Ein leeres Klassenzimmer mit hochgestellten Stühlen.
Unterrichtsausfall: Keine Seltenheit an Thüringer Schulen. Mancherorts findet nicht einmal die eine geplante Sozialkundestunde statt. Bildrechte: Colourbox

Studie der Universität Bielefeld Thüringen hat Defizite bei politischer Bildung

Nur eine Stunde Sozialkunde in der Woche: Geht man nach der reinen Stundentafelquote, ist Thüringen damit Schlusslicht in Deutschland. Auf der Strecke bleibe die politische Bildung und die Akzeptanz der Demokratie, warnen Kritiker.

von Sandra Voigtmann

Ein leeres Klassenzimmer mit hochgestellten Stühlen.
Unterrichtsausfall: Keine Seltenheit an Thüringer Schulen. Mancherorts findet nicht einmal die eine geplante Sozialkundestunde statt. Bildrechte: Colourbox

Bereits zum zweiten Mal hat die Universität Bielefeld, Lehrstuhl Soziologie, den Stellenwert der politischen Bildung in Schulen der Sekundarstufe I untersucht und liefert dazu einen Vergleich der Bundesländer. Besonderes Augenmerk galt der Stundentafelquote des Leitfaches der politischen Bildung. In Thüringen ist das Sozialkunde. Die Bundesländer schneiden dabei sehr unterschiedlich ab. Von einer bundesweiten Gleichwertigkeit des Rechts von Kindern und Jugendlichen auf politische Bildung in der Schule könne keine Rede sein, so die Forscher der Studie, Mahir Gökbudak und Reinhold Hedtke. Thüringen bleibt mit nur einer Wochenstunde Sozialkunde im Lehrplan wie im letzten Jahr bundesweites Schlusslicht in Sachen politischer Bildung. Es gibt viermal mehr Geschichtsstunden und dreimal so viel Geografie-Unterricht. Im Lernbereich Gesellschaftswissenschaften (Geschichte, Geografie, Sozialkunde) belegt Thüringen den vorletzten Platz im Bundesvergleich. Geschichte und Geografie haben ein starkes Übergewicht gegenüber Sozialkunde.

Gewerkschaft kritisiert Randstellung der politischen Bildung

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Thüringen kritisiert die "weiterhin anhaltende nebensächliche Stellung" des Schulfachs Sozialkunde an Thüringer Schulen – und damit des Leitfachs der politischen Bildung. Michael Kummer, Pressesprecher der GEW Thüringen, sagte, dass es in Zeiten von zunehmendem Populismus, gesellschaftlicher Radikalisierung und sinkender Akzeptanz für die Demokratie Zeit werde, dass der "Dornröschenschlaf" der politischen Bildung an Thüringer Schulen beendet wird. Das Schulfach Sozialkunde müsse als Fachunterricht ab Klasse 5 in allen Schulformen mit zwei Stunden pro Woche angeboten werden, so Kummer. Die Demokratie müsse dieser Landesregierung so viel wert sein.

Mangelnde politische Bildung fördert gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Grundgesetz Artikel 5
Artikel 5 des Grundgesetzes: Er garantiert die Meinungsfreiheit und freie Kommunikation. Bildrechte: IMAGO

Auch Prof. Dr. Michael May, Inhaber der Professur für Didaktik der Politik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU) und geschäftsführender Direktor des Zentrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung (ZLB), fordert zwei Wochenstunden Sozialkunde im Thüringer Lehrplan. Er unterrichtet dieses Fach selbst ehrenamtlich an einer Gemeinschaftsschule im Weimarer Land. Seiner Meinung nach haben Thüringer Schülerinnen und Schüler mit nur einer Wochenstunde Sozialkunde weniger Chancen, das politische und demokratische System der Bundesrepublik zu verstehen als andere Schülerinnen und Schüler in der Bundesrepublik. Die Funktionsweise und den Wert der Gewaltenteilung, der Gewaltenverschränkung und der Institutionen seien nicht nur durch das soziale Umfeld wie Familie und Freunde zu erlernen. Es bedürfe ausreichender Lerngelegenheiten, so May.
Durch Studien wie die von Hermann Josef, "Das politische Mindset von 14-Jährigen", sei inzwischen bekannt, dass Schülerinnen und Schüler, die weniger politisches Wissen haben, insbesondere politische Urteilskompetenz, eher zu gruppenbezogener Menschfeindlichkeit neigen. Wissen und Kompetenz wirken sich auch auf Einstellungen gegenüber anderen aus, so das Ergebnis der Studie. Zu bedenken gibt May außerdem, dass Kinder und Jugendliche, die aus sozial benachteiligen Milieus kommen, ihre politische Bildung, ihr Wissen und ihre Urteilskompetenz maßgeblich durch die Schule und nicht wie bei den anderen Gruppen, beispielsweise durch Familie erlangen. May sieht den Spielball aber auch bei den Lehrern, die für das Thema Demokratiebildung und politische Bildung sensibilisiert werden sollten, was sie aber nicht werden. Dafür gäbe es keinen Ausbildungsbestandteil an den Universitäten und an den Studienseminaren, sagte May MDR THÜRINGEN.

Auch die Forscher der Bielefelder Studie halten fest, dass die wachsende Distanz zur Demokratie, die Verweigerung eines argumentativen politischen Diskurses, der grassierende Hass gegen Fremde und politisch Andersdenkende sowie nicht zuletzt die zunehmende politisch und rassistisch motivierte Gewalt belegen, dass sich Deutschland den Luxus mangelnder oder mangelhafter politischer Bildung in der Schule nicht leisten kann.

Thüringer Bildungsministerium für Schul- statt Fachprinzip

Aus dem Thüringer Bildungsministerium heißt es zu der Bielefelder Studie, dass eine reine Betrachtung der Stundentafeln zu kurz greift. Dabei werde die Qualität des Unterrichts ebenso ignoriert wie die Bedeutung einer fächerübergreifenden Auseinandersetzung mit politischer Bildung und die spezielle Förderung von Fahrten zu Gedenkstätten. Bildungsminister Helmut Holter betonte schon öfter, dass Demokratiebildung ein Querschnittsthema als Schul- und nicht ausschließlich als Fachprinzip sei. Holter sagte, Demokratiebildung umfasst sehr viel mehr als den Sozialkundeunterricht in der Schule. Beispielsweise spielen Fahrten zu Gedenkstätten und das authentische Lernen eine immens wichtige Rolle.

Änderungen der Stundentafeln in Thüringen und damit mehr Sozialkundestunden pro Woche sind derzeit nicht vorgesehen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Zuletzt aktualisiert: 29. März 2019, 06:26 Uhr

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45 Kommentare

30.03.2019 14:17 Eulenspiegel 45

Hallo Korn 44
„Bildung. Denn das was RRG in Thüringen da anstellt , ist alles andere als gebildet.“
Und was genau meinen sie da?
Ich denke das müssten sie schon differenziert darlegen denn sonst ist ihre Behauptung nur ein bla bla.

30.03.2019 13:20 Korn 44

Sollte man nicht lieber schreiben , Thüringer - Landesregierung hat Defizite bei politischer Bildung. Denn das was RRG in Thüringen da anstellt , ist alles andere als gebildet.

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