Fußball-WM in Russland Thüringer Fanbetreuer Matthias Stein über Fans und Vorurteile

Nationalspieler Nils Petersen hat es nicht zur WM geschafft, er schon: Matthias Stein. Der Leiter des Fanprojekts Jena gehört bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland (14.06. - 15.07.2018) zum Team der mobilen Fanbotschaft. Der 53-Jährige aus Apolda betreut die deutschen Fußball-Fans vor Ort, arbeitet zusammen mit der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS). Im Gespräch mit MDR THÜRINGEN erzählt er von Vorurteilen, den deutschen Fans und seinen Aufgaben als Sozialpädagoge.

Fanbotschaft
Matthias Stein ist für die Fragen deutscher Fans da (Archiv). Bildrechte: Ingo Thiel / KOS

Matthias Stein, Sie gehören bei der WM in Russland zum Team der Mobilen Fanbotschaft. Was machen Sie da?

Matthias Stein: Abgesehen von den weit entfernten Turnieren 1994 in den USA und 2002 in Korea und Japan gibt es seit 1990 eine solche Fanbetreuung. Das hat Tradition. Mitarbeiter aus den Fanprojekten sind in Abstimmung mit dem DFB vor Ort und helfen. Wir sind an den Spieltagen und drumherum Streetworker. Wir arbeiten tatsächlich ähnlich wie eine Botschaft. Deutsche Fans, die nach Russland reisen, können mit ihren Fragen und Problemen zu uns kommen. Oft sind wir die erste Anlaufstelle, wenn ein Portemonnaie gestohlen wurde oder verloren ging. Ist die Eintrittskate oder der Pass weg? Bekomme ich noch eine Unterkunft, wenn ich auf den letzten Drücker anreise? Wo kann ich den Voucher einlösen? Kann ich mit einer Vollmacht eines Freundes oder eines Familienmitgliedes einen Voucher einlösen? Wir weisen auch darauf hin, was es für interessante historische Stätten an den Spielorten gibt. Wir arbeiten mit dem DFB und den Botschaften bzw. Konsulaten zusammen und stehen auch in Kontakt mit der deutschen Polizei-Delegation.

Bereits vor dem Turnierstart können Fans sich Karten für K.-o.-Spiele sichern. Die erworbenen Tickets heißen Voucher. Wenn das Team nicht an der Partie teilnimmt, wird das Geld von der FIFA zurückerstattet.

Sie waren schon bei den Europameisterschaften 1996, 2000, 2008 und 2012 dabei. Da haben Sie bestimmt einige Anekdoten, von denen Sie berichten können, oder?

Ja. Der eine oder andere kann mit dem Begriff Fanbotschaft nichts anfangen. Das deutsche Wort Botschaft ist zweideutig. Im Englischen gibt es die Begriffe 'embassy' und 'message'. Vor der EM 2012 in der Ukraine und Polen gab es Testläufe mit Schulungsmaßnahmen für Volunteers und anderen Partnern. Im September 2011 standen wir also anlässlich des Testlaufs in Gdansk (Danzig im Norden Polens, Anm. d. Red.) kurz vorm Bernsteinmuseum. Es waren auch deutsche Fußballfans da, aber nur wenige. Reisegruppen von deutschen Studienräten auf den Spuren von Oskar Matzerath (Figur in dem Roman 'Die Blechtrommel', Anm. d. Red.). Da wurden wir gefragt, was haben wir denn für eine Botschaft? Das war schon manchmal ganz witzig.

Fanbotschaft
Die mobile Fanbotschaft bei der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine (Archiv). Bildrechte: Ingo Thiel / KOS

Bei der EM in Frankreich vor zwei Jahren gab es Ausschreitungen, als englische und russische Fans aufeinandertrafen. Wie oft geht es in ihrem Job auch um das Thema Sicherheit?

Vor eigentlich jedem großen Turnier gibt eine öffentliche Diskussion, dass die internationalen Besucher nicht sicher wären und es eine Eskalation der Gewalt geben könnte. Das interessiert vor allem die Yellow Press sehr. Wenn ich an 2012 zurückdenke, waren wir in den Innenstädten eine Art Klagemauer. Viele Fans beschwerten sich über die Vorberichterstattung in den deutschen Medien. Was da für ein öffentliches Bild von der Ukraine gezeichnet worden war: Wir trafen dort weder auf Swimmingpool-tiefe Schlaglöcher, noch auf um 500 Prozent erhöhte Übernachtungspreise. Es gab keine Leute, die einen nur abziehen wollen. Die männliche Bevölkerung bestand eben nicht nur aus Verbrechern, die weibliche nicht nur aus Prostituierten. Die Leute trafen auf ein völlig anderes Bild. Sie waren begeistert von der Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen. Nur eine Person ist in Lemberg überfallen und ausgeraubt worden, das war ein Journalist.

Ausschreitungen auf der Tribüne beim Spiel England - Russland
Ausschreitungen auf der Tribüne beim EM-Spiel England - Russland 2016 (Archiv). Bildrechte: imago/Sportimage

Inwiefern kommen Sie mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt?

Das passiert oft. Ein altes Mütterchen brachte mir einen Brief, dass sie sehr enttäuscht ist, dass Frau Merkel die Spiele in der Ukraine nicht besuchen wird. Das hing zusammen mit der Diskussion um die Haft von Julija Tymoschenko (Verurteilung wegen angeblichen Amtsmissbrauchs, Anm. d. Red.). Die Frau sagte, sie sei sehr enttäuscht. Ich habe der Frau erklärt, dass wir versuchen, das umgehend weiterzuleiten. Wir haben den Brief über einen Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes weitergeleitet. Das sind Momente, das sind Highlights.

Teambild
Mehr als ein Dutzend Helfer sind bei einen Turnier für Fanbelange da (Archiv). Bildrechte: Ingo Thiel/KOS

Es kommt also ziemlich oft zu einem Austausch mit den Menschen des Gastgeberlandes.

Ja. Deswegen ist es auch wichtig, dass da auch Leute nach Russland fahren - auch wenn es viele Diskussionen gibt. Sie sollten sich selbst ein Bild machen und sich einfach mit den Menschen austauschen. Die Menschen freuen sich über die internationalen Gäste. Das bestätigt sich bei jedem Turnier. Es gab immer völlig verrückte Geschichten.

Wir sind ganz Ohr.

2008 (EM in Schweiz/Österreich, Anm. d. Red.) haben österreichische Boulevardzeitungen geschrieben, rund um Klagenfurt hätten Polen in sämtlichen Baumärkten schwere Äxte und Ketten gekauft - ganz nach dem Motto sie würden ein Massaker anrichten. Frauen wurde empfohlen, überhaupt nicht oder nur in Begleitung die Innenstadt aufzusuchen, weil sie vergewaltigt werden könnten. In Klagenfurt hatte die Stadtverwaltung in Geschäften und Bäckereien kostenlos Pfefferspray verteilt. Mit einer Verkäuferin in einer Bäckerei haben wir sehr gelacht. Da kommt dann wahrscheinlich der Hooligan mit der frisch im Baumarkt erworbenen Axt rein und fordert 20 frische Brötchen, oder was? Das war in Klagenfurt völlig krass. Herr Haider (Jörg Haider gründete die rechtspopulistische Partei Bündnis Zukunft Österreich, Anm. d. Red.) ging durch die Fanzone und drückte mir eine Autogrammkarte in die Hand. Ich konnte gar nicht so schnell, meine Hand wegnehmen. (lacht) Ein paar Wochen später war er tot (Der alkoholisierte Haider kam mit seinem Dienstwagen mit überhöhter Geschwindigkeit von der Straße ab, Anm. d. Red.).

Zurück zu den deutschen Fans. Abgesehen von verloren gegangenen Tickets - was fragen die Fans noch?

Sie wollen viele Informationen zur Stadt. Was muss ich beachten, wenn ich den öffentlichen Nahverkehr nutze? Welche Trikots hat die Mannschaft heute an? Spielen sie in weiß oder in grün, damit ich mich fürs Stadion zurecht machen kann? Soweit das möglich ist, versuchen wir auch diese Informationen zu beschaffen. Es gibt vor Ort auch Kooperationen mit dem Fanklub Nationalmannschaft. Der bietet interessierten Anhängern in Moskau eine zentrale Unterkunft. Natürlich wird man auch versuchen, an den Austragungsorten Begegnungen zwischen Fans zu ermöglichen. Da gibt es Anfragen, die noch offen sind. Voraussichtlich wird es im Vorfeld der WM-Begegnungen auch ein Spiel zwischen Fans geben. Zum Beispiel gab es in Lemberg 2012 das letzte deutsche Gruppenspiel gegen Dänemark. Da spielten einen Tag davor dänische Fußball-Fans gegen deutsche Fußball-Fans. Allerdings konnten auch da die Deutschen keine Revanche für das verlorene EM-Finale von 1992 nehmen (Deutschland unterlag in Göteborg mit 0:2, Anm. d. Red.). Das ging wieder in die Hose.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 17. Juni 2018 | 18:40 Uhr

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