Der Redakteur | 07.02.2020 Woher wissen Verkehrsbetriebe, dass sie mit 100 Prozent Ökostrom fahren?

Bertram Schröder aus Gera, Claus Werner aus Jena und Uwe Scholz aus Wolfsgefährt fragen: Woher wissen die Geraer (und andere) Verkehrsbetriebe, dass sie mit 100 Prozent Ökostrom fahren? Gibt es eine separate Leitung? Zum Beispiel nach Skandinavien? Und was passiert nachts?

von Thomas Becker

Straßenbahn in Gera - Geraer Verkehrsbetrieb GVB
Fährt diese Straßenbahn mit 100 Prozent Ökostrom? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Strom kommt aus der Steckdose und wir wissen seit einigen Jahren, dass er gelb ist. Trotzdem ist er irgendwie nicht greifbar. In Physik haben wir gehört, dass mit dem elektrischen Strom der Transport von elektrischen Ladungsträgern wie Elektronen in Leitern gemeint ist. Der Leiter wird warm, wenn Strom fließt, weshalb lange Überlandleitungen auch Verluste mit sich bringen und wenn kein Strom fließt, wird es kalt im ganzen Haus, weil selbst Gas- und Ölheizungen auf etwas Strom angewiesen sind. Wir wissen auch, dass das Speichern von Strom zwar möglich ist, aber noch Optimierungspotential hat, aber bis wirklich reiner Ökostrom durch unsere Leitungen fließt, dauert es noch etwas. Das bedeutet, die Öko-Bilanz der Geraer Straßenbahnen liegt nur rechnerisch bei 100 Prozent. Das hat technische Ursachen.

Wir beziehen unseren Strom über die Energieversorgung Gera. Diese hat eine europaweite Ausschreibung gewonnen. Ausgeschrieben waren der klassische 'Graustrom' und optional 'Ökostrom'. Der in Skandinavien mit Wasserkraft produzierte Strom wird neben vielen anderen Stromvarianten an der Strombörse in Leipzig, hier in diesem Fall mit Zertifikaten, gehandelt.

Stellungnahme der GVB Verkehrs- und Betriebsgesellschaft Gera mbH

Erzeugung und Vertrieb sind verschieden

Strommast von unten
Es gibt im Stromnetz keine "Überholspuren", um den "bevorzugten" Strom einem Verbraucher direkt auszuliefern. Bildrechte: imago/STPP

Man muss nämlich unbedingt trennen zwischen der Physik und dem was über den Vertrieb läuft. Alle Verbraucher von der Straßenbahn bis zur heimischen Saftpresse beziehen ihren Saft aus der gleichen Flasche. Es gibt im Stromnetz einfach keine "Überholspuren", die man nutzen könnte, um irgendwie "bevorzugten" Strom einem Verbraucher direkt auszuliefern. Das bedeutet, auch in Gera kommt immer ein Strommix an, der ziemlich regional entstanden ist, also weder in einem AKW in Baden-Württemberg noch in dem Wasserkraftwerk in Skandinavien, das vielleicht die Rechnung schreibt. Alles Selbstbetrug also? Nein!

Es gibt Herkunftsnachweise und die müssen wir im Nachgang beim Umweltbundesamt abgeben. Damit ist sichergestellt, dass der Strom nicht zweimal verkauft wird.

Rüdiger Erben, Leiter Bereich Energiebeschaffung und Vertrieb Energieversorgung Gera

Nun können wir zwar nicht ausschließen, dass es auch in diesem System schwarze Schafe gibt, aber es wird einem Betreiber eines Windrades mit einer Leistung von zwei MW schwerfallen, der Börse und den Behörden den Verkauf von vier MW Windstrom unterzujubeln, der im benachbarten Braunkohlekraftwerk "entstanden" ist. Denn die Anlagen sind ja alles keine Schwarzbauten, es ist allseits bekannt, wozu sie in der Lage sind und wozu nicht. Aber je höher der Anteil regenerativer Stromerzeugung ist, umso höher ist dann auch der Anteil im Gesamtsystem. 40 Prozent aus regenerativen Quellen haben wir schon erreicht, das bedeutet aber auch: 60 Prozent kommen eben aus anderen Quellen.

Unser Stromnetz hat viele Quellen

Und aus den dargelegten physikalischen Gründen können sich die Anwohner im Umfeld eines Atomkraftwerkes auf den Kopf stellen und Ökostrom ordern wie sie wollen, die Physik wird dafür sorgen, dass aus ihren Steckdosen immer nur Atomstrom kommen wird. Je weiter man von einer solchen Einspeisestelle entfernt wohnt, umso gemixter wird der Strom dann werden.

Unser Stromnetz ist das sogenannte kontinentaleuropäische Netz und das deckt von Dänemark abwärts den gesamten europäischen Kontinent ab und außerdem die Türkei und Nordafrika bis zur Westsahara. Und überall folgt der Strom den gleichen physikalischen Gesetzen. Immer dann, wenn der Strom des nächsten regionalen Erzeugers nicht ausreicht, wird das Angebot des Nachbarn genommen. Wenn Ihr Mehl beim Backen in der Küche zu Neige geht, ist ihr nächster Anlaufpunkt der eigene Vorratskeller. Ist auch dort das Mehl alle, gehen Sie zum Nachbarn und erst wenn der auch nichts hat, machen Sie einen Notkauf im Supermarkt.

Was heißt das zum Beispiel für Gera?

Die Energieversorgung Gera produziert selbst Strom bis zu 40 MW. In Spitzenzeiten werden aber in Gera 70 MW abgerufen. Das bedeutet, erst wenn die 40 MW überschritten werden, könnte theoretisch Strom aus Skandinavien nach Gera fließen, praktisch wird es eher welcher aus den Windrädern an der A9 sein, oder aus der noch viel näheren Umgebung.

"Es macht sicherlich Sinn, Strom lokal zu erzeugen. Wir erzeugen ja bei uns auch in zwei Kraftwerken auf der Basis von Erdgas in Wärme-Kraftkopplung Strom. Aber die Kraftwerke hängen immer im Netz und wenn die ausfallen, können wir Strom aus dem Netz beziehen."

Rüdiger Erben, Leiter Bereich Energiebeschaffung und Vertrieb Energieversorgung Gera

Nun die Verkehrsbetriebe energetisch zu einer grünen Insel zu erklären, das ist nicht besonders klug, denn solche Insellösungen laufen nicht besonders stabil. Und Instabilität ist Gift für unsere technischen Geräte, für die relativ stabile 50Hz überlebenswichtig sind.

Strom schwankt mit Angebot und Nachfrage

Steigt die Nachfrage und kann nicht bedient werden, sinkt die Frequenz im Netz und umgekehrt. Und der Wasserstand in einem großen Becken ist einfacher stabil zu halten als in einem Eimer. Und die kleine Inselanlage müsste nämlich - so wie das große Netz auch - immer genauso viel Strom bereithalten, wie die Verbraucher abnehmen. Man bräuchte also einen riesigen Puffer-Speicher und die Hoffnung, dass zu Weihnachten nicht alle Geraer ihre Gänse gleichzeitig braten.

"Der Strom kann weder im Netz gespeichert werden, noch kann er irgendwo verschwinden."

Rüdiger Erben, Leiter Bereich Energiebeschaffung und Vertrieb Energieversorgung Gera

Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 06. Februar 2020 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2020, 16:05 Uhr