Karneval trotz Corona Jüchsen: Narren feiern illegalen Lichtmess-Umzug - Kritik an Vorgehen der Polizei

Der Kreis Schmalkalden-Meiningen weist bundesweit aktuell den höchsten Corona-Inzidenzwert auf. Dennoch haben dutzende Narren im Dorf Jüchsen illegal einen Lichtmess-Karnevalsumzug gefeiert. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort, griff aber offenbar erst zum Schluss ein, als schon alles vorbei war.

In Jüchsen im Kreis Schmalkalden-Meiningen haben rund 90 Menschen einen illegalen Lichtmess-Umzug gefeiert. Sie liefen am Sonntagnachmittag kostümiert oder in Alltagskleidung durch den Ort, auch Fahrzeuge und Pferde waren zu sehen. Nach Angaben des Landratsamtes wurde der Umzug durch die Polizei aufgelöst. Es seien sieben Strafanzeigen wegen Beleidigung, Verletzung der Vertraulichkeit des Worts und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte gestellt worden.

Teilnehmer des illegalen Lichtmess-Umzugs in Jüchsen am 31. Januar 2021.
Teilnehmer des illegalen Lichtmess-Umzugs in Jüchsen am 31. Januar 2021. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Internet veröffentlichte Bilder zeigen unter anderem, wie Polizeibeamte eine Person zu Boden gebracht haben und ihr Handschellen anlegen. Die Polizei war mit zahlreichen Beamten und Einsatzfahrzeugen vor Ort.

Kritik an der Taktik der Polizei

Personen, die das Geschehen offenbar verfolgt haben, kritisierten am Montag die Polizeitaktik. In zwei Mails an MDR THÜRINGEN heißt es übereinstimmend, die Polizei sei schon Stunden vor dem Umzug vor Ort gewesen und habe beim Umzug selbst nicht eingegriffen. Erst zum Ende seien die Beamten in voller Stärke aufmarschiert und seien gegen das Häuflein vorgegangen, das noch nicht nach Hause gegangen war.

Ortsteilbürgermeisterin Beate Heßler bezeichnet den Polizeieinsatz als unverhältnismäßig. Hätten die Beamten die Teilnehmer gewähren lassen, wäre die Sache nach drei Minuten vorbei gewesen. Durch das große Polizeigroßaufgebot werde die Sache viel zu sehr aufgebauscht. Heßler schränkte ein, sie könne nicht einschätzen, ob die Teilnehmer des Lichtmess-Umzuges Masken trugen oder die Abstände gewahrt hätten.

Einsatzkräfte forderten Verstärkung an

Eine Polizeisprecherin wandte ein, die Beamten seien von einem Anrufer gegen 14:45 Uhr am Sonntag über den bevorstehenden Umzug informiert worden. Kurz nach 15 Uhr seien erste Einsatzfahrzeuge in Jüchsen gewesen. Die Beamten hätten angesichts der Zahl der Teilnehmer Verstärkung gerufen. Erst als diese zusätzlichen Beamten eingetroffen seien, sei die Polizei eingeschritten.

Polizei prüft weitere Straftaten in Jüchsen

Zudem verweist die Polizei auf die möglichen Konsequenzen. Wie eine Polizeisprecherin mitteilte, kann durch einen nicht genehmigten Karnevalumzug der Tatbestand der Nötigung erfüllt sein.

Sobald andere Verkehrsteilnehmer durch den Umzug gezwungen würden, ihr übliches Verhalten gegen ihren Willen anzupassen, müssten die Umzugsteilnehmer mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren rechnen. Eine Gefährdung des Straßenverkehrs könne bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe nach sich ziehen. Polizei und Mitarbeiter im Meininger Landratsamt sichten sichergestelltes Videomaterial und prüfen weitere Straftaten.

Landrätin warnt potenzielle Nachahmer

Schmalkalden-Meiningens Landrätin Peggy Greiser (pl) bezeichnete das Verhalten der Teilnehmer als absolut verantwortungslos und nicht zu tolerieren. Es habe sich um eine organisierte, illegale Veranstaltung gehandelt. Mindestabstände seien nicht eingehalten und keine Mund-Nasen-Bedeckungen getragen worden.

Das werden wir uns nicht bieten lassen. In den Krankenhäusern kämpfen Ärzte und Pfleger um unzählige Menschenleben, daheim bangen viele um ihre wirtschaftliche Existenz und hier wird munter Karneval gefeiert. Da fehlt es offenbar komplett an Realitätssinn und Rücksichtnahme.

Peggy Greier, Landrätin Schmalkalden-Meiningen Pressemitteilung vom 31.01.2021

Greiser warnte potenzielle Nachahmer in der Karnevalszeit in anderen Orten. Der Lichtmess-Umzug gehört zur Karnevalstradition in Jüchsen, das zur Gemeinde Grabfeld gehört. Die jährlich Anfang Februar veranstaltete Lichtmess in dem Ort gilt als bekannte karnevalistische Veranstaltung. Mit Mariä Lichtmess ging früher für Katholiken am 2. Februar die Weihnachtszeit zu Ende. Wegen der Corona-Pandemie hatte der Jüchsener Karneval Club den Umzug in diesem Jahr jedoch abgesagt.

Verband: Organisierten Karneval in schlechtes Licht gerückt

Der Landesverband Thüringer Karnevalsvereine distanzierte sich von dem illegalen Faschingsumzug. "In den aktuell so schwierigen Corona-Zeiten ist dies einfach verantwortungslos und rückt den organisierten Karneval in ein völlig falsches Licht", heißt es auf der Verbands-Homepage. Präsident Michael Danz verwies darauf, dass die Vereine eine Vielzahl von Online-Veranstaltungen auf die Beine gestellt hätten. Mit denen solle der "Schmerz der Karnevalisten" ein wenig gelindert werden. Im Landesverband Thüringer Karnevalsvereine sind insgesamt 334 Mitgliedsvereine organisiert.

Mit 471 Neuinfektionen binnen sieben Tagen gerechnet auf 100.000 Einwohner wies der Landkreis Schmalkalden-Meiningen am Sonntag den höchsten Corona-Inzidenzwertwert bundesweit auf. Am Montag sank die Inzidenz im Landkreis aufgrund der aktuellen Infektionszahlen auf 342.

Quelle: MDR THÜRINGEN/seg

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 01. Februar 2021 | 06:00 Uhr

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