Naturwissenschaften Nur wenige Schüler wollen in Thüringer Spezialklassen

Sie sollen die besonders begabten Schüler in Mathematik, den Naturwissenschaften und Informatik fördern - die Spezialklassen an Gymnasien in Erfurt, Jena und Ilmenau. Doch nur wenige Schüler wollen diese Spezialklassen besuchen. Warum ist das so?

von Corinna Ritter

Schüler Tim Enders und Biologie- und Chemielehrer Torsten Pelc bei einem Experiment an der Goetheschule Ilmenau
Schüler Tim Enders und Chemielehrer Torsten Pelc bei einem Experiment an der Goetheschule Ilmenau Bildrechte: MDR/Corinna Ritter-Kallwitz

Wer die Zahl der hochbegabten Schüler und Schülerinnen aller drei Schulen mit mathematisch-naturwissenschaftlichen Spezialklassen zusammenzählt, kommt auf eine Schnapszahl. Es sind genau 444. Darunter sind Medaillengewinner bei internationalen Biologie- und Physikolympiaden. Eine Silbermedaille bei der International Junior Science Olympiade in Katar holte sich im Dezember der 15-jährige Tim Enders aus Ilmenau. Wochenlang wälzte der Gymnasiast Fachbücher im Selbststudium. "Ich habe Aufgabenpakete von Experten der Universität Kiel bekommen, um mich vorzubereiten", erzählt Tim Enders. Einen Multiple-Choice- und einen Theorie-Test sowie zwei Physik-Experimente bewältigte er in Doha mit Bravour. Unterstützt hat Tim Enders beispielsweise Biologie- und Chemielehrer Torsten Pelc. Dessen Ansicht nach hat der Gymnasiast Aufgaben auf dem Niveau eines Studenten im ersten Semester geschafft.

MINT-Fächer Die Abkürzung MINT steht für die Unterrichtsfächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Weniger Schüler bewerben sich auf Plätze in MINT-Spezialklassen

Solche und ähnliche Erfolge in den Thüringer Gymnasien mit Spezialklassen in Jena, Erfurt und Ilmenau könnten in Zukunft rarer werden. Seit Jahren stagniere die Zahl der Bewerber um einen Platz in der Spezialklasse "auf einem relativ geringen Niveau", sagte der stellvertretende Schulleiter der Goetheschule Ilmenau, Robby Krämer, MDR THÜRINGEN. Im vergangenen Schuljahr haben sich nur 30 Schüler um die 24 Plätze beworben. Als Grund sieht Krämer selbstkritisch, dass das Angebot für besonders begabte Schüler in den sogenannten MINT-Fächern in Südthüringen überraschend wenig bekannt ist. Die Gymnasien in der Region wollen ihren begabtesten Schülern den Wechsel in eine Spezialklasse nicht empfehlen. Verständlicherweise wollen sie "ihre Besten nicht verlieren", so Krämer.

Werbekampagne beim Tag der offenen Tür

Deshalb will die Schulleitung der Goetheschule Ilmenau am Samstag bei einem Tag der offenen Tür Eltern und Schüler über den Unterricht in den Spezialklassen und die nötigen Voraussetzungen informieren. Der Spezial-Unterricht an den Schulen in Erfurt, Jena und Ilmenau beginnt mit der neunten Klasse und endet mit dem Abitur. Um einen Platz zu bekommen, müssen die Schüler einen Eignungstest schaffen und sich einem Gespräch stellen.

Luftbild des Carl-Zeiss-Gymnasiums in Jena
Auch am Carl-Zeiss-Gymnasium Jena gibt es eine Spezialklasse. Bildrechte: MDR/Carsten Müller/Carl-Zeiss-Gymnasium Jena

Auch die Schulleiter der Spezialklassen in Jena und Erfurt haben ein geringer werdendes Interesse insbesondere an Internatsplätzen festgestellt. Für Carsten Müller, Direktor am Carl-Zeiss-Gymnasium Jena, liegt das an der Angst der Eltern, ihr Kind ins Internat zu geben. Deshalb kämen nur etwa zehn Kinder pro Jahrgang von außerhalb, so Müller. So mancher talentierte Schüler lässt sich von der höheren Zahl an Unterrichtsstunden abschrecken und wolle nicht an Wettbewerben teilnehmen, so Müller. Kinder und Jugendliche wollen sich offenbar "weniger anstrengen, um klare Ziele zu verfolgen". Noch aber gebe es Schüler und Schülerinnen mit hoher Leistungsstärke, die es bis in die nationale und internationale Spitze schaffen.

Unterricht in Thüringer Spezialklassen gesichert

Das Thüringer Bildungsministerium sieht keine Gefahr für den Weiterbestand der Spezialklassen. Im Schulgesetz sind keine Mindestschülerzahlen festgelegt, bestätigte ein Sprecher. Kein Grund für Existenzängste der Schulleiter also. Doch auch am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Erfurt sieht Sven Stötzer nachdenklich auf die Bewerberzahlen. Im vergangenen Schuljahr waren es nur rund 60 Schüler bei 40 möglichen Plätzen. Dennoch sei der Lehrermangel das größere Problem. Der Schulleiter sorgt sich, künftig Ersatz für die ausscheidenden Lehrer zu finden. Insbesondere Lehrer für Mathematik, Informatik und Biologie gehen nach Angaben des Schulleiters in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Damit hochbegabte Schüler wie Tim Enders auch künftig in MINT-Fächern bestmöglich gefördert werden können, wünscht sich Schulleiter Sven Stötzer ein oder mehrere Spezialgymnasien vergleichbar dem Spezialgymnasium für Sprachen in Schnepfenthal.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 17. Januar 2020 | 18:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2020, 18:30 Uhr

1 Kommentar

Elsburg vor 5 Wochen

Mangel an gut ausgebilde-ten Lehrern könnte wohl durch lukrative Angebote für gute Pensionäre incl. +1% Pensionserhöhing pro Vollzeitdienstjahr in Pen-sionzeit gelindert werden. Da bzgl rechnerischem Fehlbestand deren haushaltsmäßig bewilligten Beźügevolumina zur Finanzierung zur Verfügung stehen, die Lücken aber sicher nicht voll geschlossen werden kõnnen, stehen duese Gelder doch pragmatisch zur Verfūgung, damit nicht diese Schūlerjahrgänge betrogen werden durch DummDreistGeilSparMaß-nahmen der kommissari-schen Regierungsmehrheit, die dieses Staatsversagen gemein +gemeinschaftlich produzierten ... faßten sich an Kopp mit blinden Augen +griffen in Leere - müßten eigentlich wegen schuld-haftem Auswahl- u. Überwachungsversagen zurücktreten - ggf sigar vestaft werden als kriminelle Vereinigung durch sträfliches Unterlassen. Natürlich gibt's dafür keinen Staatsanwalt, da weisungs-gebunden +karrierebewust.

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