Neustadt am Rennsteig Jenaer Corona-Studie: Hälfte der Infizierten hat keine Antikörper entwickelt

Jeder zweite mit dem Coronavirus infizierte Einwohner von Neustadt am Rennsteig hat keine Antikörper gegen das Virus entwickelt. Das ist ein Zwischenergebnis der großangelegten Corona-Studie des Uniklinikums Jena in dem Südthüringer Ort.

Neue Fragen durch Corona-Studie

"Wir waren überrascht, dass die Hälfte der Infizierten, bei denen das Virus sechs Wochen vorher nachgewiesen worden war, keine Antikörpertiter aufwiesen, obwohl wir mit sechs verschiedenen Tests danach gesucht haben", erklärte der Leiter der Studie, Professor Matthias Pletz, am Montag. Dieses Ergebnis werfe viele neue Fragen auf. Offenbar könne man auch bei einem negativen Antikörpertest nicht wirklich ausschließen, dass es vorher eine Covid-Infektion gab, so der Infektiologe.

Untersuchung von Proben am Uniklinikum Jena im Rahmen der Corona-Antikörper-Studie in Neustadt am Rennsteig.
Untersuchung von Proben aus Neustadt am Rennsteig im Uniklinikum Jena Bildrechte: MDR/UKJ/Hoppert

Titer Menge bestimmter Antikörper im Blut

Laut Pletz stellt sich nun unter anderem die Frage, ob das Fehlen der Antikörper mit dem Fehlen einer Immunität gleichgesetzt werden kann. Hierzu solle bei den betroffenen Studienteilnehmern noch nach spezifischen Abwehrzellen gesucht werden. Diese Analysen seien aber sehr umfangreich und dauerten noch an.

Studie in Neustadt nach Häufung von Corona-Infektionen

Seit Mai erforscht ein zehnköpfiges Wissenschaftlerteam um Pletz im Rahmen einer Studie die Bildung von Antikörpern im menschlichen Körper nach einer Infektion mit dem Coronavirus. Die Daten hierfür liefern freiwillige Tests an Einwohnern in Neustadt am Rennsteig. Der Ort mit seinen rund 900 Bewohnern war am 22. März für zwei Wochen komplett unter Quarantäne gestellt worden, nachdem dort gehäuft Infektionen festgestellt worden waren. Am Ende der Quarantäne waren dort laut Uniklinik 49 Infektionen bekannt, zwei Betroffene starben. Mitte Mai hatten die Wissenschaftler erste Proben bei Einwohnern genommen. Von den 49 infizierten Einwohnern hatten sich laut Pletz 38 an der Studie beteiligt.

 Ein Schild weist auf die wegen «Covid 19-Virus Quarantäne» gesperrte Ortsdurchfahrt von Neustadt am Rennsteig hin.
Nach dem vermehrten Auftreten von Infektionen war Neustadt am Rennsteig im Frühjahr zwei Wochen lang vollständig unter Quarantäne gestellt worden. Bildrechte: dpa

Im Herbst soll eine weitere Testserie folgen. Davon erhoffen sich die Wissenschaftler laut Pletz Erkenntnisse darüber, ob Menschen, die bereits mit dem Coronavirus infiziert waren und keine Antikörper gebildet haben, erneut eine Infektion bekommen können. Deshalb sollen sich alle in Neustadt Betroffenen bei jedem Anzeichen von Erkältung wie Kratzen im Hals oder Schnupfen erneut auf eine Coronavirus-Infektion testen lassen, sagte Pletz MDR THÜRINGEN.

Wie aussagekräftig sind Antikörper-Tests?

Zur Frage der Aussagekraft von Antikörper-Tests sagte Pletz, dass verschiedene Antikörper-Tests zu verschiedenen Ergebnissen führen. Das habe die Wissenschaftler enttäuscht. Wenn trotz Erkrankung keine Antikörper gebildet wurden, bedeutet das möglicherweise, dass das Immunsystem mit der Bildung von Abwehrzellen reagiert habe, die dann den Schutz vermitteln. Abwehrzellen seien aber viel schwerer nachweisbar.

Es gäbe aber Analogschlüsse zu anderen Corona-Viren. Vier weitere Corona-Erkältungsviren sind bereits bekannt. Mit diesen gab es bereits Tests. In sogenannten Human Challenge Studies wurden Freiwillige mit den Viren infiziert. Nach der Genesung wurden sie nach einem Jahr nochmals infiziert - mit dem Ergebnis, dass sich einige der Probanden ein zweites Mal infizierten. Diese Infektionen seien dann aber viel schwächer verlaufen, sagte Pletz.

Nach Pletz' Ansicht liefert die Studie der Uniklinik Jena wichtige Informationen auch für die Entwicklung von Impfstoffen. Wenn eine Person trotz Infektion keine Antikörper bilde, sei bei ihr auch die Wirkung eines sogenannten Totimpfstoffs fraglich. Wahrscheinlich würden durch eine solche Impfung nicht genügend Antikörper gebildet, die einen ausreichenden Schutz zur Folge hätten. Bisher werde nur nach Totimpfstoffen gegen das Coronavirus gesucht. Den Aufwand, einen wirksamen Impfstoff gegen das Virus zu entwickeln, sieht Pletz ungleich höher als bei Tetanus.

Totimpfstoff Impfstoff aus abgetöteten Krankheitserregern oder Bestandteilen davon

Quelle: MDR THÜRINGEN/dr

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 24. August 2020 | 18:00 Uhr

27 Kommentare

peterabjesjan vor 20 Wochen

Diese Virusinfektion ist relativ normal und vergleichbar zu anderen Infektionskrankheiten. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass keine oder wenig Antikörper gebildet werden oder dass diese nicht lange persistieren (ist bei TB analog). Es gibt neben der humoralen Immunantwort (Antikörper) noch den zellulären Schutzmechanismus. (T Lymphozyten). Der ist bei Covid 19 gut nachgewiesen. Die thüringische Studie basiert zudem auf geringen Patientenzahlen. Eine umfangreichere Deutsch, chinesische Studie, (349 Erkrankte) kam zu dem Schluss dass bei ca 3/4 der Patienten nach 6 Monaten noch Antikörper gut nachweisbar sind.

Grosser Klaus vor 20 Wochen

Die Schulmedizin hat offensichtlich bei der Behandlung der Coronavirus-Krankheit-2019 versagt, warum hat man nicht schon viel früher auf die Komplementärmedizin gesetzt.
Wenn man hier nur das Wort Komplementärmedizin erwähnt, wird man aber sofort angefeindet.

martin vor 20 Wochen

@grosser: Ich bin erleichtert, dass auch hier Ihr wohlbekannter Text erscheint. In der Sache verweise ich auf die diversen Antworten, die Sie an anderen Stellen bereits erhalten haben.

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