Bildung in Thüringen Digitaler Semesterstart - Hochschulen investieren große Summen

Die Hochschulen und Universitäten in Thüringen stehen vor einer der größten Herausforderungen der vergangenen Jahrzehnte. Erstmals beginnt ein Semester ohne anwesende Studierende. Die Lehre wird komplett in die digitale Welt verlagert. Seit Wochen bereiten sich die Einrichtungen darauf vor - nicht zuletzt mit teils gewaltigen Investitionen.

Thüringer Hochschulen und Universitäten haben für den digitalen Start des Sommersemesters am Montag fünf- bis sechsstellige Beträge in die technische Ausrüstung investiert. So nannte Winfried Speitkamp, Präsident der Bauhaus-Universität Weimar, eine Summe von rund 400.000 Euro. MDR THÜRINGEN sagte er, das Geld sei für Hard- und Software sowie Schulungen ausgegeben worden. Aber auch sogenannte e-Tutoren und Studierende in finanzieller Not hätten Geld bekommen.

Auch die Friedrich-Schiller-Universität in Jena spricht von einer sechsstelligen Summe, die insbesondere für technisches Equipment ausgegeben worden sei. Demnach wurden allein hunderte Laptops und Headsets für Beschäftigte im Homeoffice angeschafft, eine Übersicht über alle Ausgaben gebe es aber noch nicht. Auch die Universität Erfurt musste technisch erheblich nachrüsten, kann nach eigenen Angaben aber erst am Ende des Semesters die Höhe der Ausgaben beziffern. Viel Geld sei nicht nur in die Technik geflossen, wie Sprecherin Carmen Voigt MDR THÜRINGEN sagte, sondern darüber hinaus in Hygiene- und Sicherheitsausrüstungen. Die Hochschule Nordhausen nennt einen Betrag von rund 50.000 Euro. Das Geld sei vor allem für neue Server und zusätzliche Notebooks und Headsets gezahlt worden, erklärte Sprecherin Tina Bergknapp.

Glasfassade des Studio 1 und die Skulptur Lehrstuhl
Bauhaus-Universität Weimar mit der Skulptur "Lehrstuhl". Bildrechte: MDR/Theresa Köhler

Die Hochschule Schmalkalden hat nach Angaben von Präsident Gundolf Baier rund 50.000 Euro zusätzlich invesiert. Das Geld sei für Hard- und Software, aber auch für Hilfskräfte benötigt worden. Insgesamt könnten bis zu 90 Prozent der Lehrangebote abgedeckt werden. Ab 11. Mai gebe es zudem stark eingeschränkten Präsenzunterricht, dafür liefen zurzeit die Vorbereitungen, so Baier. Ob am Ende des Semesters alle Prüfungen möglich sind, könne er allerdings zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös beantworten. Die Hochschule leidet unter dem Einbruch der Studentenzahlen aus anderen Ländern. Baier sagte mit Blick auf die kommenden Monate, eine zweite internationale "Nullrunde" müsse vermieden werden.

Grundlagen für Digitalisierung im Hochschulbereich

Das Thüringer Wirtschaftsministerium, zuständig für die Hochschulen im Land, sieht den Semesterstart umfassend gewährleistet. Die Einrichtungen seien gut aufgestellt. Das Land habe bereits vor zwei Jahren mit der "Strategie zur Digitalisierung im Hochschulbereich" die Weichen gestellt. Seitdem seien fast 3,5 Millionen Euro geflossen. Thüringen habe damit frühzeitig die Grundlagen für die Digitalisierung von Forschung und Lehre gelegt, sagte ein Sprecher MDR THÜRINGEN. Mit weiteren 2,2 Millionen Euro in diesem Jahr seien insgesamt 5,7 Millionen Euro für digitale Lehrformate und weitere Investitionen zur Verfügung gestellt worden. So könne ein hochschulübergreifendes E-Learning-Portal erarbeitet werden. Es sollte gelingen, den Studierenden in großem Umfang die Lehrangebote zur Verfügung zu stellen, so das Ministerium.

Kompromisse bei der Regelstudienzeit

Für die Hochschulen heißt es nun, in der neuen Situation Erfahrungen zu sammeln und auf Probleme schnell zu reagieren. Die Bauhaus-Universität Weimar schätzt, dass mindestens 80 Prozent der üblichen Lehrveranstaltungen digital angeboten werden können. Wer aus persönlichen Gründen - zum Beispiel wegen Kinderbetreuung oder finanzieller Engpässe - nicht voll studieren könne, bekomme einen "flexiblen Ausgleich" bis hin zum Aussetzen der Regelstudienzeit, so Präsident Speitkamp. Die Universität Erfurt nennt den digitalen Semesterstart eine Herausforderung, die mit Blick auf künftige Arbeitswelten aber auch neue Chancen biete. Vieles sei "sehr dynamisch", man könne oft nur "auf Sicht fliegen", es fehle an Planungssicherheit, so Sprecherin Carmen Voigt. Da sei viel Kreativität gefordert. Neben dem Datenschutz sind ihrer Meinung nach aber noch andere Fragen zu klären, so etwa die nach rechtssicheren Prüfungen. Auch die anderen Hochschulen im Land sehen bei diesem Thema noch längst nicht alles im grünen Bereich.

Lösungen zur Kinderbetreuung nötig

Hochaktuell ist auch das Thema Kinderbetreuung. Katja Bär, Kommunikationschefin der FSU Jena, spricht von einem "sehr großen Problem", nicht nur für die Studierenden, sondern auch für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Mutter mit Kind im Büro.
Studierende mit Kindern haben es besonders schwer. Bildrechte: imago/blickwinkel

Es müssten schnell Lösungen gefunden werden, und hier könne nur das Land helfen, so Bär. Auch die Universitäten in Erfurt und Weimar sehen diese Problematik ganz oben auf der Agenda. Darüber fordern die Universitäten unter anderem vom Land mehr Anstrengungen bei der Akquise künftiger Studierender, mehr Marketingmittel und Hilfe für in Not geratene Studierende, die im Ausland festsitzen.

Wegen der Ausbreitung des Corona-Virus war in Thüringen der Start des Sommersemesters an den Hochschulen verschoben worden. Statt Anfang April startet das Semester nun am Montag (4. Mai). Das hatten Hochschulrektoren und Wissenschaftsministerium gemeinsam beschlossen. Durch das Verschieben solle es keine Nachteile für Studierende geben, hieß es. Prüfungsfristen sollten flexibel gehandhabt und Ausnahmen zugelassen werden. Das betreffe auch den Bezug von BAföG.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 04. Mai 2020 | 06:00 Uhr

3 Kommentare

Erichs Rache vor 14 Wochen

@Tim K

Hab selbst gut und gerne studiert. Für Seminare, Repetitorien und Gruppenarbeit blieb aber keine Zeit; Wein Weib und Gesang waren wichtiger. Deshalb war ich immer heilfroh, dass es irgendwelche Nerds gab bei denen ich Vorlesungs- und Seminarmitschriften kopieren konnte. :-)))
Heute wäre ich "aufgeschmissen" ...

Erichs Rache vor 14 Wochen

Ich wäre dankbar dafür von Studierenden zu erfahren, wie das ganze funktioniert.
Ich kann mir schwerlich vorstellen, dass auf Seminare, Repetitorien und Gruppenarbeit so einfach verzichtet werden kann.

Ralf T. vor 14 Wochen

Ein paar Monate schon, ohne Probleme. Einfach mal einen Studenten oder Hochschullehrer fragen ƪ(˘⌣˘)ʃ

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