Science Fiction aus Ilmenau MP3-Erfinder Karlheinz Brandenburg wird 66

Eine Legende geht in den Ruhestand: Nach fast 20 Jahren am Ilmenauer Fraunhofer IDMT verabschiedet sich Institutsleiter Karlheinz Brandenburg in den Ruhestand. Weltweit bekannt geworden ist er als "Vater des MP3" und als "Tonmeister der digitalen Revolution".

Karlheinz Brandenburg, Efrinder der mp3
An den Ruhestand denkt Karlheiz Brandenburg keineswegs. Bildrechte: MDR/Fraunhofer IDMT Ilmenau

Tausend Mal und mehr hat er Suzanne Vegas Lied "Toms Diner" gehört. Den Referenzsong für das MP3-Format."Tausend mal hoch und runter", erinnert sich Karlheinz Brandenburg. Seine Ohren stecken unter riesigen Kopfhörern, ähnlich denen von damals. "Das waren die Referenzkopfhörer, um wirklich kleinste Unterschiede im Klang wahrnehmen zu können", sagt der Seniorprofessor der Technischen Universität Ilmenau. Noch immer forscht der "Vater des MP3" im Hörlabor der Technischen Universität Ilmenau am perfekten Klang.

Musik, die übers Telefon übertragen wird

Mehr als 25 Jahre ist es her, als ihm sein damaliger Doktorvater Dieter Seitzer eine scheinbar unlösbare Aufgabe stellte. Er sollte Musik so komprimieren, dass sie über das Telefon übertragen werden konnte. Dem Entwicklerteam an Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS mit Karlheinz Brandenburg, Heinz Gerhäuser, Ernst Eberlein, Bernhard Grill, Jürgen Herre und Harald Popp gelang das Unglaubliche.

Bis heute fast unverändert

Am 13.7.1995 beschloss das Institut, für die gesamte Software die File-Endung MPEG-1 audio Layers 3 - kurz MP3 - zu verwenden. Das war der Geburtstag des MP3-Formats, das schon bald den Siegeszug um die Welt antreten und die Musikindustrie revolutionieren sollte. Bis heute kann dem kaum etwas hinzugefügt werden, so perfekt war es damals.

Das Format konnte erstmals unkomprimierte Audiodateien ohne akustisch wahrnehmbaren Verlust um den Faktor zehn komprimieren. Für User eine echte Erleichterung.Die Musikindustrie war von dieser Entwicklung allerdings weniger begeistert: MP3-Dateien lassen sich einfacher kopieren und weitergeben.

Das ganze Team - einmal 1987 und einmal 2007

Das Team, einmal 1987 und einmal 2007
Das Team im Jahre 1987. Bildrechte: MDR/Fraunhofer IIS
Das Team, einmal 1987 und einmal 2007
Das Team im Jahre 1987. Bildrechte: MDR/Fraunhofer IIS
Das Team, einmal 1987 und einmal 2007
Das Team im Jahre 2007. Bildrechte: MDR/Fraunhofer IIS
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Dem jungen Entwickler Karlheinz Brandenburg stand die Welt offen. Nach Gesprächen in den USA entschied er, sich im thüringischen Ilmenau niederzulassen, als Gründer und erster Direktor des neuen Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie IDMT. Hier wurde weiter geforscht und entwickelt.

Zunächst experimentierte sein Team mit sehr vielen Lautsprechern. 2003 wurden die "Lindenlichtspiele" in Ilmenau als erstes Kino der Welt mit dem IOSONO-Soundsystem ausgestattet. Die 3D-Soundtechnologie des Fraunhofer IDMT zog unter dem Namen "SpatialSound Wave" in deutsche Großplanetarien und viele Theater und Konzertsäle der Welt ein.

Dreidimensionales Klangerlebnis

Mit SpatialSound Wave lassen sich Audioobjekte im Raum positionieren, so dass eine realistische Übereinstimmung zwischen dem visuellen und akustischen Geschehen möglich wird. Integriert ist zudem ein innovatives Modul zur interaktiven Raumsimulation, das ganz einfach per Knopfdruck jeden beliebigen Raumeindruck so realitätsnah wiedergibt, also würde sich der Zuhörer inmitten des akustischen Geschehens befinden.

Anerkennung aus aller Welt

Gern erinnert sich Karlheinz Brandenburg an Besuche bei Michael Jackson auf der Neverland Ranch. Und er hat es bis in die Ruhmeshalle "Internet Hall of Fame" gebracht. Sein Erfolgsrezept sei eine Kombination aus Vision, Überstunden und Sturheit, schrieb einmal ein Journalist. "Wenn ich das interpretiere", sagt Karlheinz Brandenburg heute, "heißt Vision: weiterdenken. Das heisst, Dinge denken, wo andere sagen, das geht doch gar nicht oder das dauert noch 30 Jahre, bis es geht. Und so weiter zu schauen, was geht."

Überstunden sind die Erinnerung an alle: Achtung, ohne Arbeit wird das nichts.

Karlheinz Brandenburg
Karlheinz Brandenburg, Efrinder der mp3
Karlheinz Brandenburg in einem reflexionsarmen Raum. Bildrechte: MDR/Fraunhofer IDMT Ilmenau

Nur das Wort Sturheit mag er nicht. Ins Englische würde er es mit Persistence übersetzen: "Nicht gleich aufgeben, wenn nicht alles gleich so geht, wie man es will." Eines hatte der Autor wohl vergessen: Das Glück. Das Glück bei MP3 war, dass seine Entwickler die Weitsicht hatten, sich die richtigen Geschäftsmodelle der Lizenzierung zu überlegen.

Keine Lust auf Ruhestand

Mit 65 Jahren hat er noch eine Firma gegründet, die Brandenburg Labs GmbH. Ein alter Traum von ihm ist es, über Kopfhörer einen räumlichen Klang zu erzeugen. Diese Technologie namens "Personalized Auditory Reality", kurz "PARty", soll gezieltes Hinhören, Zuhören oder Weghören ermöglichen.

Kopfhörer sollen beim Hören helfen, wie die Brille beim Sehen. Da gibt es ganz viele Ideen. Das grenzt zum Teil schon an Science Fiction.

Karlheinz Brandenburg

Apropos Hinhören: "Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an" ist ein anderes Lied zu einer anderen Geschichte, die irgendwann später erzählt werden soll.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | NMDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. Juni 2020 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Petra Stein vor 7 Wochen

Ich möchte mich Michaelth65 anschließen.

Das ist ein schöner und motivierender Bericht. Und Ilmenau ist viel schöner und lebenswerter als die USA. Vielen Dank an den Forscher und sein Team für die tolle, bahnbrechende Entwicklung.

Michaelth65 vor 7 Wochen

Danke für den sehr informativen Bericht. Und natürlich freut man sich wenn der Erfinder von Mp3 Ilmenau den USA vorgezogen hat. Leider erfährt man in dem Bericht nicht , ob seine Erfindung auch finanziell richtig gewürdigt worden ist. Thüringen ist sehr schön und die Menschen sind offen strahlen Herzenswärme aus. Alles Gute aus Jena an den Erfinder !

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