In einem bewegenden Gottesdienst ist  am Sonntag im Südthüringischen Eisfeld an die Grenzöffnung vor 30 Jahren erinnert worden. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm predigte.
Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Gottesdienst in Eisfeld Ehemalige Grenzstadt feiert 30 Jahre Freiheit

Zur Wendezeit haben sich auch im Südthüringischen Eisfeld die Menschen immer montags in der Kirche getroffen und sind nach der Andacht mit Kerzen vor das Rathaus gezogen. In einem bewegenden Gottesdienst ist am Sonntag daran gedacht worden. Wie auch an die Grenzöffnung vor 30 Jahren. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche, hielt die Predigt.

von Bettina Ehrlich

In einem bewegenden Gottesdienst ist  am Sonntag im Südthüringischen Eisfeld an die Grenzöffnung vor 30 Jahren erinnert worden. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm predigte.
Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Ihr Klang ist ein bisschen schrill, aber dass diese Glocke zum Einheitsgottesdienst im Südthüringischen Eisfeld läuten darf, gleicht einem Wunder. Mitte der 70er Jahre ist das Dorf Billmuthausen im Landkreis Hildburghausen dem Erdboden gleichgemacht worden. Sein einziges Verbrechen, es lag zu nah an der einstigen innerdeutschen Grenze und wurde "geschleift“ wie Historiker sagen.

In einem bewegenden Gottesdienst ist  am Sonntag im Südthüringischen Eisfeld an die Grenzöffnung vor 30 Jahren erinnert worden. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm predigte.
Die Glocke des geschleiften Dorfes Billmuthausen. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Heute erinnert nur noch eine Gedenktafel daran, wo einmal mehr als Hundert Menschen lebten. Sie verloren von einem Tag auf den anderen ihre Heimat.
"Die Kirche verschwand, sogar die Grabsteine wurden abgetragen“, sagte Heiko Haine vom Eisfelder Museum. Der Architekt Fritz Zang hat damals die Glocke gerettet und dem Museum übergeben. Vielleicht hat er geahnt, dass sie einmal an das große Unrecht erinnern soll.

Zum Einheitsgottesdienst kommt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Heinrich Bedford-Strohm in die Eisfelder Dreifaltigkeitskirche. Und er musste Eisfeld nicht lange auf der Landkarte suchen, erzählt er lachend. Schließlich sei er im nur 20 Kilometer entfernten Coburg aufgewachsen. Eisfeld, Schalkau und Sonneberg kennt er tatsächlich von zahlreichen Besuchen noch zu Zeiten der deutschen Teilung.

Die Predigt fordert mehr Mitgefühl

Bedford-Strom erwartet ein volles Kirchenhaus. Gespannt verfolgen die Gäste aus Ost und West die Worte. In seiner Predigt fordert er die Menschen zu mehr Mitgefühl auf. "Das was wir in Deutschland am meisten brauchen ist, dass sie sich in andere hinein fühlen können.“ Nur so könnten Hass, Rassismus, Neid und Gewalt überwunden werden. Auch gegen Antisemitismus müsse die Kirche immer und immer wieder deutlich einstehen. Kein Mensch dürfe wegen seiner Herkunft oder Religion verfolgt werden.

Die Kirche bot Schutz und Sicherheit

Worte, die Barbara Axthelm nur zu gern unterschreibt. Die Eisfelderin erinnert sich noch genau an die Friedensgebete. Auch in Eisfeld haben sich die Menschen immer montags in der Kirche getroffen und sind nach der Andacht mit Kerzen vor das Rathaus gezogen.

"Das waren ganz viele Leute da, sogar Parteigenossen.“ Dort wurde geredet und zugehört. "Wir haben uns in der Kirche irgendwie sicher gefühlt. Gewalt und Hass blieben draußen. Dennoch. Dass die Wende damals ohne Blutvergießen passieren konnte, sei ein Wunder. Ohne die Kirche hätte es dieses nicht gegeben, ist Axthelm überzeugt.

Vom Gottesdienst noch völlig ergriffen, wischt sich Uta Heinzel verstohlen eine Träne aus dem Gesicht. "Es ist so toll, dass wir uns heute noch mal treffen und uns daran erinnern konnten wie es damals war“, sagt sie. Auch wenn es etwas pathetisch klinge, aber die Freiheit sei einfach das Allerwichtigste. Uta Heinzel ist in Bockstadt aufgewachsen. Einem kleinen Dorf bei Eisfeld, das nur einen Steinwurf von der Grenze entfernt lag. Bockstadt war von der Außenwelt abgeschnitten. Besuch durfte nur mit Passierschein ins Dorf.

Auch zum Abschluss des Gottesdienstes erklingt die etwas schrille Glocke aus Billmuthausen. Sie soll demnächst an den Förderverein Billmuthausen übergeben werden. Der wird auch künftig an das Schicksal des geschleiften Dorfes erinnern.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 13. Oktober 2019 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2019, 19:40 Uhr

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