Rückblick auf das Jahr 2019 Thüringer Wirtschaft zwischen Optimismus und Rückgang

Wolfgang Hentschel
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Licht und Schatten: Das war das Jahr 2019 für die Wirtschaft in Deutschland und Thüringen. Während die Inlandsnachfrage eigentlich ganz gut lief, sorgten außenpolitische Krisen für Verunsicherung: wie etwa der Handelsstreit der EU mit den USA oder der drohende Brexit. Trotzdem zogen sich die Thüringer Unternehmen 2019 einigermaßen gut aus der Affäre. Allerdings: Für 2020 sind ihre Erwartungen eher zurückhaltend.

Bauarbeiter errichten auf einer Baustelle ein Stahlgeflecht
Das Thüringer Baugewerbe profitierte 2019 von der guten Autragslage. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Auch wenn noch keine abschließenden Daten für 2019 vorliegen: im zurückliegenden Jahr ist die Thüringer Wirtschaft wieder gewachsen. Das Plus fällt voraussichtlich aber nur klein aus: nach Einschätzung des Verbandes der Wirtschaft Thüringens (VWT) hat das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr nur um etwa 0,5 Prozent zugelegt. Dass das BIP überhaupt stieg, liegt auch an der Industrie, die bis einschließlich Oktober ihre Umsätze um 1,5 Prozent auf über 27 Milliarden Euro steigern konnte. Die Entwicklung in den Industriebranchen war aber differenziert, so VWT-Sprecherin Ute Zacharias.

Teilweise machte sich im Lauf des Jahres eine Konjunkturdelle bemerkbar: "Die optische Industrie hatte 2019 noch ein Umsatzplus von 4,3 Prozent zu verzeichnen. Die Branchenentwicklung ist aber sehr heterogen. Es gibt Branchen, die spüren noch gar nichts, oder ganz wenig. Und es gibt welche, die spüren das schon sehr deutlich." Auch die Exporte werden in diesem Jahr voraussichtlich stagnieren, die Ausfuhren lagen nach den ersten drei Quartalen 0,9 Prozent unter denen des Vorjahreszeitraums.

Umsatzrückgänge in Metall-, Elektro- und Automobilindustrie

Laut Zacharias hatten die Metall- und Elektroindustrie sowie die Automobilindustrie Umsatzrückgänge von rund drei Prozent zu verkraften. Laut Zacharias ist auch die Auftragslage im Sinken begriffen. Der Rückgang nahm bereits Ende 2018 seinen Anfang und setzte sich im Lauf des Jahres 2019 fort. Die Auftragsreichweite liegt jetzt bei unter fünf Monaten. "Das heißt, der langanhaltende Aufschwung ist zu Ende und die Dynamik hat nachgelassen", bilanziert Zacharias.

Sehr ähnlich wird die Situation von der Industrie- und Handelskammer Erfurt eingeschätzt. Laut Hauptgeschäftsführerin Cornelia Haase-Lerch war 2019 war ein eher durchwachsenes Jahr. Einer soliden Inlandsnachfrage habe ein schwieriges außenwirtschaftliches Umfeld gegenübergestanden. "Auf der einen Seite profitierten das Baugewerbe, der Tourismus und die Gastronomie sowie der Handel noch von günstigen Arbeitsmarktbedingungen, niedrigem Zinsniveau und gestiegenen Einkommen", so Haase-Lerch. "Anderseits mussten Schlüsselbranchen, wie die Automobil- und Zulieferindustrie deutliche Umsatzverluste verkraften." Schuld daran sind nach Angaben der IHK-Chefin Doppel-Belastungen durch Wirtschafts-Protektionismus - wie etwa Zölle - und durch ökologische Herausforderungen.

Opel-Werk in Eisenach
Umsatzrückgänge verzeichnete unter anderem die Thüringer Automobilindustrie. (Symbolbild) Bildrechte: imago/Bild13

Handwerk liefert gute Zahlen ab

Gute Zahlen lieferte im letzten Jahr dagegen erneut das Handwerk. Hier stiegen laut Thomas Malcherek von der Handwerkskammer Erfurt die Umsätze um geschätzt drei Prozent. "Die konjunkturellen Daten für das Handwerk in Nord- und Mittelthüringen in 2019 sind gut. Die Handwerksbetriebe schauen sehr zufrieden auf das abgelaufene Jahr zurück." Laut Malcherek gilt das auch für die Handwerksunternehmen in Ost- und Südthüringen. Für 2020 rechnet die Handwerksbranche mit leicht rückläufigen Umsätzen, aber immer noch mit einem insgesamt guten Geschäftsjahr. "Auch im Handwerk kommt die leicht fallende Konjunktur aus Industrie und Export an", so Malcherek. "Das sind Punkte, die bis ins Handwerk hineinreichen, wenngleich die Auftragslage im Handwerk auch im nächsten Jahr gut ist. Wir haben 2020 noch relativ hohe Lohnsteigerungen, so dass vom privaten Konsum noch eine ausreichend hohe Nachfrage kommt."

Neues Vergabegesetz und neuer Feiertag sorgen für Unzufriedenheit

Nicht ganz so optimistisch ist die IHK Erfurt. Nach Angaben von Kammer-Chefin Haase-Lerch werden internationale Handelskonflikte, Unsicherheiten in zentralen Regionen der Ölversorgung sowie der noch immer ungelöste Brexit an den Betrieben im Freistaat nicht spurlos vorübergehen. Hinzu kommt laut Haase-Lerch die Unzufriedenheit der Firmenchefs mit den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Thüringen. Stichworte sind hier unter anderem das neue Thüringer Vergabegesetz oder der neue Feiertag am 20. September. Die IHK rechnet im kommenden Jahr daher nur mit einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von maximal 0,5 Prozent in Thüringen. Es werde ein laues Lüftchen geben statt einer frischen Brise, so Haase-Lerch.

Fortbestehen der Groko versichert Unternehmer

Der Verband der Wirtschaft gibt sich zumindest noch verhalten optimistisch. Allerdings beklagt auch der VWT Unwägbarkeiten wie den Handelsstreit zwischen den USA und China. Zudem würden innenpolitische Themen die Unternehmer verunsichern, Themen seien hier die Debatte um die Reduzierung des CO2-Ausstoßes oder eine mögliche erneute Koalitionskrise in Berlin. "All das sorgt für Unsicherheit, und das ist immer schlecht für die Wirtschaft", so VWT-Sprecherin Zacharias. "Das wirkt sich auch auf Investitionen aus. Wenn der Unternehmer nicht weiß, was er für Rahmenbedinungen hat, dann wartet er erst mal ab." Nach VWT-Angaben wird das auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben. Der Verband rechnet damit, dass die Unternehmen 2020 ihre Belegschaften nicht aufstocken werden.

Digitalisierung als Hoffnungsträger

Laut Zacharias gibt es aber auch Signale, die Hoffnung machen für die Zukunft. Zwar hat im Jahr 2019 immerhin die Hälfte der Unternehmen der Automobilindustrie Umsatzverluste von bis zu 20 Prozent hinnehmen müssen. Dennoch planen 70 Prozent der Betriebe, in Thüringen zu investieren. Investitionen sind laut Zacharias auch dringend nötig, etwa wegen der Digitalisierung der Industrie. Das müsse die Gewerkschaft IG Metall auch bei den anstehenden Tarifverhandlungen im kommenden Jahr berücksichtigen, so Zacharias.

Fachkräftemangel verursacht weiter Bauchschmerzen

Als großes Problem sieht der Verband der Wirtschaft im Jahr 2020 zudem den Fachkräftemangel. "Wir haben eine sehr schwierige demografische Entwicklung. Wir habe viele ältere Beschäfitgte, die in Rente gehen. Es müssen also Fachkräfte nachkommen, und das ist eine große Herausforderung", so Zacharias. Auch Thomas Malcherek von der Handwerkskammer Erfurt pflichtet hier bei: "Das Fachkräfteproblem ist bereits sehr drängend und wird noch weiter an Brisanz gewinnen."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 23. Dezember 2019 | 18:05 Uhr

4 Kommentare

Peter vor 48 Wochen

In der, wie Sie sie abschätzig nennen, "Sozialindustrie" arbeiten viele tausend Menschen unter anderem in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Sie kümmern sich Tag und Nacht um Menschen, die Hilfe brauchen.
Ich kann nur Pfui sagen zu solcher Hetze gegenüber fleißig arbeitenden Mitbürgern.

frank d vor 48 Wochen

Als gelernter DDR Bürger :-) kann man da vergessen geglaubte Talente reaktivieren. Mal sehen was passiert wenn das Geld der anderen alle ist und die fleißigen keine Lust mehr haben, für all die Wahnideen immer härter zu arbeiten. Da die Verbalmoralartisten meist über wenig Talente und noch weniger Fleiß verfügen, ist die Party dann vorbei, siehe Venezuela, dass war auch mal ein reiches Land. Bis die Sozialisten an die Macht kamen. Ach wie schön ist Caracas. Sapere Aude

IM Larve vor 48 Wochen

Mein Beitrag ist leider gecancelt worden, Sie haben es eben besser „umschrieben“.
Meinungsfreiheit war gestern, Meinungsdiktatur ist heute.
Bodo Slogan heißt: "Wir müssen" steht für "Ihr zahlt"
Wie gewählt, so geliefert 🤮
Frohe Weihnachten

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