Der Redakteur | 15.09.2020 Was macht ein Grundeinkommen mit uns?

Die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen wird seit Jahren immer wieder diskutiert. Von einer Umsetzung auf nationaler Ebene scheint die Politik weit entfernt. Für einige Wenige wird der Traum trotzdem wahr werden.

Eine Hand hält ein Buch mit dem Titel "Grundeinkommen kontrovers".
Würden wir zu Faulenzern werden oder besonders sinnvolle Tätigkeiten suchen? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Geld zu bekommen fürs Nichtstun. Das klingt wie der Vorgarten zum Paradies und ist eine Idee, die schon geraume Zeit durch die Lande geistert. Es gab auch schon diverse Versuche in allen möglichen Ländern, einschließlich Kuba. Auch die Finnen haben schon ein paar Testpersonen beglückt, aber so richtig greifbare Ergebnisse haben wir immer noch nicht. Was macht "Geld für alle ohne Arbeit" mit uns? Stehen wir gar nicht mehr auf?  Schleppen wir uns allenfalls noch zur Hängematte? Arbeiten wir einfach weiter wie bisher, nur mit weniger Druck? Beginnen wir nur noch Dinge zu tun, die uns Spaß machen? Werden wir total sozial und unterstützen andere Menschen? So eine ähnliche Erfahrung – aber ohne diese Art Grundeinkommen – macht gerade Daniel. Er bezieht eine Frührente und etwas Geld aus Vermietung und Verpachtung. Er arbeitet nicht im herkömmlichen Sinne, sondern anders.

Wenn man drei Wochen den Bauch in die Sonne gelegt hat, dann kommt ein Grundbedürfnis, etwas zu schaffen. Das Leben muss ja einen Sinn haben. Ich helfe anderen Leuten, baue Gemüse an, verschenke es.

MDR Thüringen-Hörer Daniel

Aber er genießt es, keinen Druck zu verspüren, das zum Überleben nötigste Geld verdienen zu müssen. Oder keine Angst vorm Alter haben zu müssen.

Pilotprojekt Grundeinkommen

Nun ist Daniel ein Einzelfall und wir können einen solchen Lebensstil schlecht einfach flächendeckend einführen. Denn wenn es schief geht, sind die Regale leer. Also probieren wir es im Kleinen. Der Verein Mein-Grundeinkommen.de veranstaltet quasi eine Lotterie, bei der jeder spenden und mitmachen kann, am Ende gibt es mit etwas Glück 1.000 Euro monatlich ein ganzes Jahr lang. Die Erfahrungen werden im Internet geteilt, das ist alles schön, aber eben kein fundierter wissenschaftlicher Ansatz. Für diesen hat sich der Verein mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zusammengetan und ist dabei, mehr als 1.500 Menschen zu suchen, die an einer wissenschaftlichen Studie teilnehmen. Diese schaut aber nicht etwa aufs Geld, nach dem Motto: "Wieviel Grundeinkommen können wir uns als Gesellschaft überhaupt leisten?"

Die Debatte zur Finanzierung sollte nicht am Anfang einen solchen Modellversuch blockieren. Wir sollten erstmal Erfahrungen sammeln, Grundlagenforschung machen. Wie verhalten sich denn die Menschen, wenn sie regelmäßige Zahlungen über einen längeren Zeitraum erfahren? Welche Klischees stimmen dann mit der Wirklichkeit überein?

Prof. Jürgen Schupp, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Alles, was bisher bekannt ist, das sind eher Anekdoten – so wie bei Daniel. Was fehlt, ist die Vergleichsgruppe.  Prof. Schupp spricht von einem Klon eines Probanden, der eben ohne ein solches "Geschenk" lebt, wobei beide den gleichen gesellschaftlichen Auswirkungen ausgesetzt sind. Studieren Studenten fertig, wenn sie 1.200 monatlich erhalten? Und wenn nicht, wie verhält sich die Vergleichsgruppe, die nichts bekommt? Denn es kann ja sein, dass das Abbrechen des Studiums - gemittelt über die Bevölkerungsgruppe - noch ganz anderen Einflüssen unterliegt, die nichts mit dem Grundeinkommen zu tun haben.

Wir wollen herausfinden, inwiefern dann wirklich das Grundeinkommen alleine zu einer Änderung führt.

Prof. Jürgen Schupp, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Diese Studie soll das auch nachhaltig feststellen, deswegen hat man sich bewusst für einen dreijährigen Zeitraum entschieden, wenn gleich Kritiker auch diesen Zeitraum für zu kurz halten, wie Schupp einräumt. Diese Teilnehmer werden derzeit rekrutiert und sie werden auch nicht so beliebig ausgelost, wie die Gruppe derer, die bei der reinen Lotterie mitmachen und dort ihre subjektiven Erfahrungen teilen. In beiden Fällen sind die verwendeten Gelder aber keine Steuergelder, sondern alles wird mit Spenden aus der Zivilgesellschaft finanziert.

Da es viele kleine Spenden sind, fällt für die Beschenkten keinerlei Schenkungssteuer an, weil sie unterhalb der Freigrenzen sind. Umgekehrt ist die Spende auch nicht steuerlich abzugsfähig.

Prof. Jürgen Schupp, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Dann kommt die Debatte über die Finanzierung

Wenn die Studie dann durch ist, können wieder alle aus den Löchern kommen, die das bisher vor allen Dingen von der finanziellen Seite her betrachtet haben. Gemeint sind dann Konzepte wie das Ulmer Transfergrenzenmodell, das Solidarische Bürgergeld nach Dieter Althaus oder das liberale Bürgergeld. Und wenn wir dank der Studie dann wissen, wie wir uns verhalten, dann könnten wir nicht nur irgendwelche Gelder verteilen, sondern auch darüber nachdenken, wie wir Arbeit und Sozialleistungen künftig überhaupt wertschätzen und organisieren.

Gegenwärtig ist Arbeit im Kern die sozialversicherungspflichtige Arbeit, die dann auch Ansprüche an unser Sozialsystem begründet, wie Arbeitslosengeld. Aber all diejenigen, die auch eine Tätigkeit ausüben, die aber nicht in unserem bestehenden System abgesichert ist, die können durch diese Form eines Grundeinkommens durchaus eine Aufwertung erfahren.

Prof. Jürgen Schupp, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 15. September 2020 | 16:20 Uhr

2 Kommentare

Lyn vor 10 Wochen

Die "soziale Hängematte " ist ja schon da, in Form von H4.

Bei einem BGE würden allerdings etliche Behörden überflüssig. Also eine Menge Einsparpotenzial.

Und wenn das BGE voll in das zu versteuernde EK geht.... dürfte ein Großteil als Steuern zurückfließen.

Also eine Win win Situation.

Ich würde das absolut begrüßen.
Dann hätte ich endlich ein zu versteuernde Einkommen, bei dem ich meine Handwerkerkosten ansetzen könnte. Ja, den Lohn.



MikeS vor 10 Wochen

Sicherlich hat die Idee des Grundeinkommens auch eine durchaus nachvollziehbare soziale Komponente. Allerdings befürchte ich, wird Sie in weiten Teilen zur "neuen sozialen Hängematte" mutieren, wie wir das schon von Hartz4 kennen. Ein neuer Anreiz für die Mitnahmementalität. Da wünsche ich den Sozialgerichten schon mal wieder viel Spasss. Aber damit sichert man ja auch das Grundeinkommen einiger unterklassiger Anwälte ...