Aktenordner mit der Aufschrift Soko Dämmerung.
Die Unterlagen der Soko "Dämmerung" füllten mehrere Aktenordner. Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Ende der "Dämmerung" Polizei klärt Riesen-Einbruchsserie in Erfurt auf

Die Erfurter Polizei hat eine monatelange Serie von Eigenheim-Einbrüchen aufgeklärt. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte MDR THÜRINGEN, dass von knapp 200 Fällen, 126 geklärt werden konnten. 18 Tatverdächtige konnten ermittelt werden. Die Spuren sollen auch in den Kosovo und nach Rumänien führen.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Aktenordner mit der Aufschrift Soko Dämmerung.
Die Unterlagen der Soko "Dämmerung" füllten mehrere Aktenordner. Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Es ist kein guter Tag für Bogdan S. (* - Namen geändert), als er den Computer einer bekannten amerikanischen Marke mit einem Frucht-Logo einschaltet. Ein verdecktes Signal geht bei der Herstellerfirma ein und nur Tage später stehen Fahnder der Kriminalpolizei vor seiner Tür. Sie durchsuchen das Restaurant in Erfurt, das einen italienischen Namen trägt. Bogdan S. ist kein Italiener. Er kommt aus Osteuropa und hat jetzt ein Problem. Denn die Beamten finden bei der Razzia in seinem Lokal neben dem Rechner weitere Technik, die mutmaßlich aus einer Einbruchserie stammt, die Erfurt von Mitte 2015 bis Anfang 2016 in Atem gehalten hatte.

Spuren bis in den Kosovo

Das, was die Beamten der Sonderkommission "Dämmerung" unter der Leitung der Staatsanwaltschaft Erfurt aufgedeckt haben, zieht weite Kreise. Die Spuren führen in andere Bundesländer, nach Spanien und zu einem Clan von Kosovo-Albanern, der offenbar seit Jahren im Einbruchsgeschäft aktiv ist. Er ist vernetzt in ganz Deutschland und bis in seine Heimat. Den Erfurter Beamten gelingt es auch, mit Hilfe von ungarischen Kollegen, einen Tatverdächtigen Rumänen an der ungarisch-rumänischen Grenze zu schnappen. Am Ende der Ermittlungen stehen 126 aufgeklärte Einbrüche in Erfurter Eigenheime, von insgesamt 200 Fällen. Zwei Tatverdächtige werden derzeit noch gesucht. Nach Informationen von MDR THÜRINGEN ist die Zielfahndung des Landeskriminalamtes (LKA) eingeschaltet.

Spuren werden ausgewertet

Aktenordner mit der Aufschrift Soko Dämmerung.
Ein Jahr lang ermittelte die Soko "Dämmerung". Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Die Soko "Dämmerung" begann ihre Arbeit Anfang 2016. Bis zu 33 Polizisten sind in ihr beschäftigt gewesen. Die Beamten werteten jeden Tatort und alle Spuren akribisch aus. Eine große Hilfe dabei sind die Techniker des LKA. Ihnen gelang es, Tausende von DNA-Spuren, die an den Tatorten gefunden wurden, auszuwerten. In den Datenbanken der Thüringer Polizei und im Länderverbund mit dem Bundeskriminalamt gab es Treffer. Die Fahndung konnte beginnen. Gleichzeitig wurden rund um die Tatorte alle Mobiltelefone gespeichert, die sich zum Zeitpunkt der Einbrüche dort eingewählt hatten. In einem aufwendigen Verfahren gelang es, Handys zu orten, die möglichen Tatverdächtigen wiederum zugeordnet werden konnten. Durch die Fahnder der Soko wurden Dutzende von Telefonanschlüssen überwacht.

Struktur groß und weitverzweigt

Dabei stellten die Beamten fest, wie groß und weitverzweigt die Struktur der Einbrecherbanden ist. Nach wochenlangen Abhöroperationen konnten sie dann eine Gruppe von 12 Kosovo-Albanern ausfindig machen. Dabei traf die Erfurter Polizei auf einen alten Bekannten: Adin W. war schon mal mit einer Gruppe vor einigen Jahren in und um Erfurt aktiv. Nach einer Haftstrafe wurde er abgeschoben - jetzt war er offenbar mit einer neuen Einbrecher-Crew wieder da. Die Fahnder bemerkten, dass die Männer gute Kontakte in Erfurt haben. So bekamen sie in Wohnungen Unterschlupf und die entsprechende Logistik. Besonders im Visier der Polizei war eine Gemeinschaftsunterkunft in der Nordhäuser Straße in Erfurt.

Kontakte zur armenischen Mafia

Stück für Stück arbeiteten sich die Ermittler der Soko "Dämmerung" voran und dann schlugen sie zu. Einen der Hauptverdächtigen holten sie sich im späten Frühjahr 2016 im nordrhein-westfälischen Oberhausen. Auch dort hatte die Gruppe innerhalb des deutschlandweit vernetzten Clans "sicheren" Unterschlupf gefunden. Der Verdächtige war besonders im Landeskriminalamt nicht ganz unbekannt. Vassil T. hatte gute Kontakte in die armenische Szene in Erfurt. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN war er jahrelang Kellner in dem Restaurant, das nach der Mafia-Schießerei 2014 vom LKA durchsucht wurde. Es ist auch das Lokal, auf das im Dezember vergangenen Jahres ein Brandanschlag verübt wurde.

Vassil T. ist in Erfurt gut vernetzt. Auf seinem Facebook-Profil finden sich bekannte Gesichter der kriminellen Szene. Die Polizei hat derzeit keine konkreten Hinweise darauf, dass die armenische Mafia in die Einbruchsserie direkt involviert ist. Die Fahnder gehen aber davon aus, dass die Männer um die zwei führenden Mafiafamilien in der Stadt von den Aktivitäten der Kosovo-Albaner wussten und sie geduldet haben - möglicherweise mit einer "Gewinnbeteiligung". Zumal es, nach Recherchen von MDR THÜRINGEN, auch zwischen den Armeniern und einer kosovarisch-albanischen Gruppe in Sondershausen ebenfalls gute geschäftliche Kontakte gibt.

Diebesgut in Italienischen Lokalen

Doch der Erfurter Soko "Dämmerung" ist noch etwas Wichtigeres gelungen: das Aufdecken der Hehler-Strukturen. Denn oft haben die Einbruchsopfer keine Chance, das Diebesgut wieder zu bekommen - zu schnell ist es in den Untiefen des Internethandels oder im Ausland zu Geld gemacht worden. Umso spannender ist, dass die Spur nicht nur ins Lokal von Bogdan S., sondern auch in ein anderes italienisches Restaurant in der Erfurter Innenstadt führen könnte. Es soll Hinweise geben, das auch über dieses Lokal Hehlerware verkauft wurde. Hinter diesem Laden stecken ebenfalls nicht "offiziell" Italiener, sondern Kosovo-Albaner. Aber auch deutsche Tatverdächtige sollen an der Einbruchserie beteiligt gewesen sein wie auch Rumänen, Litauer und ein Aserbaidschaner. Die Staatsanwaltschaft Erfurt wird in den kommenden Wochen Anklage gegen einen Teil der 18 Tatverdächtigen erheben. Dann dürfte es vor dem Landgericht Erfurt demnächst wieder ein Groß-Verfahren wegen Organisierte Kriminalität in Thüringen geben.

Dieses Thema im Programm:
MDR THÜRINGEN JOURNAL | 21.01.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2017, 06:00 Uhr