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Unterversorgung in der Psychotherapie Allein gelassen mit dem Trauma

Rund 17.000 Flüchtlinge sind laut Thüringer Staatskanzlei seit Anfang des Jahres nach Thüringen gekommen. Geschätzt 40 Prozent ist schwer traumatisiert, durch Erlebnisse im Heimatland und auf der Flucht. Sie benötigen psychologische Hilfe. Doch es fehlt an Psychotherapeuten. Nur ein Bruchteil der psychisch Kranken, kann zurzeit versorgt werden.

von Lara Rosenhagen

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Ein syrischer Flüchtling schlendert durch die Straßen Jenas. Die Stadt gefällt ihm. Kein Chaos, kein Krieg. Er ist froh, dass er es hierher geschafft hat. An einer Kreuzung bleibt er an einem Thüringer-Bratwurst-Stand stehen. Wie aus dem Nichts überfällt ihn plötzlich Panik. Er bricht zusammen… Es war der Geruch der Würste auf dem Grill. Ein ähnlicher Geruch wie der, der entsteht, wenn menschliches Fleisch verbrannt wird. Der Geruch, der durch die Gitterstäbe zog, als sein Freund im syrischen Gefängnis neben ihm gefoltert wurde.

Geschätzt 40 Prozent sind traumatisiert

Ähnliche Schicksale gibt es zu Tausenden unter den Flüchtlingen, die zurzeit nach Deutschland kommen. Die Bundespsychotherapeutenkammer schätzt, dass mindestens 40 Prozent von ihnen traumatisiert sind. Sie haben Unvorstellbares erlebt: Die Männer, Frauen und Kinder sind Opfer oder Zeugen von Folter und Vergewaltigung. Sie haben am eigenen Leib erfahren, was Menschen einander antun können. Traumatische Erlebnisse, die ihre Spuren hinterlassen haben und zusammen mit dem einzigen Hab und Gut über die Grenzen Deutschlands getragen wurden.

Schnellstmögliche Behandlung

Zu den schlimmen Erlebnissen kommen die Albträume und Flashbacks, die die Traumatisierten die grausamen Erinnerungen immer wieder ungewollt durchleben lassen. Die Bedingungen in den Gemeinschaftsunterkünften und die ständige Angst abgeschoben zu werden, erschweren die Heilung oder können sogar erneute Traumata auslösen, warnt die Bundespsychotherapeutenkammer. Viele Asylbewerber leiden unter Depressionen, Angst- und Panikanfällen. In vielen Fällen entwickelt sich eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Eine PTBS ist eine psychische Erkrankung und sollte schnellstmöglich behandelt werden. Wird sie das nicht, kann sie chronisch werden. Das bedeutet, eine lebenslange Belastung durch die Nachwirkungen des Traumas: Suchterkrankungen, Störungen oder auch körperliche Erkrankungen. Sie können zu einer Isolation der Betroffenen von der Gesellschaft führen und es wird schwieriger den Flüchtling zu integrieren. Die Folgebehandlungen könnten weit höhere Kosten verursachen als bei einer Psychotherapie anfallen würden. Auch medikamentöse Behandlung ist nicht ausreichend. Die Bundespsychotherapeutenkammer betont: Eine Psychotherapie ist die erste Wahl um eine PTBS zu behandeln.

Das Recht der Kranken und Traumatisierten

Jedermann hat das Recht, alle Maßnahmen in Anspruch zu nehmen, die es ihm ermöglichen, sich des besten Gesundheitszustandes zu erfreuen, den er erreichen kann.

Europäische Sozialcharta

Dass eine Versorgung der psychisch kranken Flüchtlinge notwendig ist, das hat die Politik schon längst erkannt. Die neuen EU-Richtlinien fordern: "Personen mit schweren körperlichen Erkrankungen, Personen mit psychischen Störungen und Personen, die Folter, Vergewaltigung oder sonstige schwere Formen psychischer, physischer oder sexueller Gewalt erlitten haben", müssen besonders berücksichtigt werden. Doch wie so oft in der Flüchtlingsfrage, sieht die Realität anders aus. Das deutsche Gesundheitssystem ist heillos überfordert, Ressourcen sind ausgelastet und die bürokratischen Wege erschweren eine angemessene Versorgung.

Die Versorgung psychisch kranker Flüchtling ist zurzeit absolut unzureichend

Dr. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer

Unterversorgung auch in Thüringen

In der Erstaufnahmeinrichtung in Mühlhausen führt das Ökumenische Hainich Klinikum bei den Flüchtlingen seit Kurzem Screening-Untersuchungen durch, um herauszufinden, wie viele traumatisiert sind. Bislang wurden erst einige Flüchtlinge untersucht. Aber bereits jetzt lassen sich bei 30-40 Prozent Störungssymptome feststellen. "Nicht alle Flüchtlinge, die mit einem Trauma zu kämpfen haben müssen auch in Behandlung", stellt der ärztliche Direktor und Geschäftsführer Prof. Dr. Norbert Dahmen, klar. Manchmal würden die Symptome verschwinden, wenn Sicherheit und Ruhe wieder hergestellt seien.

Doch ein Großteil der Traumatisierten benötigt eine Therapie. Offizielle Zahlen zur Versorgungssituation in Thüringen gibt es nicht. Das Gesundheitssystem sieht erst seit Kurzem die psychische Versorgung von Flüchtlingen vor. Deswegen kann davon ausgegangen werden, dass nur ungefähr vier Prozent der thüringischen Flüchtlinge in psychotherapeutischer Behandlung sind.

Überlastung der Psychosozialen Zentren

Ein Blick auf die behandelnden Einrichtungen zeigt, warum die Versorgungslage so prekär ist: Die ambulante psychotherapeutische Behandlung der Flüchtlinge wird zurzeit fast ausschließlich von den 26 psychosozialen Beratungszentren in Deutschland gestemmt. Laut Sozialministerium ist Refugio e.V. Thüringen, mit Sitz in Jena, die einzige Anlaufstelle in ganz Thüringen, in der psychisch belastete Flüchtlinge eine Traumatherapie durch professionelle Psychotherapeuten erhalten können. Zurzeit werden 188 Flüchtlinge von neun Mitarbeitern betreut. Keine kleine Zahl, wenn man bedenkt, dass eine Therapie sehr komplex und langwierig sein kann. Doch in Anbetracht der knapp 17.000 Flüchtlinge in Thüringen, spärlich. Das Zentrum, das sowohl Sozialberatung als auch Psychotherapie anbietet, hat im Moment eine Warteliste von 250 Flüchtlingen, die auf Hilfe hoffen.

Berührungsängste der Psychotherapeuten

Schild von Refugio Thüringen
Refugio hilft Flüchtlingen mit Sozialberatung und Psychotherapie und bietet Hilfen für Kollegen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zusätzlich nimmt Refugio eine wichtige Rolle als Vermittler und Berater ein. Das Ziel: Die Zahl der behandelnden Psychotherapeuten soll vergrößert werden. "Es gibt hier und da Therapeuten die einen Flüchtling aufnehmen und behandeln, aber bei Weitem sind es nicht genug", sagt Anne Tahirovic, Koordinatorin von Refugio. Der Mangel hat verschiedene Gründe. Zum einen sind die Wartelisten der Psychotherapeuten bereits sehr lang: In Thüringen wartet ein Kassenpatient mindestens drei Monate auf eine Psychotherapie. Zum anderen scheuen sich die Therapeuten vor dem bürokratischen Aufwand, der mit der Behandlung eines Flüchtlings einhergeht. Finanziert wird die Psychotherapie nämlich nicht über die gesetzliche Krankenkasse, sondern über das Sozialamt. Dort wird individuell entschieden, ob ein Flüchtling eine Therapie bezahlt bekommt oder nicht. Am schwersten wiegt jedoch wahrscheinlich, dass sich viele Psychotherapeuten verunsichert fühlen und kulturelle Berührungsängste haben. Die Wenigsten haben schon mit derartig komplexen Traumata gearbeitet und trauen sich die Behandlung schlicht nicht zu. Auch die Arbeit „zu Dritt“, also eine Therapie mit Dolmetscher ist für viele eine ungewohnte Erfahrung. Doch Tahirovic gibt sich optimistisch. Mit der öffentlichen Präsenz der Flüchtlingsthematik bewege sich langsam etwas. Refugio werde immer mehr auch von niedergelassenen Therapeuten angefragt, ob sie Schulungen anbieten oder Dolmetscher vermitteln könnten.

Die Frage, ob Dolmetscher notwendig sind oder nicht, stellt sich Refugio gar nicht mehr. Ohne geht es eben nicht. Die Einrichtung diskutiert nicht mehr "ob" sondern nur noch "wie" die Versorgung durch Dolmetscher verbessert werden kann.

Die Politik diskutiert immer noch Fragen, die schon längst von der Realität überholt worden sind.

Veit Malolepsy, Leiter Stabsstelle Kommunikation/Politik, Kassenärztliche Vereinigung Thüringen

Während die Politik über Flüchtlingsobergrenzen diskutiert, bemühen sich Behörden, Einrichtungen und Körperschaften, z.B. die Kassenärztliche Vereinigung, darum, die bürokratischen Strukturen zu vereinfachen und ein System in die Versorgung zu bringen. Ein erster kleiner Schritt, die Reform des Asylrechts im Oktober 2015. Die Zulassungsausschüsse wurden verpflichtet, mehr Psychotherapeuten für die Behandlung traumatisierter Flüchtlinge zuzulassen. Private Psychotherapeuten oder Einrichtungen wie Refugio können damit die Kosten für die Therapie von traumatisierten Flüchtlingen über die gesetzliche Krankenkasse abrechnen. Die Stärkung des bestehenden Systems, anstatt neue Sonderstrukturen einzurichten, das sei der richtige Weg, sagt Professor Dahmen.

Sicherheit herstellen

Die psychotherapeutische Unterversorgung von traumatisierten Flüchtlingen ist eine Herausforderung. Diese Aufgabe kann nicht durch engagierte Helfer aus der Zivilgesellschaft übernommen werden. Es sind die Psychotherapeuten, die sich dieser Problematik stellen müssen. Werden die Flüchtlinge nicht behandelt, kann das für den Einzelnen und für die Gesellschaft langwierige Folgen haben. In einem sind sich sowohl die psychosozialen Beratungszentren als auch Professor Dahmen aus Mühlhausen einig: Am Wichtigsten sei es Sicherheit herzustellen. Sicherheit, dass die Bilder von Folter, Tod und Gewalt lediglich im Kopf existieren, nicht jedoch in der neuen Lebenswirklichkeit in Deutschland.

Das gesamte Interview mit Anne Tahirovic von Refugio e.V. finden Sie hier:

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2015, 11:24 Uhr