Engel vor dem Grab eines Kindes auf einem Friedhof in Killaeny im Galway County - Aran Islands in Irland.
Gewaltverbrechen verändern das Leben der Angehörigen der Opfer. Bildrechte: imago/Liedle

SOKO "Altfälle" bleibt bestehen Noch dutzende Mordfälle in Thüringen ungeklärt

Wenn Eltern ihr Kind verlieren durch ein Gewaltverbrechen, der oder die Täter aber nicht gefasst werden, wie sollen diese Eltern das Leid verarbeiten können? Die Ungewissheit, der Schmerz, der Verlust - Gewaltverbrechen verändern das Leben der Opfer-Angehörigen. Ein getötetes Baby, abgelegt in einer Wiese nahe eines Waldstückes. Ein Kind, das namenlos bleibt, wenn der Täter nicht ermittelt wird. Ein Kind mit einem viel zu kurzen Leben, das am Ende gar keine Lebensgeschichte hatte.

Sandra Voigtmann in Plaue.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

von Sandra Voigtmann

Engel vor dem Grab eines Kindes auf einem Friedhof in Killaeny im Galway County - Aran Islands in Irland.
Gewaltverbrechen verändern das Leben der Angehörigen der Opfer. Bildrechte: imago/Liedle

Offiziell gibt es in Thüringen laut Innenministerium 40 ungeklärte Tötungsdelikte. Nach Informationen von MDR THÜRINGEN sind es weit mehr als doppelt so viele ungeklärte Fälle im Freistaat. Zehn davon sind Kindstötungen. Eine Mordkommission gibt es in Thüringen bisher nicht.

SOKO "Altfälle" bleibt bestehen

Auch eine Sonderkommission für sogenannte "cold cases" - also Altfälle - existiert derzeit nur in Jena. Dort arbeitet diese SOKO erfolgreich. Ihre Zukunft war ungewiss. Thüringens Innenminister Georg Maier hat sich nun für deren dauerhafte Zukunft innerhalb des Landeskriminalamtes ausgesprochen. Gegenüber MDR THÜRINGEN sagte Maier, die SOKO "Altfälle" werde erst einmal so weiterarbeiten. Allerdings stelle sich die Frage, ob man das zukünftig in einer größeren Organisation mache. "Ich möchte das." sagte Maier. "Wir haben noch zahlreiche Altfälle, die ungeklärt sind. Und ich möchte, dass wir jetzt mit modernen technischen Hilfsmitteln versuchen, alles in unserer Macht stehende zu tun, um diese alten Fälle aufzuklären."

Die Täter sind weiter auf freiem Fuß

Geschieht dies tatsächlich, könnten in ganz Thüringen Fälle schneller geklärt werden. Puzzleteile von Tötungsdelikten könnten dann schneller gefunden und zusammengesetzt werden, damit der Täter gefasst werden kann. Denn das ist die andere Seite von dutzenden ungeklärten Tötungsdelikten, die Täter sind auf freiem Fuß. Wie Kriminalhauptkommissar Lars Fabig sagt, könne er Morde oder Tötungen nicht verhindern, aber er könne dafür sorgen, dass die Täter ein solches Verbrechen nicht noch einmal verüben könnten.

Noch ungeklärt: Babymord von Geschwenda

Fabig ist Leiter der Arbeitsgruppe "Baby". Er versucht mit seinem 3-köpfigen Team den Babymord von Geschwenda aufzuklären. Die Leiche des Babys wurde Ostersamstag in der Nähe des Ortes gefunden. Seitdem konnte die Arbeitsgruppe schon viele Puzzleteile des Falls zusammensetzen.

Fahndungsplakat
Fahndungsplakat der Polizei im Fall des toten Säuglings. Bildrechte: Landespolizeiinspektion Gotha

Gemeinsam mit rechtsmedizinischen Instituten in Jena, Freiburg, München aber auch Amsterdam konnte herausgefunden werden, dass es sich bei dem toten Baby um ein Mädchen handelt. Es wurde kurz gestillt und dann mit Flaschennahrung gefüttert, so Fabig. Abgelegt wurde es zwischen dem 3. und 12. Dezember 2018. Also mitten in der Adventszeit. Was hat die Mutter, den Vater oder aber einen anderen zu einer solchen Tat getrieben? Bei der Leiche des Babys lag eine helle Bluse. Vermutlich, so Fabig, war das Baby in dieses Kleidungsstück eingewickelt. Um dieses Kind hat sich also jemand gekümmert.

Für Fabig ist das ein ungewöhnlicher Fall: "Das ist für uns neu, dass das Kind in der Form so betreut worden ist. Wir haben im Rahmen der rechtsmedizinischen Untersuchung festgestellt, dass das Kind zwischen einer und drei Wochen gelebt hat. Das Kind war versorgt, es hatte eine Windel an, es war mit Body und Mütze bekleidet."

Untersuchung sehr kompliziert

Wichtiges Detail bei den Untersuchungsergebnissen: Die Mutter war eine "typisch" deutsche Frau aus Mitteldeutschland. Das haben Isotopengutachten rechtsmedizinischer Institute in München und Amsterdam ergeben.

Isotopengutachten ermöglichen geografische Herkunftsbestimmungen. Bei Erwachsenen sei das leichter, sagte Christine Lehn vom Institut für Rechtsmedizin an der Ludwig-Maximilians Universität München MDR THÜRINGEN. Deren Körper wiesen mehr untersuchbares Gewebe auf, das ein Leben lang gewachsen sei. Bei Babyleichen ist die Analytik komplizierter, so Lehn. Dieses junge humane Gewebe kann ausschließlich in Amsterdam untersucht werden. Dabei spielt die Auswertung des Bleigehaltes oder des Strontiumgehaltes im Gewebe eine große Rolle. Abgeleitet werden können daraus die Lebensumstände der Mutter, etwa der Verlauf der Schwangerschaft oder die Ernährung.

40.000 Geburten wurden untersucht

Die Arbeitsgruppe "Baby" gehört zu keiner Sonderkommission. Neben der täglich anfallenden Arbeit und den damit zu bearbeitenden Fällen, versuchen Fabig und sein Team, den Fall zu lösen. Überprüft wurden unter anderem auch 40.000 Geburten. Ergebnis: Dieses Baby wurde weder in einem Krankenhaus, noch in einem Geburtshaus oder von einer Hebamme zu Hause entbunden. Vieles spricht für eine anonyme Geburt, so Fabig. Inzwischen füllt der Fall mehrere Aktenordner.

Digitalisierung von Akten hilft den Ermittlern

Akten möchte Thüringens Innenminister Georg Maier besonders auch bei Altfällen digitalisieren lassen. Oft stecke der entscheidende Hinweis in einem Aktenordner, sagte Maier. "Und da gibt es jetzt Möglichkeiten über die Digitalisierung einfach nochmal Vergleiche abzuleiten und Hinweise nochmal miteinander zu spiegeln." Dafür gäbe es Technik. Die sei gar nicht so teuer und müsse beschafft werden. Zum Teil sei sie schon bestellt, so Maier.

Ermittlungen bei Kindstötungen sind emotional

Mord verjährt nicht. Auch wenn ein Fall erst nach Jahren oder Jahrzehnten aufgeklärt wird, der Täter muss sich verantworten. Der Fall des getöteten Babys von Geschwenda ist ein sehr emotionaler Fall, so Kriminalhauptkommissar Fabig. "Wir haben aus unserer Sicht auch eine emotionale Verpflichtung dem Kind gegenüber. Es ist auf die Welt gekommen. Das Kind hat keinen Namen. Das Kind hat kein Geburtsdatum. Das Kind kann nicht bestattet werden."

Ermittler fordern Mordkommission für Thüringen

Der Bund der Kriminalbeamten in Thüringen fordert schon lange eine Mordkommission für den Freistaat. Innenminister Georg Maier möchte dieser Forderung jetzt nachkommen. Eine Mordkommission möchte er in Zusammenhang mit der SOKO "Altfälle" betrachten, sagte Maier. Es muss darüber nachgedacht werden, welche Struktur Thüringen braucht, um Mordfälle und auch zurück liegende Mordfälle schnellst möglich aufzuklären. Nach Maiers Ansicht muss das in einer dauerhaften Struktur im Landeskriminalamt geschehen. Der Name Mordkommission sei dabei nicht entscheidend, sagte Maier. Alle Altfälle aufzuklären, sind wir den Menschen schuldig, so Maier.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2019, 18:00 Uhr

1 Kommentar

Anhaltiner vor 4 Wochen

SOKO "ALTFÄLLE" BLEIBT BESTEHEN.Noch dutzende Mordfälle in Thüringen ungeklärtDie Polizei-SOKO Altfälle soll auf ganz Thüringen ausgedehnt werden. Der Grund: Laut Innenministerium gibt es derzeit knapp 40 ungeklärte Tötungsdelikte. Wie hoch war doch gleich die Aufklärungsquote bei Kapitalverbrechen ?

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