Thüringen Umgang mit Prostitution in der Kritik - erstmals Zahlen zur Sex-Arbeit

327 Prostituierte sind legal in Thüringen gemeldet. Die konkrete Zahl erweckt den Eindruck statistischer Präzision. Doch Fachleute sind sich einig: Es gibt ein Dunkelfeld. Das Prostituiertenschutzgesetz hat möglicherweise dazu beigetragen, es noch zu vergrößern.

Frau in einem Edelbordell Frau in einem Edelbordell
In Thüringen sind mehr als 300 Prostituierte offiziell gemeldet. Bildrechte: imago images / Rolf Kremming

Nach der erstmaligen Veröffentlichung von Zahlen zur Prostitution in Thüringen hat sich der Landesfrauenrat kritisch zum Umgang mit Sexarbeiterinnen geäußert. "Den Menschen - und es sind nicht nur Frauen - schlägt die volle Verachtung der Gesellschaft entgegen", sagte die Vorsitzende des Vereins, Andrea Wagner. Noch immer würden Prostituierte stigmatisiert. Auch das Prostituiertenschutzgesetz habe hier keinen Fortschritt gebracht.

Die gesetzliche Regelung trat im Juli 2017 in Kraft. Mit ihr wollte die Bundesregierung die Situation der in der Branche Tätigen verbessern, indem sie das Gewerbe stärker reglementierte. So sind Prostituierte seither verpflichtet, sich anzumelden und regelmäßig gesundheitlich beraten zu lassen, Bordelle benötigen eine Betriebserlaubnis.

Prostituierte zögern mit der Anmeldung in Thüringen

"Es gibt aber viele, die sich nicht anmelden wollen", berichtet Wagner. Nach Ansicht der Landesfrauenrat-Vorsitzenden befürchteten die Prostituierten eine weitere Stigmatisierung sowie Probleme mit Behörden. Die Deutsche Aidshilfe weist auf weitere Hindernisse hin: Sprachbarrieren, Angst vor hohen Steuernachzahlungen oder die Sorge, dass die Tätigkeit der eigenen Familie oder Freunden bekannt wird, stünden dem Gang zu den Behörden im Weg.

In Thüringen findet die Registrierung noch immer nur im Landesveraltungsamt in Weimar statt. Eine entsprechende Verordnung, die dezentrale Anmeldungen ermöglicht, wurde von der Landesregierung bislang nicht umgesetzt - und so besteht ein weiteres Registrierungshindernis für alle Personen, die mit Sex ihr Geld verdienen.

Prostituierte kommen oft aus Osteuropa nach Thüringen

Und das sind in Thüringen mindestens mehrere Hundert. Laut aktuellen Zahlen des Landesamtes für Statistik waren Ende 2018 genau 327 Prostituierte registriert. Aus den Daten geht hervor, dass der Großteil von ihnen aus Osteuropa stammt. Eine vergleichsweise große Gruppe hat die deutsche Staatsbürgerschaft, aus Asien und Amerika wurden dagegen deutlich weniger Menschen erfasst.

Bei der Altersverteilung lassen sich die meisten Prostituierten der Gruppe von 21 bis 44 Jahren zuordnen. Etwa jede fünfte Sexarbeiterin ist mindestens 45 Jahre alt. Zwölf der gemeldeten Personen waren jünger als 21.

Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Wie viele Menschen tatsächlich in Thüringen als Prostituierte tätig sind, darüber geben die in dieser Woche erstmals veröffentlichten Zahlen jedoch nur begrenzt Auskunft. Sowohl die Polizei im Freistaat als auch der Landesfrauenrat gehen von einer Dunkelziffer aus. Eine Schätzung zu ihrer Höhe wollen die Vertreter beider Institutionen jedoch nicht abgeben. Man wisse es schlichtweg nicht, alles andere sei Spekulation, hieß es. Polizeisprecher Jens Heidenfeldt verwies darauf, dass Prostitution in entsprechenden Etablissements ausgeübt werde - also in Wohnungen oder Bordellen: "Wir haben keinen offenen Straßenstrich."

Mexiko-Stadt: Zwei frauen mit hohen Absätzen arbeiten im Regen als Prostituierte auf der Calzada de Tlalpan.
Einen Straßenstrich gibt es nach Aussagen der Polizei in Thüringen nicht. Bildrechte: dpa

Das Geschäft mit dem Sex vollzieht sich naturgemäß hinter verschlossenen Türen - Erkenntnisse zu den Arbeitsbedingungen und zu Missbrauch sind nur schwer zu gewinnen. So hat auch die Zahl aus der Kriminalitätsstatistik, dass es in Thüringen im Jahr 2018 einen einzigen Fall von Zwangsprostitution gab, nur bedingt Aussagekraft. Laut einem Sachstandsbericht der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen hat das Prostituiertenschutzgesetz die Schwierigkeiten bei der Informationsgewinnung sogar noch verschärft: "Es ist zu befürchten, dass sich viele Prostituierte ins Dunkelfeld der Prostitution zurückgezogen haben, wo sie für Behörden und Beratungseinrichtungen nur noch schwer zu erreichen sind."

Stigmatisierung der Prostitution - Gesellschaft ist gefragt

Andrea Wagner hält staatliche Regelungen in bestimmten Bereichen ebenfalls für wenig hilfreich: "Gesetze laufen der Realität oft hinterher." Stattdessen sieht die Landesfrauenrat-Vorsitzende jeden Einzelnen in der Pflicht, die Stigmatisierung von Prostituierten zu beenden. Dazu gehöre auch, dass Sexualität nicht verklemmt behandelt werden dürfe. Demnach sei das Phänomen Prostitution auch deshalb vorhanden, weil viele Menschen nicht gelernt hätten, ihre Bedürfnisse zu artikulieren.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Mittag | 21. Januar 2020 | 13:00 Uhr

4 Kommentare

part vor 33 Wochen

In manchen Gesellschaften gibt es das aber nicht, da gibt es Steinigungen dafür. Man muß aber immer unterscheiden zwischen freiwilliger Prostitution oder durch Zwänge erzeugter. Die Freelancerinnen dürften sich weniger vermarkten lassen als die Armutsimporte aus Ost- und Süreuropa. Die Doppelmoral ist trotzdem gegeben, auch wenn es in der DDR nur wenige Fälle im Klassenauftrag gab. Man denke nur an die vielen Armeebordelle von früher bis in heutige Zeit. Wenn es gut läuft und die Exklusivität und Diskretion gewahrt bleibt, dann kommt auch weniger ans Licht außer in Dresden damals.

pkeszler vor 33 Wochen

@kleinerfrontkaempfer; "Die Frau als Ware in einer Gesellschaft mit Doppelmoral."
Die gibt es doch überall, also auch die Doppelmoral, auch in Russland. Oder wollten Sie jetzt gerade die westlichen Länder für ihre Doppelmoral hervorheben?

Normalo vor 34 Wochen

Jede Gesellschaft ist eine mit Doppelmoral. Ich kenne keine in der es nicht auch Prostitution gibt.

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