Nachgefragt in Südthüringen "Sauerei ohne Ende": Was Bürger über die Wahl-Krise denken

Die politische Krise nach der Wahl des Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich (FDP) erregt die Gemüter in Thüringen. Wir haben uns im Süden des Freistaats umgehört, wie die Menschen vor Ort die Geschehnisse in Erfurt beurteilen. Von einem katastrophalen Possenspiel und Politikverdrossenheit ist die Rede, aber auch von Verständnis für Kemmerich (FDP) und Begeisterung für Bodo Ramelow (Linke).

von Carmen Fiedler

Birgit Keller gratuliert Thomas Kemmerich
Birgit Keller vereidigte Thomas Kemmerich, wenige Tage später trat er als Thüringer Ministerpräsident zurück. Bildrechte: dpa

André Götze ist ein freundlicher Mann. Als Inhaber der gut besuchten Gaststätte "Waldstüble" in Ernstthal, einem 950-Seelen-Ort in Südthüringen, ist er in seiner ruhigen Art beliebt. Aber die aktuelle politische Lage in Thüringen schafft es, ihn wütend zu machen. "Ich finde es eine Sauerei ohne Ende. Das, was passiert ist, hätte sich jeder ausrechnen können. Der Ramelow ist genauso schuld wie die anderen." Er meint die Wahl Anfang Februar, als Thomas Kemmerich (FDP) mit den Stimmen der AfD zum Thüringer Ministerpräsidenten gewählt wurde und kurze Zeit später seinen Rücktritt erklärte. "Man hätte es kommen sehen müssen. Die meiste Schuld gebe ich der FDP. Warum haben sie überhaupt einen eigenen Kandidaten aufgestellt? Die wussten genau, was da passiert", sagt Götze. Aber auch dass die CDU-Fraktion fast geschlossen für den FDP-Mann stimmte, findet der CDU-Wähler nicht richtig. "Ich hätte es nicht gemacht", meint er kopfschüttelnd.

André Götze aus Ernstthal
Wirt André Götze aus Ernstthal berichtet von Politikverdrossenheit der Bürger. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Stammtisch: Thüringer Provinz bleibt auf der Strecke

Als Wirt bekommt er oft zu hören, was die Menschen vor Ort umtreibt. "Die Leute sind politikverdrossen ohne Ende. Sie fühlen sich übergangen, nicht für ernst genommen. Deswegen werden die Parteien der Mitte große Probleme kriegen."

Das Gefühl, dass die Provinz auf der Strecke bleibt, teilen hier viele. Auch die Männer am Stammtisch im "Waldstüble". Einer von ihnen ist Bernd Schiele. Der Rentner schimpft: "Zuerst kommt Erfurt dran, dann zwei bis drei Städte ringsum, dann erst der Rest." Auch er ist wütend. Auf Kemmerich, aber am meisten auf die AfD und ihren Schachzug, dem eigenen Kandidaten im dritten Wahlgang keine einzige Stimme mehr zu geben. Schiele hat die Linke gewählt, doch jetzt sagt er: "Ich bin das letzte Mal wählen gegangen. Den Zirkus kann keiner mehr mitmachen."

Michaela Krause aus Lauscha
Michaela Krause fand die Kandidatur Thomas Kemmerichs richtig. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Zustimmung zu Kemmerich-Kandidatur

Etwas anders sieht das Michaela Krause am Nebentisch. Die Steuerberaterin ist FDP-Wählerin und findet es falsch, dass Kemmerich zurückgetreten ist. "Ich finde es gut, dass sich einer aus der Mitte zur Wahl gestellt hat. Und ich bin der Meinung, es gab eine demokratische Wahl" - obwohl Kemmerich mit den Stimmen der AfD gewählt wurde. Die AfD sitze wie die Linke demokratisch gewählt im Landtag. Michaela Krause sagt aber auch: "Die AfD in Thüringen vertritt keine demokratischen Ziele, darüber muss man sich im Klaren sein. Der Höcke muss weg." Und: "Wenn die CDU und die FDP eine vernünftige Politik machen würden, bräuchten wir keine AfD."

Ein paar Kilometer weiter, den Berg hinauf, liegt Neuhaus am Rennweg, einst höchstgelegene Kreisstadt der DDR. Hier sitzt Anett Lämmchen, Geschäftsführerin eines Autohauses und Vorsitzende des Gewerbevereins, für die FDP im Stadtrat. Was am Wahltag passiert ist, hat sie so entsetzt, dass sie beinahe aus ihrer Partei ausgetreten wäre: "Unter der Bedingung, dass wir nur mit den Stimmen der AfD gewählt werden, ist für mich an dieser Stelle Pumpe. Ich habe das erst gar nicht geglaubt. Ich dachte, da kann etwas nicht stimmen".

Anett Lämmchen aus Neuhaus
"Ich habe das erst nicht geglaubt." Anett Lämmchen ist FDP-Stadträtin. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Von Bodo Ramelow als Mensch begeistert

Doch dann reichte Kemmerich, der in ihren Augen nur ein Bauernopfer ist, seinen Rücktritt ein. Anett Lämmchen findet das richtig. Ohnehin möchte sie, die sich selbst zur bürgerlichen Mitte zählt, dass Bodo Ramelow auch zukünftig Ministerpräsident wird. "Ich habe ihn persönlich kennengelernt und bin von ihm als Mensch begeistert. Er hat in Thüringen seine Sache gut gemacht. Er hat uns bewiesen, dass es geht." Dass es geht, ein Mitglied der Linke als Ministerpräsidenten zu haben. Am Ende tut ihr nur eines besonders leid: "dass wir Thüringer jetzt wieder diejenigen sind, die als braunes Volk dargestellt werden. Ich finde diesen Trend zur AfD ganz erschreckend."

"Alles für Deutschland ist erstmal gut"

Etwas anders sieht das Jens Müller, auch wenn er sich klar von Rechts abgrenzt: "Die AfD wäre gar nicht so übel, wenn sie keine Nazis hätten. Wir bräuchten eine echte Alternative." Der Neuhäuser Schlosser nennt das, was zur Ministerpräsidentenwahl im Landtag gelaufen ist, ein "Possenspiel" und "katastrophal". "Den eigenen Kandidaten so zu verheizen, ihn vorne hinzustellen wie eine Marionette", Jens Müller schüttelt mit dem Kopf. Von der Politik ist er enttäuscht.

Thomas Bätz aus Neuhaus am Rennweg
Thomas Bätz: "In meinen Augen sind das alles Lügner." Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Genau wie sein Kollege Thomas Bätz. "Im Prinzip ist mir das egal, wer gewählt wird. In meinen Augen sind das alles Lügner. Aber dass Ramelow weg ist, das ist erstmal gut", sagt er. Warum? Weil er nicht glaube, dass es die Politiker in Erfurt wirklich interessiert, "was die kleinen Leute umtreibt". Eigentlich gebe es keine Partei, die er wählen würde, meint der CNC-Facharbeiter: "Wenn überhaupt, würde ich sagen, die AfD. Viel anderes bleibt ja nicht. Alles für Deutschland ist erstmal gut."

Gefühl des Abgehängtseins

André Götze, der Wirt, kennt diese Einstellung, sagt aber: "Die wenigsten AfD-Wähler sind Nazis." Dann ergänzt er: "Dass wir gegen Rechts sind, ist klar." Doch das Gefühl des Abgehängtseins wiegt schwer. Und das Wahldebakel in der Landeshauptstadt hat das Gefühl, dass etwas schiefläuft in der Politik, nur noch verstärkt. Zur Landtagswahl im Oktober haben zwei Drittel der Wahlberechtigten im Landkreis Sonneberg gewählt. Wie viele zur Wahl kommen, wenn es Neuwahlen gibt, weiß niemand. Viele werden es jedenfalls nicht sein, befürchtet André Götze, und wendet sich wieder seinen Gästen zu.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 14. Februar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2020, 20:26 Uhr

76 Kommentare

7gebirge vor 5 Wochen

Und schon wieder dieser unsägliche Vergleich und damit der Beweis für die vielfältigen Defizite (andere Ausdrücke verbietet die Netiquette) der allermeisten AfD-Jünger.

7gebirge vor 5 Wochen

Bei Höcke, seinen Parteigängern und einem eher größeren Teil seiner Wähler in Thüringen ist man beim Begriff Faschisten wohl nahe an der Wahrheit. Aber Dummköpfe täte es auch schon (macht es im Effekt leider auch nicht viel besser).

7gebirge vor 5 Wochen

Na wenigstens sind Sie ehrlich darin zuzugeben, dass die AfD eine monothematische Partei ist. Sie fängt alles ein, was es an rassistischen Ressentiments schon immer und seit 2015 verstärkt in der Bevölkerung gibt. Das reicht aber nicht ganz, um damit die breite Palette der Politikfelder, die es in einer westlich-europäischen Gesellschaft gibt, regierungstauglich abzudecken. Alleine deswegen ist diese Partei unwählbar für gründlich nachdenkende Zeitgenossen.

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