jahre Gefängnis.

Die AG "Labor" des LKA hat inzwischen ihre Aktenordner zugeklappt. Rolf Müller arbeitet wohl wieder an Geldwäschefällen. Da dürfte Einiges liegen geblieben sein. Darunter, so heißt es aus Polizeikreisen, nicht unerhebliche Geldwäscheermittlungen gegen armenische Mafiaclans in Thüringen. Da habe sich seit dem Anruf von allerhöchster Stelle im März nicht viel getan.

Quelle: MDR THÜRINGEN

AKTUELLES AUS THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 29. August 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. August 2018, 05:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

13 Kommentare

29.08.2018 22:23 tut nichts zur Sache 13

"Das geht aus dem Abschlußbericht vor, der dem MDR vorliegt." Aha. Während alle Welt sich über den ins Netz gestellten Haftbefehl des AG Chemnitz (zu recht) aufregt, gerät ein Schlußbericht polizeilicher Ermittlungen, in die Hände von Herren Kendzia und Hemmerling. Ein Schlußvermerk ist ebenso Teil einer Ermittlungsakte wie ein richterlicher Haftbefehl und ist ausschließlich an die Staatsanwaltschaft gerichtet. Auch das ist ein Skandal und es steht auch hier der Verdacht des Geheimnisverrats im Raum. Das hier möglicher-weise die Ermittlungsergebnisse vorgegeben wurden (getreu dem Motto: "Es kann nicht sein, was nicht sein darf") ist reine Spekulation, aber durchaus denkbar.

MDR Thüringen:
Lieber tut nichts zur Sache,
im Unterschied zum veröffentlichen Haftbefehl von Chemnitz stellt MDR THÜRINGEN keine internen Polizeidokumente ins Netz. Außerdem nennen wir keine Namen von Beschuldigten, Zeugen, Ermittlern oder Justizbeamten. Wir sagen lediglich, dass uns als Journalisten das interne Papier vorliegt.

29.08.2018 19:45 MICHA "LIEBER TOT ALS LINKS GRÜN ROT" 12

@10 „Ihr Anhang an ihrem Benutzernamen ist übrigens entweder dümmlich provozierend oder fanatisch - ernstzunehmend allerdings nicht. Und der Kommentarfunktion eines öffentlich-rechtlichen Mediums ganz sicher nicht angemessen."

Das ist Ihre Meinung und die dürfen Sie auch haben. Glücklicherweise darf sich jeder seinen Nick-Namen selber aussuchen....;-)

Mehr aus der Region Saalfeld - Pößneck - Schleiz - Eisenberg

Mehr aus Thüringen