Zu viel Nitrat im Grundwasser Streit um neue Düngeverordnung in Thüringen

Thüringen wird nicht nur Grünes Herz Deutschlands genannt. Auch die Landwirtschaft spielt im Freistaat eine große Rolle: Fast die Hälfte der Fläche Thüringens wird landwirtschaftlich genutzt. Das Problem dabei ist: für den Ackerbau müssen die Felder gedüngt werden. Wird das Düngen übertrieben, dringt gesundheitsschädliches Nitrat ins Grundwasser. Dem will die Landesregierung mit einer neuen, seit zwei Wochen geltenden Düngeverordnung vorbeugen. Die stößt allerdings bei den Bauern auf Kritik.

Wolfgang Hentschel
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von Wolfgang Hentschel

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Dünger hat in Thüringen für erhöhte Nitrat-Belastungen gesorgt. Bildrechte: Maren Beddies

50 Milligramm Nitrat je Liter - das ist laut EU der Grenzwert, der im Grundwasser festgestellt werden darf. Nach Angaben des Thüringer Umweltministeriums weist im Freistaat aber etwa jede fünfte Grundwasser-Mess-Stelle mehr als 50 Milligramm Nitrat pro Liter auf. Andere Gebiete liegen knapp darunter. Diese Regionen hat die Landesregierung in der neuen Düngeverordnung als rote Gebiete definiert. Dazu gehören Teile der Landkreise Eichsfeld, Nordhausen, Kyffhäuser, Sömmerda, Weimarer Land und fast der komplette Kreis Greiz. Insgesamt umfassen die roten Gebiete etwa 25 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Thüringen.

Strengere Auflage in Nitrat-belasteten Gebieten

Gülle wird aufs Feld ausgebracht.
In roten Gebieten soll weniger gedüngt werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In den roten Gebieten gelten strengere Auflagen, die dazu führen sollen, dass weniger gedüngt wird. Unter anderem müssen die Agrarbetriebe in den roten Gebieten vor dem Düngen ermitteln, wie viel Stickstoff noch im Boden vorhanden ist. Außerdem muss Gülle, bevor sie ausgebracht wird, auf den Nährstoffgehalt untersucht werden. So soll eine Überdüngung verhindert werden.

Strenger gefasst wurden auch die Regelungen zu den so genannten Grundwasserkörpern. Wird zum Beispiel nur an einer Mess-Stelle ein Nitrathöchstwert festgestellt, müssen alle Anlieger des Grundwasserkörpers die Auflagen einhalten. Laut Landwirtschaftsministerin Birgit Keller (Die Linke) wird mit der Thüringer Düngeverordnung Bundesrecht umgesetzt. "Mir war es wichtig, dass wir mit der Düngeverordnung die Landwirte so wenig wie möglich belasten. Auf der anderen Seite wollen wir aber auch, dass die Nitratbelastung unserer Böden zurückgeht", sagt Keller.

Bauern fühlen sich ungerecht behandelt

Bei den Thüringer Bauern stößt die neue Verordnung allerdings auf scharfe Kritik. Sie weisen darauf hin, dass durch die Regelungen für die Grundwasserkörper von den Auflagen auch Betriebe betroffen sind, in deren Bereich die Nitrat-Belastung im Grundwasser niedrig ist.

Ein Trinkwasserschutzgebietschild mit Büschen.
Der Schutz des "Grundwasserkörpers" sorgt bei den Bauern für Unmut. Bildrechte: imago/Ralph Peters

Lars Fliege, Verbands-Vizepräsident und Chef der Agrargesellschaft Pfiffelbach: "Gerade den Landwirten im Thüringer Becken ist es absolut nicht verständlich, warum bei nachweislich völlig unproblematischen Werten im Grundwasser jetzt solche strengen Auflagen in Bezug auf die Düngung neu erlassen werden. Wir zum Beispiel im Weimarer Land haben in dem Gebiet, in dem wir wirtschaften, Nitratwerte von drei bis zehn Milligramm pro Liter Grundwasser. Und der Trend ist weiter sinkend. Wir sind also nahe null. Und trotzdem müssen wir unsere Düngung einschränken."

Laut Fliege führt eine geringere Düngung dazu, dass die Erträge sinken. Gerade der so genannte Elite-Weizen, den die Thüringer Agrarbetriebe anbauen, braucht für sein Wachstum reichlich Nährstoffe, reichlich Stickstoff. Fehlt die Düngung, kann der Weizen nicht mehr oder nicht mehr so gut angebaut werden.

Fliege räumt ein, dass es in Thüringen Gebiete mit einer hohen Nitratbelastung gibt. Hier müsse die Landwirtschaft auch ihrer Verantwortung nachkommen. "Aber nur für die Gebiete, in denen wir Probleme haben, ist es gerecht, darüber nachzudenken, wie man die Situation verbessern kann", so Fliege.

Strafe für Fehler der "Vorvorgänger"?

Hinzu kommt nach Angaben des Verbands-Vizepräsidenten, dass das Nitrat, das jetzt im Grundwasser gemessen wird, zu DDR-Zeiten als Dünger ausgebracht worden sei. Nitrat brauche Jahrzehnte, um ins Grundwasser durchzusickern. Gerade in so relativ niederschlagsarmen Gebieten wie im Thüringer Becken.

"Jetzt werden die Betriebe verurteilt für eine Wirtschaftsweise der Vorvorgänger, wo die Tierhaltung noch viel stärker war und die Flächen wirklich noch mit Gülle überdüngt wurden. Die Auswirkungen werden wir noch Jahrzehnte spüren." Im Umkehrschluss heißt das laut Fliege: neue Auflagen bringen kaum etwas oder nichts. "Selbst wenn wir jetzt unsere Düngung zu 100 Prozent einstellen, null düngen, würde sich in den nächsten 30 Jahren an den Werten im Grundwasser nichts ändern."

Birgit Keller spricht bei der Regierungsmedienkonferenz der Thüringer Landesregierung am 8. Dezember 2015 in der Thüringer Staatskanzlei.
Ministerin Birgit Keller (Die Linke) beruft sich auf EU-Vorgaben. Bildrechte: IMAGO

Nach Ansicht von Ministerin Keller muss aber jetzt gehandelt werden. "Ich glaube, wir alle wollen sauberes Wasser. Und den Beitrag, den wir leisten können und leisten müssen, den werden wir leisten", stellt Keller klar. Ihren Angaben muss das Land auch deshalb handeln, weil die EU Druck macht. Nicht nur in Thüringen, auch in anderen Bundesländern wie Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen gibt es Probleme mit der Nitratbelastung des Grundwassers. Keller: "Gegen Deutschland läuft ein mögliches Anlastungsverfassungsverfahren der Europäischen Union. Die das eben anders sieht. Und das haben wir umzusetzen."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 05. August 2019 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. August 2019, 08:41 Uhr

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8 Kommentare

07.08.2019 18:26 Eulenspiegel 8

Also ich denke vielleicht kann man das Ganze auch entschärfen in dem man die Gülle zuerst bei der Biogasgewinnung einsetzt bevor sie als Dünger auf die Felder ausgetragen wird. Also die Überreste bei einer Biogasanlage sollen hochwertiger Biodünger sein. Auf diese Weise bekommen die Bauern zusätzliche Einnahmequellen, die regenerative Energie gefördert und die Nitratbelastung gesenkt.

06.08.2019 19:18 Dorfmensch 7

Leider reichen 1.000 Zeichen nicht aus, alles zu kommentieren. Zum Einen verstehen die Landwirte, die auf sehr guten Grundwasser ihre Flächen bewirtschaften nicht, warum sie wie solche behandelt werden, die auf Grundwasser mit Nitratbelastung wirtschaften. Es sollte mal gefragt werden, wie repräsentativ die Grundwassermessstellen wirklich sind (Antwort: nicht repräsentativ). Sollen Landwirte bestraft werden, die alles richtig machen und eine hohe Grundwasserqualität ermöglichen. Das ist ja das selbe, als wenn man die Bahn zwingen würde, nur 30 km/h zu fahren, weil irgendwo Raser auf der Autobahn unterwegs sind! Irre! Das 2. Foto bringt jeden Landwirt auf die Palme. Diese Gülleausbringtechnik ist seit Jahren verboten! Lieber mdr, bitte dieses Foto entfernen, auch wenn es schon bezahlt ist.
Zu Basil disco: Im Thüringer Becken wird der Eliteweizen, der für Eure Brötchen in hoher Qualität benötigt wird, mangels Gülle überwiegend mineralisch gedüngt. Bitte vorher informieren.

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