Diskussionen, Reaktionen In eigener Sache: Warum wir Sommerinterviews führen

Porträt der MDR-Journalistin Regina Lang
Bildrechte: MDR/Mayte Müller

Die Sommerinterviews von MDR THÜRINGEN sind vorbei. Eines davon ist heftig umstritten. Die Kernfrage: Sollte der MDR den AfD-Mann Höcke interviewen?

Zwei Männer sitzen sich bei einem Interview gegenüber
Lars Sänger hat Spitzenpolitiker der sechs im Thüringer Landtag vertretenen Parteien interviewt. Bildrechte: MDR THÜRINGEN

In den vergangenen Wochen hat MDR THÜRINGEN eine Politikerin und fünf Politiker der sechs Parteien interviewt, die im Thüringer Landtag vertreten sind. Viele Menschen haben sich diese Interviews angeschaut; mehr als je zuvor wurde darüber diskutiert, wurde gelobt und kritisiert.

Medien aus der gesamten Republik haben MDR THÜRINGEN intensiv begleitet, unsere Arbeit analysiert und kommentiert - darunter Zeit, Welt, FAZ, Spiegel, Focus, Tagesspiegel, FR, taz, NZZ und Cicero.

Die doch ziemlich aufgeregte Debatte hat sich an einem der Gespräche entzündet: Sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen Politiker wie den AfD-Rechtsaußen Björn Höcke überhaupt interviewen?

Kein Interview ist keine Lösung

Ob Sommer oder Winter, der öffentlich-rechtliche Rundfunk darf, soll und muss diejenigen interviewen, die für die Politik im Land verantwortlich sind. Das ist ein Teil unseres Auftrags. Unter anderem dafür bekommen wir Ihre Rundfunkbeiträge.

Die Aufgabe von Journalisten ist es, zu informieren, die Wirklichkeit zu zeigen und zu fragen und einzuordnen. Gerade im direkten Gespräch mit Politikern und anderen Verantwortungsträgern. So tragen wir dazu bei, dass sich die Menschen eine Meinung bilden können. Ein elementarer Teil der Pressefreiheit in demokratischen Staaten ist es, Politiker ungehindert und unzensiert zu interviewen.

Gespräche mit allen im Landtag vertretenen Parteien

Wir haben sechs spannende Interviews geführt. Mit Thomas Kemmerich über seine und die Rolle der FDP bei der Ministerpräsidentenwahl im Frühjahr. Mit Ann-Sophie Bohm-Eisenbrandt über die Schwierigkeiten der Grünen, neue Wählerschichten zu erreichen. Mit Matthias Hey über das Verhältnis von SPD und Linken in der Thüringer Regierungskoalition. Mit Mario Voigt zum Verhältnis der CDU zur AfD, mit Björn Höcke über seine Rolle und die massiven Konflikte in der AfD. Mit Bodo Ramelow über das Zeigen des Stinkefingers und die Würde des Amtes eines Ministerpräsidenten.

Auszug aus dem Text des MDR-Staastvertrags
Auszug aus dem MDR-Staatsvertrag. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn MDR THÜRINGEN Sommerinterviews mit Politikern der Landtags-Parteien führt, dann sprechen wir mit allen Parteien. Paragraph 8 im MDR-Staatsvertrag verpflichtet uns unter anderem zu Ausgewogenheit und Überparteilichkeit. Alle oder keine. Und keine Interviews mit den im Landtag vertretenden Parteien zu machen, ist aus journalistischer Sicht keine Lösung. Die Zuschauerinnen und Zuschauer haben ein Recht, sich ihre Meinung zu bilden.

Bieten wir der AfD damit „eine Bühne“?

Dieser Vorwurf wurde uns in den vergangenen Tagen vielfach gemacht. Die Antwort lautet: Das kommt auf das individuelle Interview an. Um im Bild zu bleiben: Wie ist die Bühne aufgebaut? Wie sind die Fragen ausgeleuchtet? Welche Figur geben die Interviewten ab? Die Frage ist nicht, ob wir interviewen, sondern wie.

Ein gutes Interview versucht, über kluge Fragen Erkenntnisse zu gewinnen und Schwachstellen in Behauptungen offen zu legen. Das hat unser Kollege Lars Sänger gemacht. Diese Interviews waren live, die Antworten sind unbearbeitet. Dass unsere Interviewgäste über manche Fragen alles andere als erfreut waren, konnte jeder sehen. Ausgewichen wurde in allen Gesprächen bei der einen oder anderen Frage. Kemmerich beispielsweise bei der Frage, ob er wieder als Spitzenkandidat antreten wird, Höcke bei der Frage nach dem Umgang mit Anhängern des Flügels, Ramelow bei der Frage nach einer möglichen Koalition mit der CDU.

Richtig ist, dass Gespräche mal besser und mal schlechter gelingen. Aber: Nicht mehr auf die Bühne zu gehen, keine langen Interviews zu führen, weil Fehler passieren könnten, das ist keine Option. Wenn Medien einzelne Verantwortungsträger im Land nicht mehr ausführlich fragen, aus welchen Gründen auch immer, dann geht die Chance verloren, etwas zu erfahren. Im besten Fall ungefiltert und unverstellt, wie eben bei unseren Live-Interviews.

Höflicher Umgang ist gefragt

Unsere Interviews sind stark kommentiert worden. Am meisten das Interview mit AfD-Chef Höcke. Auffällig ist, dass uns manche Leute kritisiert haben, ohne das Interview überhaupt gesehen zu haben. Wir haben in den vergangenen Tagen viele Fragen beantwortet und den Austausch mit Menschen gesucht, die unseren journalistischen Ansatz kritisch sehen.

Oft war ein Dialog aber schwierig bis kaum möglich. Die Kolleginnen und Kollegen, die sich mit Herzblut um Fragen und Anliegen kümmern, sind zum Teil auf das Übelste beschimpft und bedroht worden. In einigen Fällen haben wir Anzeige erstattet. Die Beschimpfungen kommen von links und von rechts.

Aus journalistischer Sicht sitzen wir gut zwischen allen Stühlen. Aber grundsätzlich ist der Ton schwer zu ertragen. Würden die Schreiber solcher Beschimpfungen sich so verhalten, wenn sie unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern direkt gegenüberstehen würden? Demokratie lebt von unterschiedlichen Meinungen, aber sie lebt auch von einem respektvollen Umgang miteinander.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 25. August 2020 | 19:00 Uhr

15 Kommentare

Stolperstein vor 26 Wochen

Da die AfD ja mehr mit ihrer Selbstreinigung beschäftigt ist, kann man nur schwer Sachfragen zu ihrer Arbeit finden. Polemische Dummbeutelei in Parlamenten und sozialen Medien ist nach meinem Verständnis keine Arbeit. Also worüber kann man noch mit denen reden?

Stolperstein vor 26 Wochen

Nachtrag zum Post von gestern:
Meines Erachtens war das Interview dem Zuschauer zuzumuten. Höcke war halt Höcke mit seinen ewig gleichen Untergangsphrasen. Sein widerliches Weltbild ist bekannt und somit kann er auch nur bei eingefleischten Fans ein Kopfnicken erwarten. Ich bin mir sicher, dass er mit dieser Eigendarstellung nicht einen einzigen Wähler umstimmen kann. Man muss schon so ticken wie er, um das völkisch-nationale Geseiere gut zu finden. Aber das hält unsere Demokratie schon aus.

HUK vor 26 Wochen

MDR Fernsehen erfüllt im Gegensatz zu ARD und ZDF, den Auftrag der öffentlich-rechtlichen, sehr gut, vielleicht kann man das irgendwann auch von MDR aktuell, dem Nachrichtensender, sagen...

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