Corona-Krise Alkohol und Drogen: Suchtdruck in Thüringen gestiegen

Für Suchtkranke im Freistaat ist es derzeit nur ein langsamer Weg zurück zur Normalität. Wochenlang fielen Beratungen aus, war die Suchthilfe eingeschränkt. Manchmal brach der Kontakt ganz ab. In Thüringen sind eigenen Angaben zufolge Suchtberatungsstellen an 48 Orten vertreten. Jährlich beraten sie mehr als 5.500 Süchtige.

Die Suchtberatungsstellen in Thüringen rechnen mit einer erhöhten Zahl an Rückfällen. Viele Drogen- und Alkoholabhängige seien in der Corona-Krise mit der außergewöhnlichen Situation und der Mehrfachbelastung nicht klar gekommen und hätten dem erhöhten Suchtdruck nicht standhalten können. Hinzu kam, dass viele Angebote weggefallen sind, der Suchtdruck gestiegen ist.

Telefonische Beratung intensiv genutzt

Es klingt eigentlich nach einem Klischee, doch in den vergangenen knapp zwölf Wochen ist vieles davon wahr geworden:

Annette Gille am Telefon
Annette Gille findet, dass Telefonberatung das persönliche Gespräch nicht ersetzt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eltern, die nach einem Tag Kinderbetreuung, Homeschooling, Arbeit und Haushalt sehnsuchtsvoll den Kühlschrank öffnen und nach Wein-, Sekt- oder Bierflasche greifen, um sich ein Gläschen zu genehmigen. Und dann irgendwie nicht mehr so recht davon loskommen. "Die vermehrten Anfragen dazu haben uns wirklich überrascht", sagt Annette Gille. Die Leiterin des Suchthilfezentrums der Evangelischen Stadtmission in Erfurt hat in den vergangenen Wochen unzählige Stunden am Telefon verbracht und geredet, geredet und geredet.

Mit Klienten, die sie sonst von Angesicht zu Angesicht gesehen hat, mit besorgten Eltern, die feststellen, dass ihr Kind regelmäßig zur Flasche greift, mit Ehefrauen und -männern, die auf einmal zu Hause mitbekommen haben, dass der Partner doch mehr trinkt als angenommen. Aber auch mit Müttern und Vätern, die dem Druck von Arbeitgebern und der Mehrfachbelastung mit Haushalt und Kindern daheim nicht mehr gewachsen waren.

Suchthilfezentren rechnen mit hoher Rückfälligkeit

Erhöhter Suchtdruck, Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, Überforderung – genau das hat viele Abhängige in den vergangenen Wochen umgetrieben, und auch wieder zur Flasche oder zur Droge greifen lassen. "Die Kollegen in den Beratungsstellen in Thüringen berichten von vielen Rückfällen, auch von solchen Menschen, von denen wir das vorher nicht gedacht hätten", sagt Sebastian Weiske, Leiter der Thüringer Landesstelle für Suchtfragen (TLS). Hinzu kommen Begleiterkrankungen wie Depressionen und Angstzustände. Stress, Einsamkeit, und Langeweile werden als unzumutbar empfunden, der Ausweg letztendlich in der Droge und im Alkohol gesucht.

Suchthilfesystem stark eingeschränkt

Weil der Drogenmarkt auch wegen der Grenzschließungen nicht mehr wie gewohnt bedient werden konnte, saßen Dealer und Abhängige in Thüringen teilweise auf dem Trockenen. Wenn auch nur bedingt. Stattdessen griffen sie verstärkt auf verschreibungspflichtige Medikamente, aber auch Haarspray, Baukleber und Farbstoffe zurück.

Auch befürchten die Mitarbeiter von Suchthilfezentren eine steigende Tendenz zur Kleinkriminalität. "Die Klienten sind da sehr kreativ, um ihre Sucht zu kompensieren. Der Markt wurde sondiert nach dem, was verfügbar war und was nicht", erzählt TLS-Leiter Sebastian Weiske. Erschwerend kam hinzu, dass in der Corona-Krise Beratungsgespräche von Angesicht zu Angesicht und auch Gruppentherapien fehlten, das Suchthilfesystem stark eingeschränkt war. Viele Angebote seien weggefallen, mancher Abhängige sei seit Wochen gar nicht erreicht worden.

Beratungsarbeit lebt von zwischenmenschlichen Beziehungen. Wenn wir Klienten sehen, können wir uns einen Gesamteindruck von der physischen und psychischen Situation machen. Auch das Riechen spielt eine große Rolle. Am Telefon konnten wir uns nur auf einen Sinn verlassen.

Annette Gille Suchthilfezentrum Erfurt

Dennoch sei die Hilfe flächendeckend in Thüringen angeboten und auch angenommen worden, so Weiske. So sei es etwa gut gelungen, Kinder von Drogen- und Alkoholabhängigen in die Notbetreuung zu geben, "um in den Familien frühzeitig den Stress herauszunehmen." Stellenweise musste jedoch auch auf die Hilfe der Ortspolizei zurückgegriffen werden, wenn der jeweilige Abhängige nicht erreicht werden konnte. Es sei mitunter schwierig gewesen, mit solchen Menschen weiterhin Kontakt zu halten und auch die ambulante Versorgung sicherzustellen, berichtet Weiske. Viele hätten sich zurückgezogen und wären antriebslos gewesen, hätten von Telefon- oder Videoberatung keinen Gebrauch gemacht.

Abhängige wollen sich wieder treffen

Alleine mit ihrer Sucht und den Einschränkungen während der Pandemie zurechtzukommen, das sei für viele schwierig gewesen, berichtet auch Manuela Pehn, alkoholabhängig und Leiterin einer Selbsthilfegruppe in Erfurt. "Wir haben uns regelmäßig über Whatsapp geschrieben, damit wir uns nicht aus den Augen verlieren. Aber die Gruppenzusammengehörigkeit fehlt einfach." Sie hofft, bald alle Mitglieder wieder persönlich treffen und so auch helfen zu können. "Doch bis dahin müssen wir noch abwarten und ich hoffe, es halten alle durch."

Manuela Pehn
Manuela Pehn hat versucht, mit ihrer Selbsthilfegruppe in Kontakt zu bleiben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Erst in zwei, drei Monaten, da sind sich die Experten einig, sei absehbar, wie viele Menschen tatsächlich rückfällig oder auch abhängig geworden sind. Man gehe aktuell davon aus, dass die Zahlen steigen, auch wenn nicht so stark, wie ursprünglich angenommen. Bis dahin, so hoffen die Mitarbeiter der Beratungsstellen, sollen auch Gruppenangebote wieder möglich sein, gerade in der Corona-Krise sei sehr deutlich geworden, wie wertvoll diese Begegnungen für Abhängige sind. In Thüringen sind eigenen Angaben zufolge, Suchtberatungsstellen an 48 Orten vertreten. Jährlich beraten sie mehr als 5.500 Süchtige.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 01. Juni 2020 | 18:00 Uhr

1 Kommentar

Silent_John vor 4 Wochen

Soso , und das war , wie so Vieles, natürlich ÜÜÜBERHAUPT nicht vorhersehbar ... !
Man fragt ja auch nicht ... , und wenn, dann nur die Leute, die einem die Antworten geben, die man hören möchte oder die einem als "wissenschaftlich" basiertes Schutzschild dienen . Nunja , aber das rede ich ja schon seit Mitte März.

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