Grünes Ampelmännchen sitzend auf dem Schriftzug Ostquote
Bildrechte: MEDIEN360G

Diskussion Sollte es eine Quote für Ostdeutsche geben?

An den Spitzen von Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Politik stehen überwiegend Westdeutsche. Ostdeutsche sind dagegen kaum in Führungspositionen zu finden. Angeblich deutlich seltener, als es ihrem Bevölkerungsanteil entsprechen würde. Das ist jedenfalls derzeit häufig zu hören, gefolgt vom Ruf nach einer Ost-Quote. Doch das macht es erst richtig kompliziert, weil sie unweigerlich zur Frage führt: Wer ist Ostdeutsche oder Ostdeutscher?

von Karsten Heuke

Grünes Ampelmännchen sitzend auf dem Schriftzug Ostquote
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Wer vom Bevölkerungsanteil spricht, stützt sich fast zwangsläufig auf die neuen Bundesländer als Wohnort. Demnach wäre jeder dort Gebürtige genauso wie jeder Zugezogene Ostdeutscher, auch wenn er in Westdeutschland oder im Ausland geboren wurde. Folglich würde auch eine Thüringerin, die nach Hessen umzieht, zur Westdeutschen. Was ist mit Berlinern, die innerhalb der Stadt oder ins Brandenburger Umland umziehen? Manchmal schwingt auch ein biografischer Bezug zur DDR mit. Doch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung haben den immer weniger Menschen, die im Berufsleben stehen.

Die Definitionssuche fällt umso schwerer, wenn sie individuellen Lebenswegen gerecht werden soll: Ist die in Hamburg geborene Bundeskanzlerin Angela Merkel Ostdeutsche? Oder Ministerpräsident Bodo Ramelow, der seit 1990 in Thüringen lebt und arbeitet? Und wie ostdeutsch ist der Astronaut Ulf Merbold, der Greiz nach dem Abitur verlassen hat?

Die Meinung der Fraktionen im Thüringer Landtag

Wir haben die fünf Thüringer Landtagsfraktionen gefragt, ob sie den Anteil Ostdeutscher in Führungspositionen für zu gering halten und was sie von einer Quote halten. Die Meinungen gehen auseinander, auch bei der Frage, wer überhaupt Ostdeutscher oder Ostdeutsche ist.

Die Linke will eine Ost-Quote sorgfältig erörtern

Aus Sicht der Linken-Landtagsfraktion ist es "30 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht akzeptabel, dass Ostdeutsche in Führungspositionen gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung unterrepräsentiert sind". Das stehe der "inneren Einheit" im Weg. Sie sei Voraussetzung, damit sich Westdeutsche und Ostdeutsche auf Augenhöhe begegnen können. Deshalb, heißt es in der Antwort, begrüße die Fraktion die öffentliche Debatte darüber, wie der Anteil von Ostdeutschen in Führungspositionen - in der Wirtschaft wie in öffentlichen Einrichtungen - zügig erhöht werden kann. Es sei angemessen, auch über eine Quote für Ostdeutsche zu sprechen. Dabei seien die Vor- und Nachteile einer solchen Quote sowie ihre mögliche Ausgestaltung sorgfältig zu erörtern. Die Definition, wer als Ostdeutsche bzw. Ostdeutscher gilt, sollte selbst Teil der Debatte sein und könne daher nicht vorab festgelegt werden.

CDU: Innere Bindung an Land und Leute wichtiger als Quote

Die CDU-Landtagsfraktion lehnt eine Ost-Quote ab. Der Fraktionsvorsitzende Mike Mohring sagte auf Anfrage, die "rückwärtsgewandte Debatte darüber führt in die Irre". Quoten definierten Identitäten und täuschten eine Eindeutigkeit vor, die es so nicht gebe.

Mike Mohring spricht auf dem Landesparteitag der Thüringer CDU
Mike Mohring Bildrechte: MDR/Ulrich Sondermann-Becker

Mohring richtet den Fokus stattendessen auf einen anderen Aspekt: Es sei wichtiger, dass Menschen, die an herausgehobener Stelle für Thüringen im Bereich der Politik, Publizistik, Wirtschaft und Wissenschaft stehen, eine innere Bindung an Land und Leute haben. Entweder weil sie hier Wurzeln haben oder diese Wurzel geschlagen haben. Ihn irritiere, wenn Thüringer Minister und Staatssekretäre am Wochenende auspendeln, weil sie ihren Lebensmittelpunkt nicht im Land haben. "Das wäre in einem Land wie Bayern völlig undenkbar", so Mohring. Der CDU-Spitzenkandidat hält es deshalb für wünschenswert, dass eine innere Bindung an Thüringen bei Einstellungen, Beförderungen und Berufungen mit in den Blick genommen würde. Doch klar sei auch: Rechtlich verbindlich fassen oder erzwingen lasse sich dies nicht. In der Wissenschaft gehe es um Exzellenz, nicht um Herkunft, im Öffentlichen Dienst um Befähigung und Eignung, nicht um Herkunft, und Unternehmen denken in wirtschaftlichen Kategorien.

AfD: Geburtsort nicht das entscheidende Indiz

Die AfD-Fraktion spricht von einer inakzeptablen Benachteiligung von Ostdeutschen. Sie geht davon aus, dass Ostdeutsche unterdurchschnittlich in Führungspositionen von Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, Verwaltung und Politik vertreten sind. Ursache ist laut des parlamentarischen Geschäftsführers der AfD, Stefan Möller, dass nach der Vereinigung "Führungspositionen hauptsächlich an Westdeutsche vergeben wurden". Diese bevorzugten nun bei Nachbesetzungen wiederum westdeutsch sozialisierte Bewerber. Das offenbare eine Geringschätzung ostdeutscher Lebensläufe und Lebensart und entlarve auch das in den westdeutsch geprägten Führungsetagen propagierte Ziel von 'Vielfalt'.

Die Thüringer AfD-Fraktion lehnt jedoch eine Quote ab. Stattdessen hält sie es für "dringend erforderlich" in den Personalabteilungen aufzuklären und ein entsprechendes Problembewusstsein zu schaffen.

Ossi-Power steht auf der Heckscheibe eines Trabanten geschrieben.
Offenbar ist der Besitzer stolz auf sein Auto und seine Herkunft (Symbolbild). Bildrechte: imago/Steinach

Ihre Definition für Ostdeutsche fassen die AfD-Parlamentarier recht weit: "Zu den wesentlichen Kriterien zählen die Mentalität, Lebensart, Werte und auch ein zum Teil historisch bestimmtes Bewusstsein, die insgesamt auch in Abgrenzung zu den westdeutschen Gegenpositionen als typisch ostdeutsch wahrgenommen werden und damit die ostdeutsche Identität begründen", so Stefan Möller. Der Geburtsort sei ein starkes Indiz, aber in keinem Fall das allein entscheidende. Es gebe ehemalige Westdeutsche, die mittlerweile eine durch Anpassung und Akzeptanz ostdeutsche Identität ausgebildet haben, wie es auch ehemalige Ostdeutsche gibt, die mittlerweile typisch westdeutsch ticken.

SPD: Unterrepräsentierung stärkt die politischen Ränder    

Auf eine Unterrepräsentierung von Ostdeutschen "in nahezu allen Lebensbereichen der gesamtdeutschen Gesellschaft", weist die SPD-Landtagsfraktion hin. Das gelte für die Vorstände von bundesweit agierenden Unternehmen oder auch für staatliche Universitäten, so der SPD-Fraktionsvorsitzende Matthias Hey. Nach Ansicht der Parlamentarier dürfe das nicht hingenommen werden und sie drängen auf eine gesellschaftliche Debatte. Dies sei auch deshalb wichtig, weil viele Menschen in Ostdeutschland die Wiedervereinigung bis heute aufgrund der vielfach vorhandenen Unterrepräsentanz mit Skepsis verfolgten. Das führt laut Hey zum Teil sogar "zur Ablehnung demokratischer Prozesse und zur Stärkung der politischen Ränder".

Matthias Hey
Matthias Hey Bildrechte: MDR/Holger John

Auf die Frage, wer Ostdeutsche oder Ostdeutscher für sie ist, antwortet die Landtagsfraktion: "Wer im Osten der Republik geboren ist und/oder hier lebt und seine Heimat hat, ist ein Ostdeutscher, so wie ein Wilhelmshavener immer ein Norddeutscher und ein Böblinger immer ein Süddeutscher ist." Eine Ost-Quote lehnen die SPD-Abgeordneten als Instrument klar ab. Die Eignung für bestimmte Positionen und Ämter könne und dürfe nicht an der regionalen Abstammung festgemacht werden. Stattdessen plädieren sie dafür, dass beispielsweise große Behörden und Institutionen in bisher unverhältnismäßig wenig berücksichtigen Regionen der Neuen Bundesländer angesiedelt werden.

Grüne: Ostdeutscher ist, wer sich dazu bekennt

Mehr Institutionen und Bundesbehörden in den neuen Ländern halten auch die Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen für dringend notwendig, um die Aufstiegschancen für Ostdeutsche in Zukunft zu verbessern. Es sei erwiesen, dass es 30 Jahre nach der Vereinigung nur wenige Ostdeutsche bis in Spitzenpositionen der öffentlichen Verwaltung geschafft hätten. Voraussetzung dafür seien gute Bildung, Ausbildung oder Studium. Außerdem plädieren die Abgeordneten dafür, dass die Ostdeutschen ihre Interessen stärker öffentlich sichtbar machen.

Eine Ost-Quote halten die Grünen dagegen für eine "pointierte Forderung", die aber nicht weiter helfe. Ostdeutsch zu sein ist für die Grünen-Fraktion vor allem eine Frage der persönlichen Einstellung: "Ostdeutscher ist, wer sich dazu bekennt, egal ob man in den neuen Ländern geboren ist, hier schon lange lebt oder sich erst gerade dafür entschieden hat, hier zu leben."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit vom Tag | 12. Juli 2019 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2019, 18:00 Uhr

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26 Kommentare

14.07.2019 11:55 Heidi 26

@ 2 4 von Ost und West muß man leider immer noch sprechen weil es absolut in jeder Lage keine Einheit ist , es sind zuviele Miststände die es immer noch gibt ( Lohn u s w . ) es würd nie eine einheitliche Einheit geben !

14.07.2019 09:46 winfried 25

Die Anwesenheit von Quote zeigt, Abwesenheit von Qualifikation.

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