Eine Frau mit Mirkofon in der Hand reißt vor einem Schild die Arme hoch
Vier Stunden Busfahrt hat es gedauert, ehe dieses Foto von MDR THÜRINGEN Reporterin Bettina Ehrlich enstanden ist. So lange hat sie gebraucht, um von Masserberg nach Neustadt am Rennsteig zu kommen. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Ein Selbstversuch In "nur" vier Stunden: Mit dem Bus durch den Thüringer Wald

Ein Ticket für ganz Thüringen, für einmalig 60 Euro im Monat, nutzbar für Bus und Bahn: Das ist der Vorschlag der Grünen-Fraktion im Thüringer Landtag. MDR-THÜRINGEN-Reporterin Bettina Ehrlich hat im Thüringer Wald den Selbstversuch gewagt und hat für eine Strecke, für die man mit dem Auto neun Kilometer fährt, den Bus genommen. Nach immerhin "nur" vier Stunden war sie am Ziel.

von Bettina Ehrlich

Eine Frau mit Mirkofon in der Hand reißt vor einem Schild die Arme hoch
Vier Stunden Busfahrt hat es gedauert, ehe dieses Foto von MDR THÜRINGEN Reporterin Bettina Ehrlich enstanden ist. So lange hat sie gebraucht, um von Masserberg nach Neustadt am Rennsteig zu kommen. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Die Idee der Grünen, finde ich, klingt so schlecht nicht. Mit einem Ticket für 60 Euro im Monat durch ganz Thüringen fahren, mobil sein mit Bus und Bahn. Ich könnte mir das Auto sparen, muss kein Benzin mehr kaufen und auch die teuren Werkstattrechnungen haben sich ab jetzt erledigt. Das Ganze allerdings hat für mich nur einen Haken. Ich wohne leider nicht in Gera, Erfurt oder Weimar. Ich wohne auf dem Land, genauer gesagt in Masserberg und nehme mir heute spontan vor, mit dem Bus nach Neustadt am Rennsteig zu fahren. Dort soll es wohl im Café Lusky ganz leckeren Kuchen geben.

Auf nach Neustadt am Rennsteig

Gegen 8.30 Uhr stehe ich also an der Bushaltestelle in Masserberg. Ich bin mutterseelenallein. Gottseidank scheint die Sonne und mein Selbstversuch lässt sich ganz gut an. Es fahren auch Busse, vor allem nach Suhl, Schleusingen, Hildburghausen oder Eisfeld. Neustadt suche ich erst einmal vergeblich. Unter dem normalen Fahrplan prangt rot eingerahmt ein extra Fahrplan. Der weist die Verbindung nach Oberhof über Kahlert und Neustadt am Rennsteig aus. Also genau meine Richtung. Abfahrt um 09.50 Uhr. Cool, in zehn Minuten. Dumm, dass dieser Bus nur am Wochenende fährt. Doch mir fällt ein: In Masserberg gibt es eine Touristinformation, dort wird mir sicher geholfen. Und tatsächlich Mitarbeiterin Manuela Grimm schließt dort gerade die Tür auf. Als ich ihr von meinem Vorhaben erzähle, schaut sie mich nur mitleidig an und wünscht mir viel Spaß. Sie ahnt bereits, welche Odyssee mir bevorsteht. Hilfsbereit sucht sie mir im Netz die schnellste Verbindung von Masserberg nach Neustadt heraus. Und ich traue meinen Ohren nicht.

Start ist Masserberg, das Ziel Neustadt am Rennsteig. Mit dem Bus (gepunktete Linie) ist man da lange unterwegs.

Ein Ziel, mehrere Verbindungen

9.50 Uhr fährt ein Bus nach Suhl. Der kommt dort 10:50 Uhr an. In Suhl selbst könnte ich mir für mehr als eine Stunde die Füße vertreten, ehe es 12.10 Uhr mit der Linie 300 weiter nach Ilmenau geht. Hier müsste ich mich sputen. Denn ich hätte nur genau drei Minuten Zeit, um in die Linie 304 nach Großbreitenbach zu steigen. Dort hat der Bus dann sieben Minuten Aufenthalt, bis er mich endlich an mein Ziel, nach Neustadt am Rennsteig bringt. Planmäßige Ankunft: 14:02 Uhr. Vier Stunden für nicht einmal zehn Kilometer Strecke. Ich schaue Manuela Grimm von der Touristinfo ungläubig an. Sie sucht mir eine weitere Verbindung heraus. Bei dieser müsste ich nur zwei Mal umsteigen, könnte von Ilmenau direkt nach Neustadt fahren. Doch ich wäre eine geschlagene Stunde länger unterwegs und erst kurz vor 15 Uhr an meinem Ziel. Ich bin ehrlich: Im Normalfall wäre für mich dieses Experiment jetzt beendet. Was ist das denn für ein Wahnsinn? Vier bzw. fünf Stunden im Bus on tour. Geschweige von dem irrsinnigen Umweg, den ich in Kauf nehme. Da bin ich ja zu Fuß schneller. Aber ich stelle mich meinem Schicksal und nehme die Herausforderung an. Schon wegen des Kuchens willen.

Das Abenteuer beginnt

Bettina Ehrlich fährt Bus
Mutterseelenallein im Bus. Auf dem Weg nach Suhl ist die Reporterin, neben dem Fahrer, die Einzige im Bus. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Also wieder zurück zur Bushaltestelle Masserberg. Die Linie 203 ist pünktlich, ich bin der einzige Fahrgast und bezahle für meine erste Etappe nach Suhl 6,90 Euro. Von Masserberg geht es über Schönbrunn, Gießübel, Schleusingen nach Suhl. Die Fahrgäste kann man an einer Hand abzählen. So richtig genießen kann ich die Fahrt nicht, denn jedes Mal, wenn der Bus hält, denke ich, mit dem Auto wäre ich schon längst in Suhl. Aber da fällt mir ein: Mit dem Auto müsste ich gar nicht nach Suhl und schon gar nicht nach Ilmenau oder Großbreitenbach. Was solls. Immerhin habe ich ausreichend Platz im Bus und der Fahrer ist freundlich. Er lacht und schüttelt mit dem Kopf, als ich ihm von meinem Vorhaben erkläre. „Es liegt die Kreisgrenze zwischen Masserberg und Neustadt. Masserberg gehört zum Landkreis Hildburghausen und Neustadt zum Ilmkreis", erklärt er das Problem der langen Fahrtzeit für so eine kurze Strecke. Und fügt ergänzend hinzu: "Eigentlich müsste der ganze öffentliche Nahverkehr vom Land geregelt werden. Dann wären Kreisgrenzen kein Thema.“

Den Aufenthalt in Suhl sinnvoll nutzen

Eine Stunde später komme ich überpünktlich in Suhl an. Meine 80 Minuten Aufenthalt reichen jedoch nicht aus, um in der Stadt noch etwas Sinnvolles zu unternehmen. Also setze ich mich auf eine Bank in der Nähe des Busbahnhofes und bringe meine ersten Erfahrungen des Selbstversuchs zu "Papier". Ein junger Mann, schätzungsweise Mitte 20, gibt mir den Tipp, mir noch etwas zum Trinken zu holen. „Wer weiß, wie lange Sie noch unterwegs sind“, grinst er wohlwissend. Auch er lebt auf dem Land, musste als Teenager oft mit dem Bus fahren. Seitdem er einen Job hat, fährt er Auto. „Sonst bist du doch hier aufgeschmissen“. Im Stillen gebe ich ihm Recht, bedanke mich für den freundlichen Tipp und warte weiter - auf meinen Bus.

Die Odyssee geht weiter

Der kommt wieder auf die Minute genau angefahren. Auf geht es nach Ilmenau. Dieses Mal für 6,80 Euro. Nicht über die Autobahn, wie ich vielleicht mit dem Auto fahren würde. Nein, stattdessen fährt der Bus die landschaftlich herrliche Strecke über Schmiedefeld am Rennsteig entlang. Bergauf, bergab - es nimmt kein Ende über Stützerbach und schließlich nach Ilmenau. Dort ein Sprint zum Bussteig 6, ich habe nur drei Minuten Zeit und dann auf nach Neustadt am Rennsteig, Mein Ziel! Für 4,80 Euro. Im Bus bin ich dieses Mal nicht allein, lerne Monika Werner aus Möhrenbach kennen. Sie kommt gerade aus Ilmenau, hat sich dort mit ihrer Freundin getroffen, war ein bisschen einkaufen. Ilmenau, sagt sie, ist für sie auch ohne Auto sehr gut erreichbar. Aber nach Masserberg, da geht in der Woche nichts. Auch sie schüttelt nur mitleidig den Kopf über meine kleine Thüringer-Wald-Rundfahrt.

Überraschungen während der Fahrt inklusive

Ein Bus fährt eine Straße entlang durch einen Wald
Die Strecke von Altenfeld nach Kahlert ist landschaftlich sehenswert. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Eine nette Überraschung erwartet mich dann in Großbreitenbach. Dort muss ich nämlich doch nicht, wie gedacht, umsteigen. Denn aus der Buslinie 300 wird wie durch Zauberhand die Linie 304 und ich darf sitzenbleiben, sagt mir der Busfahrer. Wieder fahren wir durch die herrliche und abwechslungsreiche Landschaft des Thüringer Waldes. Die Sonne scheint durch die bunt gefärbten Blätter der Bäume und ich genieße die Aussicht. Die Strecke von Altenfeld nach Kahlert sollte jeder einmal erlebt haben. Ich kann es kaum glauben, tatsächlich kommt mein Ziel Neustadt am Rennsteig in Sichtnähe. Wie von Manuela Grimm aus der Touristinfo Masserberg vorhergesagt, bin ich kurz nach 14 Uhr endlich da. Der Busfahrer zögert, als ich aussteige. "Falls ihr Café heute geschlossen hat, würde ich kurz auf Sie warten. Sie müssen ja schließlich wieder nach Hause."

Recht hat er, denke ich. Denn die Rückfahrt nach Masserberg, sollte ich sie wieder per Bus wagen, würden mich erneut mindestens vier Stunden Zeit kosten. Doch ich gehe das Wagnis ein, habe den Kaffeeduft schon in der Nase und mein wohlverdientes Stück Kuchen vor Auge, und steige an der Kaufhalle in Neustadt am Rennsteig aus. Der Bus fährt davon.

Das Ende vom Lied

Eine Frau mit Mikrofon in der Hand steht vor einem Café
Alles für umsonst? Der Café-Besuch fiel aus, dort wird gerade renoviert. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Was soll ich sagen? Das Café Lusky wird gerade renoviert und hat geschlossen. Das passt so ein bisschen zu diesem Tag und zu meinem Abenteuer, die Idee der Grünen einmal live umsetzen zu wollen. Ein paar Häuser weiter liegt die Touristinformation der Stadt. Mitarbeiter Robert Witter kann es nicht glauben, dass ich von Masserberg mit dem Bus gekommen bin. "Niemals“, sagt er und lacht herzlich. Er kennt das Problem nur allzu gut. Fast jeden Tag muss er die Gäste vertrösten. Der Rennsteigbus von Masserberg über Neustadt nach Oberhof fährt nur am Wochenende. "Uns wäre ja schon geholfen, wenn dieser Bus einmal früh und einmal am späten Nachmittag jeden Tag fahren würde", sagt Witter. Gerade für Gäste, die am Rennsteig unterwegs sein wollen. Oder für Menschen, die in Masserberg zum Arzt müssen. Sicher, denke ich, das wäre ein Anfang. Aber das grundsätzliche Problem würde es auch nicht lösen. Ein Ticket für 60 Euro im Monat ist eine gute Idee, nutzt mir als Landei aber herzlich wenig. Schade eigentlich! Ich greife zum Telefon und bin froh, dass der Akku seinen Geist noch nicht komplett aufgegeben hat. Mein Sohn ist in zehn Minuten da und holt mich in Neustadt ab. Mit seinem Auto.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 08. November 2018 | 06:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2018, 07:59 Uhr

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14 Kommentare

09.11.2018 08:17 Altersarmutsrentner 14

In Thüringen wird vorwiegend alles Subventioniert, wie der Flughafen in Erfurt-Weimar, die unnütze Buslinie am Wochenende von Oberhof nach Masserberg, die Landwirtschaftsflächen der Agrargenossenschaften, den Ort Oberhof mit seinen Sportanlagen und H2OBad, in Erfurt ein Fußballstadion usw. alles ohne gewinnbringende Einnahmen. Der kleine Handwerker, der Gastronom, das Tante- Emmalädchen, der Armutsrentner und der Ottonormalverbraucher werden finanziell zum Untergang verurteilt. Hier herrschen soziale Gesetzte in der Politik vor ,wie die Fahrt von Masserberg nach Neustadt am Rennsteig mit dem Bus in vier Stunden. Die eigentliche Strecke ist nur 9Km lang und kann in 1,5 Stunden zu Fuß erreicht werden und deshalb wird sich auch nichts ändern von der Stadt zum Dorf in der Infrastruktur. Hier werden nur sinnlose Maßnahmen durch unsere Politikerkaste ohne Einbeziehung der Bürger vorgenommen. Hier geht es nur um Postenhascherei und um die Diätenversorgung.

08.11.2018 19:20 Werner Wruck 13

Vor allem auf dem Lande wohnen viele ältere Menschen, welche auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, welche durch eine schlechte Verkehrsplanung die Bewegungsfreiheit genommen wurde. Wenn eine Strecke weniger befahren wird, wird sie auch weniger benutzt, dann wird sie ganz aus dem Verkehr genommen. Ein Teufelskreislauf. Wie in alten Zeiten müssten auch die letzten Dörfer wieder an dem öffentlichen Verkehr angeschlossen und auch öfters angefahren werden; und das an Kreis- oder Ländergrenzen Busverbindungen nicht unterbrochen werden. Aber dort, wo die Nachfrage gering ist, erst mal nur sparsamere Kleinbusse, in manchen Fällen sogar normale Autos eingesetzet werden.
Die Idee der Grünen ist grundsätzlich gut, dazu gehört aber auch eine gute öffentliche Verkehrsplanung, vor allem der ländlichen Regionen. Und dass auch diese Regelung nicht an "Länder"-Grenzen hallt macht, sondern die Nachbar"länder" mit einbezieht.

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