Gefängnis-Besuch bei Danny Jenner "Knastbande? Das ist Quatsch!"

Danny Jenner hat von 35 Lebensjahren bisher zwölf im Knast verbracht. Er gilt als Mitgründer der Bande "Saat des Bösen". Jetzt hat er mit MDR THÜRINGEN-Reportern exklusiv über die Bande, eine neue Liebe und das Landeskriminalamt gesprochen.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Auf dem blaugrauen Teppichboden liegt ein kleines Holzauto. Möglicherweise hat es ein Kind vergessen, als es in diesem tristen Raum seinen Papa besucht hat. In einem Raum, in dem sich jeden Tag Menschen von "draußen" und "drinnen" treffen, sich umarmen, reden, küssen oder berühren. Manchmal aber auch streiten oder sich nichts mehr zu sagen haben.

"Ich war schon überall im Knast"

"Warum soll es denn im Knast anders sein als draußen?", fragt Danny Jenner. 35 Jahre ist er alt. Davon hat er insgesamt zwölf Jahre in Gefängnissen verbracht. "Ich war schon überall, Tonna, Gera, Goldlauter, auch mal in Bayern und jetzt bin ich hier, in Untermaßfeld."

Es ist ein grauer und kalter Tag Ende September. Die Regenschwaden lassen die Justizvollzugsanstalt Untermaßfeld noch öder wirken, als sie ohnehin schon ist. Eine alte schaurige Burg. Auf das massige Gebäude trifft der altdeutsche Begriff "Zuchthaus" am besten zu.

Jenner ist klein und durchtrainiert. Er hat die Figur eines Turners. Schmale Taille, breite Schultern. Das Ergebnis vieler Stunden Krafttraining. Seine wachen Augen registrieren alles im Raum. Jenner ist ein Mann, der auf Zack ist. Er redet unglaublich schnell. Die Haare kurz und akkurat geschnitten. Das Gesicht, immer mit einem belustigenden Ausdruck. Das Gefängnis ist für Jenner eine zweite Heimat geworden. Eine zweifelhafte zweite Heimat. Dass er immer wieder zu ihr zurückgekehrt ist, hat seiner Ansicht nach nicht immer mit ihm selbst zu tun.

"Auf einmal, erstes Mal im Leben einen Haftbefehl bekommen für Graffiti. Wo ich mir sage: warum?" Dann eine Ohrfeige, was man so als Junge mache. "So wächst man auf", fügt er hinzu. Für ihn eine Art der Erklärung für diesen Weg. Das seien dann die ersten Knastjahre gewesen. Dann Wohnungseinbruch mit Waffe. "Wo ich ja sage, das ist auch die erste und mitunter die einzige Strafe, die ich auch wirklich verdient hab'."

Polizei hält ihn weiter für gefährlich

Eine Aussage, die die Staatsanwaltschaft Gera und das Thüringer Landeskriminalamt ganz anders sehen. Denn für sie ging Jenners Karriere als gewalttätiger Krimineller ab da erst richtig los. Er beging Überfälle und dealte mit Drogen. Für die Ermittler ist Danny Jenner, neben noch rund einem Dutzend anderer Männer, der Gründer einer brutalen Knastgang. Sie nennt sich "Saat des Bösen" - kurz SDB - und ist heute noch aktiv. Jenner weiß das alles. Er kennt seine Ermittlungsakte in- und auswendig. Fakt ist: Er wurde 2012 mit anderen in Weimar festgenommen. Dort sollen die Gangmitglieder versucht haben, einem Mann die Ohren abzuschneiden. Das Ganze angeblich aus Rache. Zuvor hatten sie schon andere Überfälle organisiert.

Die Folge: Jenner kam zusammen mit den anderen in Haft. Vier Jahre saß er in Untersuchungshaft. "Ich bin der, der in Thüringen am längsten in U-Haft gesessen hat." Jenner lacht dabei, doch die Resignation ist ihm anzumerken. Der Prozess ging nach zwei Jahren zu Ende. Es gab eine Revision, doch Jenner blieb weiter im Knast und fand sich damit ab, so seine Darstellung. Lenkte von dort aus weiter die kriminellen Geschicke der SDB, sagt dagegen das LKA. "Das kannste keinem erklären", platzt es aus ihm heraus, wenn er auf diesen Vorwurf angesprochen wird. "Knastbande? Das ist doch Quatsch!"

"Ich kenne die nicht mal"

Aber Jenner weiß, warum das so war und wohl auch erst mal so bleiben wird. "Saat des Bösen", was als ein Hip-Hop-Musikprojekt in der Jugendstrafanstalt Ichtershausen begonnen hatte, ist zu einem Fluch für ihn geworden. Nur für ihn alleine. Denn während einige der alten Gangmitglieder draußen sind, begehen andere junge Männer unter dem Label "SDB" weiter schwerste Straftaten. "Ich kenn' die nicht mal", sagt Jenner. Trotzdem bekommt er in jedem Knast, in dem er sitzt, Auflagen von den Strafanstalten, von Gerichten, von der Staatsanwaltschaft. Auflagen, die seiner Meinung nach völlig überzogen sind.

"Die kommen und sagen, du bist Gruppierungsmitglied und ich sage, ich bin ausgestiegen. Sagen die: Interessiert uns nicht, Jenner. Sage ich, aber ich weiß es doch besser." Jenner versucht den Fluch abzuschütteln. Doch er selber bringt im Gespräch unwillkürlich die Erklärung für sein Dilemma. "Auch im Knast geht es nach dem Motto: Wie es in Wald rein ruft, so schallt es heraus." Jenner hat mit der SDB außerhalb und im Knast auch in den "Wald gerufen" - und aus den Behörden schallt es eben zurück. Im Sommer dieses Jahres fährt Jenner wieder ein. Diesmal für acht Monate, weil er bei einem vorherigen Gefängnisaufenthalt an einer Gewalttat gegen einen Häftling beteiligt gewesen sein soll. "Ich hab' mich selbst gestellt", sagt er nicht ohne Stolz. Obwohl er bei der Tat nur dabei gestanden habe.

"Justizvollzug lässt einen hängen"

Die Zukunft? Als er im Frühjahr kurz draußen gewesen sei, habe es klick gemacht. "Da sind junge Leute an mir vorbeigegangen. Die haben ein durchschnittlich normales Leben. Da hab' ich zur mir selber gesagt: Dass Du im Knast gesessen hast, interessiert hier draußen niemanden." Gefängniszeit als witziges Kneipenthema, um sich bei anderen interessant zu machen? Jenner hat das wohl all die Jahre so gesehen. Aber viel war er auch nicht in Freiheit.

Blick von innen auf den Zaun der Thüringer Justizvollzugsanstalt Untermaßfeld.
Hier sitzt Danny Jenner aktuell ein - im Knast von Untermaßfeld Bildrechte: MDR/Jörg Thiem

Jetzt soll das anders werden. Da gebe es diese Frau, die ihm ganz viel gezeigt habe. Da gebe es ihre Eltern, die ihn vorurteilsfrei aufgenommen hätten.

Doch sein Optimismus ist schaumgebremst. Denn Jenner hatte sich das anders vorgestellt mit seiner Haft. "Ich habe acht Monate bekommen und habe nach vier Monaten noch immer keinen Haftplan!" Das sei für ihn das System "Justizvollzug", das einen hängen lasse. Denn Jenner weiß, was auf dem Spiel steht. Ohne konkreten Haftplan, keine Aussicht auf Freigänger oder offenen Vollzug. Auf den habe er aber spekuliert, wie auch seine Freundin.

"Und jetzt muss ich zur ihr sagen: Baby, das wird noch nicht kommen und dann denkt sie, ich habe sie angelogen. Ich sitze hier drinnen und sie draußen und ich kann nix machen."

Haftplan Der richtige Fachausdruck ist "Vollzugsplan". Dieser legt fest, wie die Haftzeit für den Häftling im Vollzug ablaufen soll. Zuerst wird mit dem Gefangenen ein entsprechendes Eingangsgespräch geführt. Dabei geht es auch um die Aufarbeitung seiner Straftat und den daraus folgenden therapeutischen Maßnahmen. Dazu können regelmäßige Sitzung beim Gefängnispsychologen oder beim Anti-Aggressionstraining zählen. Aber auch, welche Tätigkeit oder schulische Ausbildung der Häftling machen soll. Im Vollzugsplan wird dann auch festgelegt, ob er nach einer gewissen Zeit Freigänger wird. Also, ob er die Haftanstalt tagsüber für eine Arbeit verlassen darf und abends wiederkommen muss. In der Regel muss der Vollzugsplan zu Beginn der Haftzeit aufgestellt werden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 08. November 2017 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2017, 05:00 Uhr

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1 Kommentar

08.11.2017 22:41 part 1

Fakt ist aber auch: im BRD- Strafvollzug herrscht Arbeitszwang soweit Arbeitsplätze vorhanden sind. Der Unterschied zum DDR- Strafvollzug besteht aber darin, das für die geleistete Arbeit keine Rentenanwartschaften berechnet werden bei Abwesenheit vom Mindestlohn. So unterscheiden sich nun mal Zwangsarbeitssysteme...

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