Bundesgesetz Schul-Posse in Jena: Chemielehrer darf nicht unterrichten

Zur Zeit sind in Thüringen fast 240 Lehrerstellen unbesetzt. Vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern knirscht es an so mancher Schule. So auch in Jena. Dort hat eine Schule seit einem Jahr keinen Chemielehrer mehr. Das kam einem Lehramtsstudenten zu Ohren. Er hätte gerne ausgeholfen, doch ein Bundesgesetz verhindert das.

Ein junger Mann lächelt
Lehramtsstudent Holger Merker hätte gern den Chemieunterricht an einer Jenaer Gemeinschaftsschule übernommen.  Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Es hätte eine Win-Win-Win-Situation werden können. Aber das Schulamt Ostthüringen, die Jenaer Gemeinschaftsschule "An der Trießnitz" und der Lehramtsstudent Holger Merker haben ihre Rechnung ohne das Teilzeit- und Befristungsgesetz gemacht.

Doch von vorn: Seit einem Jahr gibt es an der Thüringer Gemeinschaftsschule "An der Prießnitz" in Jena-Winzerla keinen Chemieunterricht mehr. Der bis dato befristet eingestellte Fachlehrer hatte eine unbefristete Stelle an einem Gymnasium angenommen. Seitdem ist die Stelle unbesetzt. Viele Schülerinnen und Schüler der 7., 8. und 9. Klassen hatten daher noch nie Chemieunterricht oder nur für einige Wochen.

Lehramtsstudent will einspringen

Dem Lehramtsstudenten Holger Merker kam das zu Ohren. Selbst kurz vor dem Uni-Abschluss bot er der Schule Unterstützung an, um den Chemieunterricht wieder auf sichere Füße zu stellen. "Die Initiative ging von einer Mutter aus. Sie hat in einer Facebook-Gruppe gepostet, dass hier ein Chemielehrer gesucht wird und ich habe ihr dann geschrieben. So ist der Kontakt zustandegekommen. Sie hat mich auch mit dem Direktor verbunden und mir die Telefonnummer gegeben und hat sich auch beim Schulamt kundig gemacht und dort vorgestellt", erklärt er das bis dahin noch unkomplizierte Prozedere.

Die Schule hätte Holger Merker gerne genommen, bestätigt Schulleiter Norbert Beckert MDR THÜRINGEN telefonisch. Viel mehr will er aber nicht sagen. Er verweist auf die Zuständigkeit des Schulamts Ostthüringen.

Gemeinschaftsschule "An der Prießnitz" in Jena-Winzerla
Die Schüler hatten seit einem Jahr keinen Chemieunterricht. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Die Krux: das Teilzeit- und Befristungsgesetz

Der 39-jährige Holger Merker hat bereits ein Diplom in Biologie. Lehramt für Chemie und Bio ist sein zweites Studium. Hier steht er kurz vor dem Abschluss. Merker hat an der Uni bereits befristet als Hilfswissenschaftler gearbeitet. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Denn auch an der Gemeinschaftsschule wäre die Stelle befristet - der Arbeitgeber auch der Freistaat. Zweimal befristet für den gleichen Arbeitgeber, das untersagt das Teilzeit- und Befristungsgesetz, stellt das Schulamt mit Bedauern fest. Heißt: Aus der Traum von der Win-Win-Win-Situation. Eine Landesangelegenheit wird von einem Bundesgesetz kassiert.

Merker sieht das differenziert: "Ich bin da ein bisschen hin- und hergerissen. Natürlich ist es für mich jetzt enttäuschend, für die Schüler glaub ich auch, aber ich sehe das Gesetz hat ja einen Sinn. Es wurde gemacht, um die Arbeitnehmer zu schützen. Insoweit ist es natürlich ein gutes Gesetz. In diesem Fall ist es aber eher hinderlich, dass wir neue Lehrer kriegen."

Auf Nachfrage von MDR THÜRINGEN will das Bildungsministerium nun juristisch prüfen, ob das Befristungsgesetz nicht doch eine Ausnahme zulässt. Zumal Merkers erste Stelle als Hilfswissenschaftler gar nichts mit dem Lehrerberuf zu tun hatte. So lange haben die Schüler an der Gemeinschaftsschule auch weiter keinen Chemielehrer. Doch Merkers Angebot steht noch.

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MDR THÜRINGEN JOURNAL Do 22.10.2020 19:00Uhr 02:01 min

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 22. Oktober 2020 | 19:00 Uhr

28 Kommentare

Freies Moria vor 6 Wochen

Es gibt Lehrer in Thüringen, die verbeamtet sind. Deren Abordnung reißt aber Löcher in den Unterricht, den sie bereits geben. Leiter unten abgesägt, weil sie oben zu kurz ist...
Leider schreibt die chemische Industrie in Thüringen und Umgebung kaum Chemie-Stellen aus. Bleibt die Frage warum das so ist: Liegt es an fehlenden Chemie-Kenntnissen der Schüler oder an fehlender Notwendigkeit für Neueinstellungen?
Vielleicht ist die Ursache auch in den Hochschulen zu sehen: Meines Wissens bietet in Thüringen nur Jena einen klassischen Chemie-Studiengang. Dabei wäre gerade Chemie in Verbindung mit Optik (Farbstoffe!) eine Möglichkeit mehr aus den Stärken der vorhandenen Industrie zu machen.
Vertane Chancen auf jeder Ebene - vielleicht liefert aber die Krise einen Anlass aus der verfahrenen Gesamtsituation auszubrechen, Späth hat das ja mit großem Erfolg vorgemacht!

mattotaupa vor 6 Wochen

also einen verbeamteten chemielehrer kann man nur abordnen, wenn man ihn denn irgendwo hat und selbst dann wäre es wohl her wenig hilfreich einen lehrer abzuordnen, damit dann der entsprechende lehrer an ner anderen schule fehlt.

mattotaupa vor 6 Wochen

"Der Freistaat sollte doch FROH sein." wäre er ja auch,nur kann der freistaat recht wenig an bundesgesetzen ändern. "verkrustet und veraltet unsere Gesetze" das hinderliche bundesgesetz ist gar nicht so alt.

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