Verpflichtende Fahrtests? Steigende Verkehrs-Unfallzahlen bei Senioren

von Frank Politz

Gudrun Lukin ist besorgt. "Die Entwicklung ist beunruhigend", sagt die Vorsitzende der Landesverkehrswacht in Thüringen. Die Zahl der Verkehrsunfälle mit älteren Menschen über 65 Jahre geht im Freistaat weiter nach oben.

Laut Thüringer Polizeistatistik waren 2015 Senioren in 9.982 Unfälle verwickelt. Im vorigen Jahr waren es 11.356. Das entsprach ziemlich genau einem Fünftel aller Verkehrsunfälle im Land. Zudem kommen rund 40 Prozent aller Verkehrstoten bei Unfällen um, an denen Senioren ursächlich beteiligt sind.

Dr. Gudrun Lukin, MdL
Gudrun Lukin Bildrechte: Gudrun Lukin

Diesen Negativ-Trend gibt es nicht nur in Thüringen, sondern auch anderenorts in der Bundesrepublik. Dahinter stecken nach Angaben von Fachleuten vor allem zwei Gründe: Der zunehmende Anteil älterer Menschen, sowie deren meist nachlassende Fähigkeiten, richtig zu reagieren. Letzter Punkt spiegelt sich auch bei den Haupt-Unfallursachen von Seniorinnen und Senioren in Thüringen wider. Nicht etwa zu hohes Tempo, es sind vielmehr Fehler bei Vorfahrtsregeln, beim Abbiegen und Wenden.

Testfahrten für Senioren?

Vor diesem Hintergrund plädiert der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) für Testfahrten zur Überprüfung älterer Verkehrsteilnehmer. "Das würde schon Sinn machen", so auch Christian Lobe, Vereinsvorsitzender der Thüringer Versicherungs- und Finanzmakler. Als Forderung will er das allerdings nicht verstanden wissen.

Um die Unfallhäufigkeit von Pensionären zu mindern, herrschen in einigen europäischen Staaten bereits recht rigorose Regeln. Beispiel Spanien: Dort müssen Autofahrer ab 65 ihren Führerschein alle fünf Jahre erneuern, inklusive Nachweis einer medizinischen Untersuchung. Und in der Schweiz wird von Autofahrern ab 70 alle zwei Jahre eine "vertrauensärztliche Kontrolluntersuchung" verlangt.

Politik empfiehlt Assistenz-Systeme

Solche restriktiven Maßnahmen sind für die deutsche Politik bisher kein Thema. Auch nicht für Thüringens Verkehrsministerin Birgit Keller. Die Linken-Politikerin weiß zwar um die Problematik der hohen Rentner-Unfallzahlen. Um sie in den Griff zu kriegen, setzt Keller aber auf andere Aspekte. So schlägt sie unter anderem vor, "Krankenkassen könnten zielgerichtet kostenfreie Vorsorge-Untersuchungen anbieten und die Kfz-Versicherer darauf mit Rabatt-Systemen reagieren".

Birgit Keller spricht bei der Regierungsmedienkonferenz der Thüringer Landesregierung am 8. Dezember 2015 in der Thüringer Staatskanzlei.
Birgit Keller Bildrechte: IMAGO

Außerdem setzt die Landes-Verkehrsministerin auf moderne Technik, konkret: automatisiertes Fahren und sogenannte Assistenz-Systeme. "Hier gilt es, Senioren entsprechend aufzuklären und zu begeistern", sagt sie. Außerdem appelliert Keller an ältere Kraftfahrer, "freiwillig Fahrschulen zur Auffrischung aufzusuchen."

Vorschlag: Begleitendes Fahren

Alles Anregungen, die auch der Landesverkehrswacht in Thüringen bekannt sind. Die Vorsitzende Gudrun Lukin hat noch eine weitere Idee: Ähnlich wie beim Führerschein ab 17 sollte demnach älteren Verkehrsteilnehmern begleitendes Fahren angeboten werden. Dies jedoch nicht verpflichtend, sondern auf freiwilliger Basis.

Ob und was von all den Vorschlägen auch immer umgesetzt wird, für Lukin ist klar: "Wir müssen nach Möglichkeiten suchen, die Unfallzahlen bei Senioren zu verringern." Mit Blick auf die demographische Entwicklung und älter werdende Bevölkerung sagt sie: "Es ist ein Thema, dem man sich verstärkt widmen muss."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 19. April 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. April 2019, 08:49 Uhr

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28 Kommentare

20.04.2019 16:50 Walter 28

@19 und 26
Sie haben vollkommen recht. Man muss aber zusätzlich zur Anzahl der jeweiligen Verkehrsteilnehmer auch die durchschnittlich gefahrenen Kilometer betrachten.

Für meine jährlich gefahrenen Kilometer benötigt meine Frau 10 Jahre. Also sind Wahrscheinlichkeiten, Unfälle, Punkte ..., wesentlich geringer.

Ich denke aber, da würde die Statistik noch schlechter für die Senioren ausfallen.

20.04.2019 12:48 Willy 27

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