Immobilien Früheres Gefängnis in Ichtershausen wird Wohngebiet

Während des Mittelalters war das Gelände in Ichtershausen ein Kloster. Danach wurde es zu einem Landesgefängnis. Bis 2014 war es Jugendstrafanstalt. Nun soll es ein Wohngebiet werden. Die ersten Mieter sollen schon im Sommer einziehen.

Eine Baustelle vor einer Kirche
Einige Gebäude wurden bereits abgerissen. So entstehen Flächen für Ein- und Mehrfamilienhäuser sowie Grünanlagen. Bildrechte: MDR/ Sandra Voigtmann

Klosterstraße 1, Amt Wachsenburg - so wird sie heißen, die neue Adresse der Bewohner des Torhauses, das auf dem ehemaligen Gefängnisgelände in Ichtershausen im Ilm-Kreis steht. Es ist lange her, dass an dieser Stelle keine Mauer stand. Niemand kann sich mehr an die Zeit erinnern, als hier noch nicht alles zugebaut war mit Gefängnisgebäuden. Der "Knast" oder das "Kittchen". wie die ehemalige Jugendstrafvollzugsanstalt hier genannt wird, gehört noch immer zum Ortsbild. Ein Wahrzeichen im negativen Sinne. Zum Karneval rufen sie hier "Kittchenhausen" ...

Vergitterte Fenster, zu DDR-Zeiten Wachtürme und nach der Wende aufgestockte Mauern - diesen Anblick sind die Ichtershäuser gewohnt. Sie sind groß geworden neben und mit dem Gefängnis. Sie kennen noch die Bilder von Wachpersonal mit Schäferhunden, die Streife liefen. Erinnern sich gut an die Wendezeit, in der über Nacht Tore in die Mauern des Gefängnisses gebaut wurden. LKWs voller Demonstranten wurden dort hinein gefahren. Das Geräusch von marschierenden Gefangenen mitten in der Nacht - auch das war normal.

Mauer mit Wachturm und Stacheldrahtzaun
Mauer, Wachturm und Stacheldrahtzaun der Jugendstrafanstalt Ichtershausen. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Klostergelände im Mittelalter

Kaum jemand weiß aber, dass hier im Mittelalter, lange bevor es ein Gefängnis in Ichtershausen gab, ein Kloster stand. Es war ursprünglich ein Zisterzienserinnenkloster, das zweite, welches im deutschsprachigen Raum gegründet wurde. Die Nonnen lebten hier von 1147 bis 1877. Dann wurde das Gelände samt Gebäuden Landesgefängnis und zuletzt Jugendstrafvollzug. Heruntergekommen und baufällig waren die Gebäude schon zu DDR-Zeiten.

Nach der Wende wurde es nicht wirklich besser. Neben dem schlechten Zustand der Anlage in Ichtershausen war vor allem ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts Grund für einen Neubau. Die Richter forderten Einzelunterbringung für jeden Häftling. Das war in Ichtershausen nicht für alle möglich. 2014 ziehen die letzten Inhaftierten in den Gefängnisneubau nach Rudisleben, einem Ortsteil von Arnstadt im Ilm-Kreis. Seitdem stehen die Gebäude in Ichtershausen leer.

Junge Männer beim Fußballspielen auf dem Gelände der Jugendstrafanstalt Ichtershausen. (Archivbild)
Junge Männer beim Fußballspielen auf dem Gelände der Jugendstrafanstalt Ichtershausen. (Archivbild) Bildrechte: MDR Borghardt/Prosch/Heller

Langwierige Debatten

Doch es findet sich ein Investor. 30 Millionen Euro sollen in die geplante Wohnanlage fließen. Die NKI gründet sich - das Kürzel der GmbH steht für "Neues Kloster Ichtershausen". Die Visionen treffen nicht nur auf offene Ohren.

Politik und Investoren streiten über die Zukunft des Geländes in Ichtershausen. Es geht auch um sehr viel Geld. Langwierige Debatten im Ort und im Gemeinderat wurden geführt, unzählige Briefe geschrieben.

Parallel passierte hinter den ehemaligen Gefängnismauern aber auch etwas - von den Ichtershäusern fast unbemerkt. Tage der offenen Tür gaben schließlich Einblicke in das unbekannte Areal mitten im Ort, das erst Kloster und dann Gefängnis war.

Vergessene Geschichte

Die Kirche und das Kloster in Ichtershausen liegen Experten zufolge historisch weit vor denen von Erfurt und Weimar. Haben eine Stellung wie die Wartburg oder Kloster Reinhardsbrunn. Anfang des 12. Jahrhunderts wurde eine große Hallenkirche gebaut. Sie war weit mehr als eine Gemeindekirche. Zwischen den beiden mächtigen Kirchtürmen gab es eine Kaiserloge, die Historikern zufolge einst auch Friedrich Barbarossa nutzte.

1446 trafen sich im Kloster die Eidgenossen des Schmalkaldischen Bundes. Die Königswahl Philipps von Schwaben wurde hier vorbereitet, der Ichtershäuser Brief war ein Anstoß zur Reformation. All das sei in Vergessenheit geraten, sagt Thomas Seidel von der Investorengesellschaft NKI.

Das Kloster Ichtershausen war einst ein Ort historischer Entscheidungen - jetzt wieder nacherlebbar im "Infozentrum Romanik und Reformation", dass bereits auf dem Gelände eröffnet wurde.

Gemeinde reißt Gebäude aus aus DDR-Zeit ab

Vom Kloster ist heute kaum noch etwas zu sehen. Die Gefängniszeit hat dem Gelände schon eher ihren Stempel aufgedrückt. Große und kleine Gebäude und Anbauten, die keinerlei historischen Wert haben, versperren den Blick. Auch dafür, wie weitläufig das 3,5 Hektar große Areal eigentlich ist. Die Abrissarbeiten haben bereits begonnen. Überall auf dem Gelände finden sich Schutthalden oder bereits leere Flächen.

An einem Baugerüst hängt ein Plakat
So wird es mal aussehen. Ein Platz mitten im Dorf entsteht auch. Bildrechte: MDR/ Sandra Voigtmann

Doch die Abrissbirnen bekommen noch viel zu tun. So sollen auch die Anbauten am historischen "Neuen Schloss" verschwinden. Was mit diesem riesigen Gebäude werden soll, ist noch unklar. Eigentlich sollte hier ein Kindergarten entstehen. Doch der Gemeinderat stimmte gegen diese Idee. Nun ist wieder offen, wer oder was in dieses historische Gebäude einziehen soll. Im mittleren Bereich des Geländes reißt die Gemeinde gerade alle Bauten ab, die aus DDR-Zeiten stammen.

Historische Bezüge sollen aufgenommen werden

Sicher ist, es wird auf dem Gelände jede Menge neuer Wohnraum entstehen. Es soll eine offene und lockere Bebauung werden. Historische Bezüge sollten nicht verschwiegen, sondern aufgenommen werden, so Thomas Seidel. Außerdem möchte NKI den Bezug zum grünen Gürtel außerhalb des Ortes mit dem Geraradweg, der Gera und den Feldern aufnehmen.

Geplant sind etwa 100 Wohneinheiten in Ein- und Mehrfamilienhäusern mit viel Grün dazwischen. Außerdem soll im Bereich des "Alten Schlosses" - ein Gebäude aus der Renaissancezeit - die Idee des Collegiatswohnens umgesetzt werden. Dazu wird das Gebäude klausurartig geschlossen, sagt Seidel. Ziel ist hier ein nachbarschaftlich-solidarisches und integratives Zusammenleben von Alleinlebenden oder Paaren ohne Kinder.

Ein Altes Mauerstück  in einem Raum
Historische Details im Torhaus werden erhalten. Die zukünftigen Mieter freut's. Bildrechte: MDR/ Sandra Voigtmann

Auch eine Altenwohngemeinschaft soll dort entstehen. Im nordöstlichen Bereich des Geländes ist Familienwohnen geplant. Südlich und westlich vom "Neuen Schloss" sind Wohnungen vorgesehen - zumeist in Mehrfamilienhäusern.

Geschaffen werden auf dem Gelände auch neue Sichtachsen, Grünflächen, Erholungsorte. Ein abgeschlossenes Gelände wird es nicht. Es soll ein neuer Dorfbezirk werden im historischen Teil des Ortes.

Ein Café, ein Hofladen ... vieles sei vorstellbar, sagt Seidel. Radfahrer treffen auf dem Geraradweg dann nicht mehr direkt auf eine Mauer, sondern auf einen offenen, einladenden Dorfteil, durch den Gäste direkt in den Ort und zur Kirche kommen. Er hofft, dass das auch neue Gäste nach Ichtershausen bringt.

Erste Mieter im Sommer

Die ersten Mieter wollen im Sommer im Torhaus und im ehemaligen Freigängerhaus einziehen. Hier sind bereits Handwerker dabei, die Sanitär- und Elektroinstallationen zu vollenden. Die Baugenehmigungen für diese beiden Gebäude bestehen seit zwei Jahren, sagt Thomas Seidel. Deshalb musste endlich losgelegt werden.

Fünf Wohneinheiten entstehen in diesen zwei Häusern, einige mit großzügigen Terrassen und Balkonen. Für alle Wohnungen wurden bereits Vorverträge geschlossen. Die zukünftigen Mieter sitzen schon fast auf gepackten Koffern.

Ein Haus mit Baugerüst
An einem Haus steht ein Baugerüst. Bildrechte: MDR/ Sandra Voigtmann

Einige Gebäude in diesem Eingangsbereich des Geländes sind bereits abgerissen. Auf diesen Flächen entstehen Gärten, die von den Mietern genutzt werden können. Sie blicken dann auf das sanierte Pfarrhaus, die alte Natursteinmauer und die Klosterkirche. Dass sie noch ein paar Jahre auf einer Baustelle leben werden, scheint sie nicht zu stören. Ichtershausen hat derzeit keinen Wohnungsleerstand. Die neuen Wohnflächen werden also gebraucht. Und immer mehr Städter zieht es aufs Land.

Die Investoren hoffen, dass die Bauplätze und Mietwohnungen gut nachgefragt werden. Doch bevor es so richtig losgehen kann, muss unter anderem noch ein städtebaulicher Vertrag mit der Gemeinde geschlossen werden. Der ist Voraussetzung dafür, dass die Bauplanung vorangetrieben werden kann. Und dann kann in vier bis fünf Jahren langsam Leben einziehen in ein historisch einst bedeutendes und später ummauertes Dorfkapitel.

Quelle: MDR THÜRINGEN

6 Kommentare

Harka2 vor 5 Wochen

Ichtershausen hat dank seinem Gewerbegebiet am Erfurter Kreuz als Gemeinde viel Geld, darüber hinaus aber nichts zu bieten. Eingeklemmt zwischen zwei Autobahnen und der ICE-Trasse gibt es nur Gewerbeflächen und Felder im Umland. Einzig an der Gera stehen ein paar Bäume. Der Ort ist laut und stark befahren. Die Bahnstrecke wurde schon zu DDR-Zeiten stillgelegt. Der hohe Grundwasserspiegel sorgt für häufigen Nebel im Frühjahr und im Herbst. Wenn man dort aus dem Fenster schaut, sieht man im Norden eine Autobahn und die Propeller der Windkraftanlagen, im Osten eine Autobahn und eine ICE-Trasse, im Westen ein großes Gewerbegebiet und im Süden das nächste. Erst am Horizont sieht man die ersten Ausläufer des Thüringer Waldes. Wer will da wohnen?

Heinrich Thieler vor 5 Wochen

Ja, die dargestellte Geschichte der Anlage ist leider zu kurz und nicht fehlerfrei: die Nonnen waren nicht bis 1877 dort im Kloster. Dieses war nämlich bereits 1525 in den Bauernkriegen zerstört worden und die Nonnen wurden damals vertrieben. Ein "Altes Schloss" und ein "Neues Schloss" Marienburg enstanden. Von November 1813 bis Februar 1814 dienten sie als Preußisches Reservelazarett bei der Belagerung des französisch besetzten Erfurt. 1.400 Preußen wurden dort wegen Flecktyphus behandelt, 700 von ihnen starben. An sie erinnert das Denkmal "Preußengrab" bei Ichtershausen.
Für die Richtigkeit dieser Darstellung: Ihr regelmäßiger online-Leser Dr. med. Heinrich Thieler, Erfurt, 24. Januar 2021

Lyn vor 5 Wochen

Klasse.

Dann darf ich auf mehr Bilder hoffen, vielleicht auch von den Wohnungen, vor dem Bezug?

Ein ehemaliges Kloster, da gibt es doch Ecken und Bögen, muss toll sein, da zu wohnen.

Sicher auch eine Herausforderung für die Handwerker jeglicher Gewerke.....

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