Bildung "Grau macht schlau": Ruheständler sollen weiter unterrichten

Im Juni hat das Bildungsministerium eine große Kampagne zur Lehrergewinnung gestartet. Sie richtet sich nicht nur an den Lehrernachwuchs, sondern auch an Ruheständler. Möglichst viele von Ihnen könnten doch als Rentner oder Pensionäre weiter unterrichten oder aber aus dem Ruhestand in die Schulen zurückkehren. Nach Schätzungen des Ministeriums arbeiten in diesem Schuljahr etwa 100 Lehrer trotz Ruhestand weiter oder wollen das tun.

von Corinna Ritter

Schüler melden sich im Unterricht.
In Thüringen arbeiten die meisten Ruheständler in Grund- und Regelschulen. Bildrechte: IMAGO

Seine Erwartungen hatte das Ministerium nicht beziffert, als es die Aktion "Grau macht schlau" startete. Schulleiter, Gewerkschafter und Mitarbeiter von Schulämtern waren skeptisch, dass dem Aufruf "Passion statt Pension" viele folgen.

Das Ministerium hatte den Schulleitern Hinweise zur Weiterbeschäftigung bewährter Lehrer an die Hand gegeben. Ein Aufschub des Ruhestandes wäre wünschenswert, möglich seien aber auch befristete Teilzeitverträge für Ruheständler, hieß es. Idee des Ministeriums ist auch, sogenannte Tandems im Unterricht zu bilden. Ein Ruheständler soll einen Seiteneinsteiger beim Unterrichten oder beim Vor- und Nachbereiten der Stunden unterstützen.

Noch müsse sich die Möglichkeit, als Ruheständler zu unterrichten, weiter herumsprechen, sagt Bildungsstaatssekretärin Gabi Ohler. Es werde auch diskutiert, ob es bei Interesse von Pensionären Zuschläge geben könnte.

Überall fehlen Lehrer

Gesucht werden Lehrer vor allem in den sogenannten Bedarfsfächern wie Musik, Kunst und den Naturwissenschaften. Hier fehlen Lehrer und damit fällt oft Unterricht aus. Im September waren es 5,7 Prozent der Unterrichtsstunden und damit ein halbes Prozent mehr als im Vorjahr. Derzeit scheiden rund 1.000 von etwa 17.000 Lehrern aus dem staatlichen Schuldienst aus. Es wird schwer, sie alle zu ersetzen. Die Bundesländer überbieten sich derzeit beim An- und Abwerben von Lehrern. Mehr als Verbeamtung und bessere Bezahlung der Regelschullehrer scheint derzeit in Thüringen nicht drin.

Ruheständler als Minijobber

Nach den Horterzieherinnen mit Lehrbefähigung sollen nun auch Ruheständler helfen, dass weniger Unterricht ausfällt. In Mittelthüringen sind es laut Schulamt zwischen zehn und fünfzehn Ruheständler, die weiter unterrichten oder es vorhaben - so wie Christina Wickler aus Weimar. Sie hängt noch ein Schulhalbjahr dran.

Die 65-Jährige arbeitet an der Jenaplanschule, einer Gemeinschaftsschule in Weimar. Sie ist Beratungslehrerin und unterrichtet unter anderem Geschichte, Geografie oder Heimat- und Sachkunde. Außerdem ist sie Englischlehrerin und will "ihre" Abiturienten bis zum Abschluss führen.

Das müsste sie nicht, denn im Februar könnte Christina Wickler den wohlverdienten Ruhestand antreten. Im Sommer hat sie die Schulleiterin und das Schulamt informiert, dass sie gern den Englisch-Kurs "der Zwölfer" noch betreuen möchte. Das wären vier Stunden.

Lehrerin Christina Wickler aus Weimar unterrichtet in der Jenaplan-Schule Weimar u.a. im Schulteil „An der Hart“ (Gemeinschaftsschule)
Christina Wickler aus Weimar unterrichtet in der Jenaplan-Schule Weimar. Bildrechte: MDR/privat

Lehrerin mit Herz für Abiturienten

"Es ist mir ein Herzensbedürfnis", sagt Christine Wickler etwas wehmütig. Ihre einst jüngsten Schüler an der Jenaplan-Schule sind nun kurz vor dem Abschluss. Aus leidvoller Erfahrung als Schülerin weiß sie, wie es ist, kurz vor der Prüfung einen neuen Biologielehrer zu bekommen. Ein weiterer Grund für die künftige Ruheständlerin ist, dass sie dadurch "nicht so den kalten Entzug habe vom Lehrerdasein - vom vollen Tag".

Christina Wickler bekam von der Schulleiterin grünes Licht und stellte einen Antrag auf Weiterbeschäftigung. Das Schulamt Mittelthüringen hat einem Teilzeitvertrag zugestimmt. Christina Wickler will dem "Hart"-Chor der Schule treu bleiben, möchte sich aber lieber verstärkt um die zwei Enkel kümmern und ehrenamtliche Herausforderungen suchen.

Schüler wollen Kontinuität im Unterricht

Im Unruhestand ist auch Stephan Köhler. Er ist Berufsschullehrer an der Ernst-Benary-Schule in Erfurt. Der 67-Jährige ist Diplom-Betriebswirt und war Gastwirt. Als Seiteneinsteiger hat er sich weiterqualifiziert und Berufspädagogik an der Universität Erfurt studiert. Er lehrt die Fächer Wirtschaftslehrer und Fachliches Rechnen, und das Vollzeit. Sein Vertrag gilt bis 2021. Wenn die Gesundheit es zulasse, würde er auch noch länger unterrichten, sagt Stephan Köhler. Es mache ihm viel Spaß, sein Wissen an Schüler weiterzugeben.

Die Schüler des Englisch-Kurses sind vermutlich froh darüber, dass Christina Wickler ihnen noch vier Stunden Unterrichtszeit schenkt. Eine Schülerin sagte, sie fände es sinnvoll, wenn alle Lehrer ihren Beruf noch ausüben bis ein Schuljahr - oder ein Schulhalbjahr - beendet ist, auch wenn sie schon vorher das Alter für den Ruhestand erreicht haben. Das sei einfacher für Schüler und auch die Kollegen, sagt die 17-jährige Gymnasiastin. Lehrer aus dem Ruhestand zurückzuholen, wie vom Ministerium angedacht, ist ihrer Auffassung nach nicht so sinnvoll.

Doch es gibt diese Rückkehrer an Schulen, wenn auch nur vereinzelt. In Nordthüringen übernimmt zum Beispiel ein einstiger Sportlehrer an einer Grundschule den Schwimmunterricht. Dem Lehrer sei wichtig, dass Kinder schwimmen lernen und können, erzählt Schulamtsleiter Bernd Althaus. Damit helfe der Lehrer in einem der Fächer aus, in denen es nicht genügend ausgebildete Lehrer gibt. Andere Lehrer überbrücken Unterricht bis ein neuer Fachlehrer ausgebildet ist und nachrücken kann. Nach Angaben von Althaus arbeiten derzeit 20 Ruheständler etwa fünf bis zehn Stunden die Woche - die meisten davon in Grund- und Regelschulen.

Werbeplakat
Mit der Kampagne "Erste Reihe Thüringen" wirbt das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport um Lehrer und Lehrerinnen. Bildrechte: TMBJS Bönsel, Lisa

Thüringer Lehrerverband hält Aktion "Grau macht schlau" für Aktionismus

Nach Informationen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gibt es in Thüringen schätzungsweise 60 bis 70 Lehrer, die trotz Ruhestand weiter unterrichten. Das sei hilfreich, um Schüler von Abschlussklassen auf Prüfungen vorzubereiten. Die Lehrer seien aber nur Lückenfüller an einzelnen Schulen und könnten Vollzeit-Fachlehrer nicht ersetzen, sagte GEW-Sprecher Michael Kummer.

In Thüringen gehe die Mehrheit der Lehrer bereits mit 63 Jahren in Rente. Laut Statistik hatte im Schuljahr 2017/2018 kein Bundesland einen größeren Anteil an betagten Lehrerinnen und Lehrern als Thüringen. Jeder fünfte Pädagoge war demnach 60 Jahre oder älter. Die Initiative des Landes, gezielt um Ruheständler zu werben, hatte der Thüringer Lehrerverband als "puren Aktionismus" kritisiert. Schließlich verließen viele Lehrer bewusst vorzeitig den Schuldienst.

Gefragt nach dem Sinn der "Grau ist schlau"-Kampagne des Ministeriums sagte eine Schülerin der Jenaplan-Schule Weimar: "Jeder Lehrer muss das selbst entscheiden." Den Ruhestand jedenfalls hat er sich verdient.

Hinweis der Redaktion: Diesen Text vom 8. Dezember 2019 haben wir aufgrund eines Berichts des MDR THÜRINGEN JOURNAL aktualisiert.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 08. Januar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Januar 2020, 20:28 Uhr

33 Kommentare

Ines W. vor 5 Wochen

Was passt ihnen denn an den sehr niedrigen Arbeitslosenzahlen in Thüringen nicht? Dass diese Zahlen angeblich "oben" sind hängt wohl vom Standpunkt ab. Schauen sie einfach einmal in die Vergangenheit des Thüringer Arbeitsmarktes und sie werden feststellen, dass ihre Aussage nicht zutrifft.

PS: Arbeit ist für manche Menschen alles andere als eine bittere Pflicht. gerade die Wissensvermittlung ist doch etwas sehr befriedigendes, wenn man die Resultate erkennen kann.

Ines W. vor 5 Wochen

Na ja bei Ihr Nick ist ja bekannt und so muss man sich nicht über ihren gehässigen Nebensatz gegen Migranten und ihre Verschwörungstheorien in Bezug auf Zensur durch den MDR wundern.

Was wäre denn so schlimm daran, wenn ein qualifizierter Migrant in Thüringen unterrichten würde? Es ist ja nicht so, dass es in Frankreich, Österreich, Dänemark oder Syrien keine qualifizierten Lehrer gibt die in ihrem Fach Top sind und im Gegensatz zum typischen Ostdeutschen auch eine oder mehrere Fremdsprachen fließend beherrschen. Manche Menschen sind halt Polyglot und arbeiten international. Es gibt ja schlimmeres als einen Muttersprachler als Fremdsprachenlehrer zu haben und auch die Naturwissenschaften folgen in Polen oder Spanien keinen anderen Naturgesetzen.

martin vor 5 Wochen

Sicher wird diese Aktion nicht die grundsätzlichen Probleme an den Thüringer Schulen lösen. Aber ich finde es gut und richtig, wenn man die MÖGLICHKEIT schafft, weiter im Beruf tätig sein zu können - und selbst wenn es "nur" einzelnen Abikursen helfen sollte. Ich glaube nicht, dass es die eine Lösung geben wird - aber mit einer Reihe von Maßnahmen kann die Situation immerhin verbessert (oder meinetwegen auch: weniger schlimm) werden.

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