Ein Aufkleber mit der Aufschrift ''ADAC - Rettungskarte im Fahrzeug'' klebt am 12.08.2014 bei einer Übung auf dem Hof des ADAC-Technikzentrum in Landsberg (Bayern) an der zerbrochenen Windschutzscheibe von einem BMW i3.
Kann im Ernstfall Leben retten: Eine Rettungskarte für die Feuerwehr. Bildrechte: dpa

Rettungskarten und E-Call-System Moderne Autos machen der Feuerwehr bei Unfällen Probleme

Retten, helfen, bergen - das ist das Motto der Feuerwehr. Immer häufiger kommt aber bei schweren Straßenverkehrsunfällen zuerst das "Gucken". Weil moderne Autos immer aufwändiger konstruiert werden, lassen sich eingeklemmte Passagiere mit herkömmlichem Gerät nicht mehr in jedem Fall aus den Fahrzeugen herausschneiden. 

von Matthias Thüsing

Ein Aufkleber mit der Aufschrift ''ADAC - Rettungskarte im Fahrzeug'' klebt am 12.08.2014 bei einer Übung auf dem Hof des ADAC-Technikzentrum in Landsberg (Bayern) an der zerbrochenen Windschutzscheibe von einem BMW i3.
Kann im Ernstfall Leben retten: Eine Rettungskarte für die Feuerwehr. Bildrechte: dpa

Ein kleiner Zettel hinter der Sonnenblende - so empfehlen es die Automobilclubs - soll helfen, Leben zu retten. Denn hier könnten Autofahrer so genannte Rettungskarten deponieren, auf die die Feuerwehr im Falle eines Unfalls zugreifen könnte. Auf den Rettungskarten ist schematisch für jeden Fahrzeugtyp und jede Baureihe aufgezeichnet, wo es die Helfer mit ihren Schneidwerkzeugen schwer haben werden.

Sicherheit wird zum Problem

Längst ist für den einzelnen Helfer an der Unfallstelle nicht mehr klar, wo er effizient und gefahrlos das schwere Gerät ansetzen kann, um Unfallopfer zu bergen. "Die Fahrzeuge sind dank Airbags, Verstärkungen in der Karrosserie und Gurtstraffer  deutlich sicherer geworden", so ein Sprecher der Thüringer Innenministeriums. "Dies bedeutet aber auch, dass es die Rettungskräfte technisch schwerer haben, die eingeklemmten Personen innerhalb eines kleinen Zeitfensterns  aus dem verunfallten Fahrzeug zu retten."

Ein Feuerwehrmann hält am Dienstag (19.10.2010) in München (Oberbayern) bei einer Presseveranstaltung mit Rettungsübung eine Rettungskarte in der Hand, während auf der Windschutzscheibe der dazugehörige Aufkleber zu sehen ist.
Auf der Rettungskarte steht, wo die Feuerwehr schneiden kann. Bildrechte: dpa

Achmed Leser, Fahrzeugexperte vom TÜV Thüringen, macht vor allem die verstärkten Bleche im modernen Fahrzeugbau verantwortlich für die Probleme der Feuerwehren. "Die Entwicklung lässt sich seit einigen Jahren beobachten", sagt Leser. Die Versteifungen an den Fahrzeugseiten lassen sich mit herkömmlichen Schneidwerkzeugen der Feuerwehren nicht mehr aufspreizen. Weitere Probleme bereiten den Rettern die zahlreichen Airbags, die im Frontbereich und Seitenbereich einer Fahrzeugzelle eingebaut werden. Airbags werden mittels kleiner Zünder zum Auslösen gebracht. Ob er jedoch auslöst oder nicht ist Gegenstand von mitunter komplizierten Algorithmen. Sie hängen beispielsweise von Aufprallwinkel, Anschnallsituation und Aufprallgeschwindigkeit ab. "Wenn ein Airbag nicht aktiviert wurde", sagt Fahrzeugexperte Leser, kann sich ein Feuerwehrmann schwer verletzten, wenn er aus Unwissenheit in eine solche Zündkapsel hineinschneidet." Ähnliches gelte auch für den Schnitt in einen Schweller, in dem oft die Hochspannungsleitungen von Elektrofahrzeugen oder Gasleitungen von mit Erdgas betriebenen Fahrzeugen verlaufen.

"Hier hilft dem Retter nur eine gute Ausbildung", sagt Leser. Die Rettungskarten können helfen, aber "da  draufzuschauen kostet im Zweifelsfall auch wieder entscheidende Sekunden", sagt Leser. So seien viele Feuerwehren inzwischen dazu übergegangen, anstelle der A-/B- oder C-Säulen der Autos die Dächer aufzuschneiden. Die seien ein für die Retter unproblematischer Einstieg ins Fahrzeug. 

Automatischer Notruf mit E-Call

Wertvolle Sekunden für die Retter könnte auch eine Neuerung bringen, die ab 1. April in jedem produzierten Neuwagen installiert sein muss, so ein Sprecher des Thüringer Innenministeriums.

Drei Feuerwehrmänner stehen vor einem auf dem Dach liegenden weißen Pkw. Sie schicken sich an, mit einem Schneidgerät das Auto zu öffnen.
Bei einem schweren Unfall zählt jede Sekunde. Bildrechte: MDR/Gregor Mühlhaus

E-Call nennt sich das System, dass bei einem schweren Aufprall selbstständig eine automatische Notrufverbindung zur Zentralen Leitstelle herstellt. Ist die aufgebaut übersendet das Fahrzeug die ersten Daten für die Helfer: So erfahren die Leitstellen automatisch den genauen Unfallort, die Anzahl der Fahrzeuginsassen und die Fahrzeugidentifikationsnummer.

Mittels dieser Identifikationsnummer kann der Leitstellendisponent - in Analogie zur Kfz-Kennzeichenabfrage - weitere Informationen beim Kraftfahrzeugbundesamt abfragen. Im Idealfall liegen die Daten dann schon vor, wenn die Feuerwehr den Unfallort erreicht. Auf diese Weise erfahren die Helfer auch, ob das Unfallfahrzeug irgendwann einmal nachträglich umgerüstet wurde - zum Beispiel auf einen Gasantrieb. Dann ist für die Feuerwehr Vorsicht geboten, mit der Schere keine Gasleitung anzuschneiden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 20. Februar 2018 | 07:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2018, 20:31 Uhr

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4 Kommentare

21.02.2018 10:38 Jakob T. 4

@ Frank Zeiss: Die Feuerwehr hat solche Datensätze, aber gerade bei umgerüsteten Fahrzeugen hilft das nichts außerdem muss man das Auto einwandfrei erkennen. Es sind ja nur Kleinigkeiten, die z.B. einen VW T5 und einen VW T6 äußerlich unterscheiden.

21.02.2018 09:47 Frank Zeiss 3

Ehrlich gesagt, kann ich mir es schwer vorstellen, dass die Feuerwehr in einem gecrashten Auto, vielleicht noch nachts, so eine unversehrte, druckfrische, farbig ausgedruckte und passgenaue Rettungskarte erst sucht und dann auch findet. Wäre es nicht sinnvoller, die FW hätte Tablets mit allen Rettungskarten/hinweisen dabei? Vielleicht ließe sich an allen Kfz auch ein Barcode zur schnelleren Identifizierung anbringen.

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