Landkreis Sonneberg Die ganze Welt in klein: Ein Besuch in Lauscha zum Tag der Vielfalt

Zum Tag der Vielfalt erzählt der homosexuelle Glaskünstler John Zinner von seinem Leben im 3300-Seelen-Ort Lauscha im Landkreis Sonneberg. Er berichtet von persönlicher Akzeptanz und Ablehnung sowie von der allgemeinen Weltoffenheit seiner Heimatstadt im Thüringer Wald.

Ein Mann und eine Frau schauen in die Kamera
John Zinner mit seiner Tochter Lisa. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

"Ich hab nie das gemacht, was ich machen sollte", sagt John Zinner und meint damit seine Arbeit. Doch im Grunde steht der Satz für sein ganzes Leben. Denn John Zinner hat sich niemals an Konventionen gehalten. Nicht, weil er nicht wollte. Sondern weil er nicht konnte.

Erfolgreicher Künstler im Traditionsgewerbe

1968 im kleinen Ort Lauscha im Thüringer Wald geboren, hinein in die Tradition der Glasbläser und Glasformer, ist er heute einer der gefragtesten Glaskünstler. Seine roten Teufel sind berühmt. Werke von ihm stehen im größten Glasmuseum der USA, im Corning Museum of Glass in Corning, New York. Aber besonders macht ihn noch etwas anderes: sein offen gelebtes Schwulsein in diesem 3300-Seelen-Ort, wo ihn jeder kennt und - das ist keine Übertreibung - so ziemlich jeder mag. "Ich kann hier im Kleid herumlaufen, es würde niemanden stören", sagt John.

Eine Glasfigur
John Zinners jüngste Arbeit - ein Corona-Harlekin - ist bereits an einen Leipziger Sammler verkauft. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Weltoffene Umgebung

Dass das heute so ist, hat viel mit diesem Städtchen zu tun, mit seiner Weltoffenheit, mit den Generationen von Glaskünstlern. Viele von ihnen sind in die Welt gezogen und viele kamen wieder zurück, voll mit Erlebnissen, Erfahrungen und vielleicht einer anderen Sicht auf die Dinge. Vor allem aber hat es mit John selbst zu tun. Mit seinem Charisma, seiner Offenheit, seinem Humor, seiner Lebensfreude und mit seiner Verbunden- und Verwobenheit mit Lauscha.

Vater: "Wenn du so bist, schlag ich dich tot!"

Wir sitzen in seiner kleinen Wohnstube, ein Feuer brennt im Kaminofen. Es ist kalt an diesem Maiwochenende. Eine andere Kälte spürt man, wenn John erzählt, wie er sich gefühlt hat als Teenager, wie das damals war, in den frühen 1980er-Jahren in der DDR. Welche Angst er hatte, sich zu outen, weil sein Vater immer, wenn im Fernsehen das Thema Schwulsein auftauchte, zu ihm sagte: "Wenn du so bist, schlag ich dich tot!".

Überwiegend positive Reaktionen

"Mit 14 wusste ich, dass definitiv was nicht in Ordnung ist", sagt John. Aber er dachte, "das geht wieder weg". Und so hatte er Freundinnen, ohnehin war er immer mit den Mädchen unterwegs, "bis heute", sagt er. Doch "das" ging nicht weg. Wenn er mit einem Mädchen zusammen war, war das wie Freundschaft. Verliebt war er in seinen besten Freund Ronald, "zehn Jahre lang, ohne dass ich es ihm mitteilen konnte." Die Verliebtheit ging so weit, dass er einen Fluchtversuch in den Westen kurz vor der Grenze von sich aus abbrach. Weil er den Gedanken, seinen Freund nie wieder zu sehen, nicht ertragen konnte. "Als ich es ihm dann endlich gesagt habe, meinte er nur, das hätte er schon immer gewusst", erzählt John und lacht. Die Reaktion seines Freundes ist bezeichnend, tatsächlich reagierten die meisten hier im Ort positiv.

Hochzeit und Geburt einer Tochter

Doch das kann John sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen. Die erste Person, der er sich anvertraute, war Sylvia, seine beste Freundin und spätere Frau. "Irgendwann hab ich zu ihr gesagt, dass ich schwul bin." Für ihn waren das die schwersten Worte, nicht wegen Sylvia, sondern "weil ich es mir selber dann wirklich zugestanden habe". Sylvia zuckte nur mit den Schultern - "na und"? Sie sind dann zusammengezogen und haben geheiratet, da war John 20: "A, weil wir die Feier wollten und B, weil wir uns sehr gemocht haben, es war nicht die absolute Liebe, aber wir hatten eine total schöne Zeit." Außerdem wollte John gern ein Kind. 1990 wurde seine Tochter Lisa geboren. Auch ihretwegen hat er Lauscha nie verlassen.

"Es gibt doch Schlimmeres im Leben"

Aber vor alldem kam es zum großen Streit mit seinen Eltern: Just sein Vater erwischte ihn in flagranti. "Die Tränen flossen, meine Frau hat versucht zu schlichten". Die Situation eskalierte, böse Worte fielen, so böse, dass er ein Jahr lang nicht mehr mit seiner Mutter geredet hat. Die Akzeptanz bei den Eltern hat sich erst viel später eingestellt. Durch andere, die mit seiner Mutter gesprochen haben, die sagten: "Alle mögen deinen Sohn. Es gibt doch viel, viel Schlimmeres im Leben."

Lauscha Stadtansicht
Lauscha im Landkreis Sonneberg. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Katrin Fischer

Outing als Lauffeuer

Fast alle Freunde und Bekannten, und im Grunde kennt hier jeder jeden, haben positiv auf sein Outing reagiert. Zuerst seine engen Freunde. "Es gab keinen, der abgesprungen ist. Öffentlich geoutet hat mich mein Erzeuger [nicht sein sozialer Vater] beim Fasching. Er sagte, er hätte noch einen Sohn im Oberland [Stadtteil von Lauscha, in dem John wohnte], obwohl er sich nicht sicher ist, ob der nicht vielleicht eher eine Tochter sei". Er habe klargestellt, dass er über den Dingen stehe. "Es ist mir egal, solange du deine Arbeit machst, ist alles gut", habe er gesagt. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. "So ist Lauscha. Die ganze Welt in klein, alles da", sagt John.

Andere outen sich ebenfalls

Und plötzlich war er nicht mehr der einzige Homosexuelle im Ort: "Die Mehrheit hat nie schlecht über mich geredet, dadurch haben sich die anderen auch getraut, sich zu outen. Es wurden immer mehr". Allmählich entstand eine richtige Community. Inzwischen hatte John einen festen Freund, mit dem zusammen er in Lauscha wohnte.

Alles ist möglich in Lauscha

Zwei Männer schauen in die Kamera
John Zinner (rechts) mit seinem Freund Axel Schneider. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Während er erzählt, zündet John sich eine Zigarette an, im Ofen flackert das Feuer und sein Freund Axel - John und er sind seit zwei Jahren ein Paar - macht Kaffee. Axel kommt aus Leipzig und wirft plötzlich kopfschüttelnd ein: "Lauscha ist ein Ereignis für einen Großstädter wie mich. Es ist alles möglich hier". Der 53-jährige meint das unmissverständlich positiv.

Verwandlungskünstler im Faschingsverein

John Zinner ist gut integriert in seinem Heimatstädtchen, er war beliebter Elternsprecher, ist heute beliebter Großvater - die Kindergartenkinder rufen nach ihm, wenn er seine Enkel Hannes und Greta abholt - und der Faschingsverein ist ohne ihn nicht zu denken. In diesem Jahr feiert er sein 25-jähriges Jubiläum im Verein. Seine spektakulären Faschingskostüme, jedes Jahr sehnsüchtig erwartet, sind berühmt. Man kennt ihn als New Yorker Freiheitsstatue, als Schneekönigin, als Cher, als Boy George. "Ich war in den 25 Jahren nur ein einziges Mal als Mann verkleidet: als Michael Jackson", erzählt er und dann zeigt er die Aufnahme, wie er auf einem Büttenabend zu "Billie Jean" tanzt und es ist, als wäre Michael Jackson wieder auferstanden.

Schwul-lesbisch-bunter Männertag in Lauscha

Jemand sagte mal zu ihm: "Wenn du nicht gewesen wärst, weißt du überhaupt, was du in diesem Ort für die Toleranz getan hast?" Ja, eigentlich weiß er das. Nicht ohne Grund hat er vor 30 Jahren den schwul-lesbisch-bunten Männertag eingeführt, der jedes Jahr am Himmelfahrtstag in Lauscha stattfindet. Hier sollten Leute sich treffen können, egal welcher Orientierung. Jeder ist willkommen. Die Tour ist immer die gleiche: Man läuft durch Lauscha und den Wald; am Ende gibt es eine große Feier, es wird gegrillt und getanzt. Oberstes Gesetz: "No violence", keine Gewalt. "Angefangen haben wir mit acht Mann, irgendwann waren wir 130 Leute mitsamt einem lesbischen Reisebus aus Schweden", erzählt John. Die Gäste kamen aus Coburg, Erfurt, Leipzig, Nürnberg, aus der Schweiz oder Kopenhagen. Und aus Lauscha natürlich.

Gutes Verhältnis zu Tochter Lisa

Lisa, seine Tochter, war immer mit dabei. Heute erzählt sie stolz, wie das so ist mit ihrem Vater. "Er geht offen durch die Straßen, kennt jeden, er geht auf die Leute zu, er nimmt ihnen die Hemmung, vor allem der älteren Generation." Oft werde sie angesprochen auf ihren Vater, die Menschen sagen ihr dann, wie nett er sei, wie freundlich er immer grüße und dass sie nie etwas Schlechtes über ihn gehört hätten. Lisas braune Augen leuchten wie die ihres Vaters, der lächelnd danebensitzt, während sie erzählt - und wie gut sie sich verstehen, sieht man ihnen an.

Ansprechpartner für junge Homosexuelle

Mit Ronald ist John heute noch befreundet. Dessen Sohn und Johns Tochter sind im gleichen Alter. Irgendwann kam Ronalds Sohn auf ihn zu und sagte: "Es sind nur drei Worte, aber das sind die schwersten. Ich bin schwul." John konnte ihm helfen, er konnte ihm Ratschläge geben, er konnte ihm sagen, "welche Fehler, die ich begangen habe, er vermeiden sollte". John ist der Vertraute für Ronalds Sohn, den er selbst in seiner Jugend so gebraucht hätte. Und so schließt sich der Kreis. Einmal haben ihm befreundete Homosexuelle vorgeschlagen, einen Christopher-Street-Day in Lauscha zu veranstalten. Doch John winkte nur ab. "Gegen was wollt ihr denn in Lauscha demonstrieren? Es gibt hier nichts, was es nicht gibt", sagte er nur.  

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP | MDR JUMP Feierabendshow | 26. Mai 2020 | 14:10 Uhr

2 Kommentare

Atheist vor 21 Wochen

Nun ja, was soll uns der Bericht sagen?
Fakt ist, dass bis zur Wende es in der DDR, im Gegensatz zur BRD, kein Straftatbestand war Schul zu sein, es wurde in der ddr nicht gerne gesehen aber in den Knast wie im Westen musste keiner.
Aber mal wieder ein Negativ Bericht über die DDR.

Toralf S vor 21 Wochen

Super Beitrag und authentisch geschrieben 👍.

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