Der Redakteur | 06.02.2020 Ist der Aufstieg der NSDAP mit dem der AfD zu vergleichen?

Die Heftigkeit der Reaktionen nach der Wahl von Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten hat auch etwas mit unserer Geschichte zu tun. So mancher fühlte sich mit Blick auf die AfD an den Aufstieg der NSDAP erinnert. Aber sind solche Vergleiche erlaubt?

Handschlag zwischen Hitler und Hindenburg
Der historische Handschlag zwischen Hitler und Hindenburg besiegelte das Ende der Weimarer Republik. Bildrechte: imago/UIG

Vergleiche sind schwierig, Gleichsetzungen gewagt. Wir haben zwei der renommiertesten Historiker um ihre Einschätzungen gebeten. Und diese unterscheiden sich durchaus in der Bewertung des Ausmaßes der aktuellen Aufregung. Einigkeit herrscht darüber, dass eine Gleichsetzung von NSDAP und AfD unsinnig ist. So wie auch die Gleichsetzung der Linken von Ramelow mit der SED-Diktatur.

Ein Handschlag-Vergleich geht durchs Netz

Nach der Ministerpräsidentenwahl von Thomas Kemmerich machte ein historischer Handschlag-Vergleich im Internet die Runde. Kemmerich (FDP) und Höcke (AfD) heute - Hitler und Hindenburg damals.

Björn Höcke  AfD gratuliert Thomas L. Kemmerich, FDP, dem neu gewählten Ministerpräsidenten in Thüringen.
2020 Bildrechte: imago images/STAR-MEDIA
Björn Höcke  AfD gratuliert Thomas L. Kemmerich, FDP, dem neu gewählten Ministerpräsidenten in Thüringen.
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Handschlag zwischen Hitler und Hindenburg
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Andere Ausgangssituation vor rund 100 Jahren

Aber auch den Vergleich der Verhältnisse von heute mit denen von vor knapp 100 Jahren, will der Historiker Prof. Dieter Langewiesche so nicht ziehen. Die Menschen lebten damals nach dem Ersten Weltkrieg in einer prekären Situation, mit hoher Arbeitslosigkeit und einer tiefen Wirtschaftskrise.

Die Weimarer Republik war gesellschaftlich und politisch völlig zerstritten. Es gab so etwas wie Privatarmeen. Nur um den Hintergrund zu beleuchten, was das für eine Zeit damals war. Und die kann man einfach nicht mit der heutigen Situation vergleichen.

Prof. Dieter Langewiesche, Historiker und Experte für die Geschichte des Nationalismus und Liberalismus
Philipp Scheidemann, der die Republik ausruft, darunter eine jubelnden Menschenmenge.
Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann die Weimarer Republik aus. Doch weder Militär noch Justiz unterstützten die neuen demokratischen Verhältnisse. Bildrechte: dpa

Prof. Langewiesche verweist darauf, dass damals auch die Institutionen versagt haben. Der Rechtsapparat war ausgehöhlt worden und hatte eine sehr kritische Haltung gegenüber der Weimarer Republik. Im Klartext: Viele Juristen haben einfach mitgemacht. Das ist heute anders. Auch das Militär hat sich damals auf die Seite derer gestellt, die wieder einen starken Staat schaffen wollten und die Industrieverbände haben ebenfalls auf andere Verhältnisse gehofft und letztlich gab es auch bürgerkriegsähnliche Zustände. Die Ausgangssituationen sind also zu verschieden, um sie vergleichen zu können.

Erste Regierungsbeteiligung der NSDAP in Thüringen

Trotzdem es gibt viele Menschen, die mit Blick auf den Niedergang der Weimarer Republik und den Aufstieg der Nationalsozialisten sagen: "Wehret den Anfängen!" Prof. Dr. Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, möchte zwar auch nicht von Parallelen zwischen dem Weg der NSDAP und dem Verhalten der AfD sprechen, aber doch von "besorgniserregenden Potentialen".

Hitler und die NSDAP haben versucht, nach dem gescheiterten Putsch von 1923 aus den Parlamenten heraus an die Macht zu kommen. Durch Gewinnung von Wählern und durch eine parlamentarische Wahlbewegung. Das war die Hauptwaffe, die die NSDAP seit 1930 erfolgreich angewandt hat, gegen die Demokratie.

Prof. Dr. Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte
NSDAP Parteitag Weimar
Dass Thüringen für die NSDAP wichtig war, zeigt die Tatsache, dass in Weimar 1926 der Parteitag abgehalten wurde. Bildrechte: IMAGO

Und er weist auch darauf hin, dass es die erste Koalitionsregierung mit Beteiligung und Ministern der NSDAP 1930 in Thüringen gegeben hat. Innenminister (und Volksbildungsminister) war damals Wilhelm Frick, der sofort damit begann, per Verordnungen kommunistische und sozialdemokratische Lehrer, Polizisten und Beamte zu entlassen und die Stellen bevorzugt durch Parteigenossen zu ersetzen. In Thüringen konnte er vom Parlament letztlich noch gestoppt werden, doch die nächste Stufe der Karriereleiter war der Posten des Innenministers unter Reichskanzler Hitler.

Geschichte mit verantwortlich für heftige Reaktionen

Demonstrant vor dem DNT Weimar protestieren gegen Wahl Kemmerichs zum Thüringer Ministerpräsidenten 15 min
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Im Interview mit Historiker Dieter Langewiesche, Prof. für Geschichte des Nationalsozialsimus, erörtert unserer Redakteur, ob ein Vergleich vom Aufstieg der NSDAP und der AfD angebracht ist.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 06.02.2020 15:20Uhr 15:13 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-redakteur-interview-mit-historiker-langewiesche100.html

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Diese und andere historische Hintergründe sind es, die auch zu den heftigen Reaktionen beigetragen haben, gerade in Berlin. Und das quer durch die Parteienlandschaft des Bundestages – mit einer Ausnahme. Und dass die Bundespolitik so reagiert hat, einschließlich einer Kanzlerin, die sich im Ausland völlig ungewöhnlich innenpolitisch geäußert hat, das hat eben auch einen außenpolitischen Grund. Es ist ja nicht so, dass Deutschland im Ausland nur freundliche Empfindungen hervorruft. "Made in Germany" war eben auch der Zweite Weltkrieg. Da tauchen Fragen auf und Ängste.

Wenn Politiker, die mit verdächtigem Vokabular jonglieren, plötzlich eine erkennbare Macht haben und zum "Königsmacher" werden, dann ist das in Verbindung mit unserer Geschichte eben ein Anlass zur Besorgnis.

Demokratiefeindliche Tendenzen auch im Ausland

Übrigens zeigt der Blick in die Gegenwart auch, dass demokratiekritische bis –feindliche Tendenzen in anderen Ländern sehr weit fortgeschritten sind. Frankreich ist mindestens gefährdet, Österreich hat die Kurve wohl noch bekommen, in Polen gibt es bedenkliche Tendenzen und in Ungarn ebenso. Und "bedenklich" bedeutet nicht, dass da jemand an der Macht ist, der einfach nur andere Ansichten hat als seine politischen Mitbewerber.

Wir leben in einer Zeit, in der in vielen Stellen Europas - und nicht nur Europas - die Demokratie, wie wir sie kennen, angegriffen wird und  man sie verändern will. Das finde ich auch alarmierend, dagegen muss man sich wenden. Aber man muss nicht meinen, dass das, was im Erfurter Parlament passiert ist, alles bei uns umstülpt.

Prof. Dieter Langewiesche, Historiker und Experte für die Geschichte des Nationalismus und Liberalismus

Immerhin hat Erfurt zu einem politischen Beben geführt, das noch nicht vorbei ist. Welche Parteien sich letztlich dadurch beschädigt oder gestärkt haben, das wissen wir noch nicht. Aber um den Blick nach draußen zu schärfen: In Polen beispielsweise wurde eine der Säulen der Demokratie – die unabhängige Justiz – schon ziemlich stark beschädigt. Siehe Weimarer Republik.

Und auch in Ungarn geht es unter Orban rasant bergab mit der Demokratie. Die gesamte Medienlandschaft mit relevanter Reichweite wurde über Stiftungen von der regierenden Fidesz-Partei aufgekauft. Schon ein Treffen von zwei Personen im öffentlichen Raum kann laut gültigem Demonstrationsgesetz als politische Versammlung gelten, wenn sich jeder der Debatte anschließen kann. Das Land blutet aus, Studenten und Fachkräfte suchen ihre Zukunft im Ausland und das Land hängt am Tropf der EU. Was ist nur aus der einst "fröhlichsten Baracke des Sozialismus geworden?" Aus dem Ort, an dem wir einen Hauch von Freiheit genießen durften? Gegen die Sorgen der zu großen Teilen verarmten ungarischen Bevölkerung sind unsere Probleme Kindergartenkram.

Auch unsere Demokratie erscheint nicht im besten Licht

Trotzdem sind viele Menschen bei uns unzufrieden. Weil sich unsere Parteien, die EU und auch die deutsche Bürokratie nicht gerade in Bestform präsentieren. Wenn der Eindruck entsteht, dass es nur um die Zahl der Staatssekretärsposten geht, wenn der Polizist mehr verwaltet als verfolgt, wenn das Unternehmertum im Vorschriftenwahn erstickt, wenn wir über solche Kinkerlitzchen wie Kassenbons diskutieren und dem Altersrentner Steuern abziehen, dann sind einfache Alternativen natürlich willkommen.

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Im Interview mit Andreas Wirsching, Direktor im Institut für Zeitgeschichte, erörtert unserer Redakteur, ob ein Vergleich vom Aufstieg der NSDAP und der AfD angebracht ist.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 06.02.2020 15:20Uhr 13:15 min

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Ob sie funktionieren, das wird komischerweise gar nicht hinterfragt. Allenfalls merkt man es hinterher. Und da sind wir wieder beim Thema: Auch ein Hitler hatte einfache "Lösungen" parat und wenn es die Arbeitsplätze im Autobahnbau waren.

Bis 1929/30 war Hitler nicht mehr als ein Bayerischer Bierkelleragitator. 1929 kamt er auf die Nationale Bühne, weil er dort auch von den Konservativen wie Alfred Hugenberg und anderen als Instrument der Propaganda hochgehievt wird. Auch das ist eine abschreckende Geschichte der Anbiederung des Konservatismus an den Rechtsextremismus.

Prof. Dr. Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte

Hugenberg stellte damals sozusagen die Hälfte der Deutschen Presse dar. Siehe Ungarn. Sein Medienkonzern war eine Macht im Staat. Nationalsozialistische und antisemitische Propaganda standen auf der Tagesordnung. 1930 bei den Reichstagswahlen kam dann der Durchbruch für die NSDAP mit 18,3 Prozent der Stimmen. Und anschließend drehte sich in der Diskussion sehr viel um diese eine Partei und auch um ihre parlamentarische Blockadepolitik. Diese hat den Reichstag gelähmt. Das Ergebnis ist bekannt.

Diese Blockade von innen heraus, die dann 1933 vollständig wurde, das war die eigentlich Gefahr, in der dann auch die Weimarer Republik in ihrer Verfassung zusammengebrochen ist.

Prof. Dr. Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund extrem hohen Kommentaraufkommens haben wir diesen Artikel nicht zum Kommentieren freigegeben.

Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 06. Februar 2020 | 15:00 Uhr