Marktplatz in Suhl
Suhl hält einen traurigen Rekord: Die Stadt ist die älteste Thüringens. Bildrechte: dpa

Demografischer Wandel Deutschland altert - und die Suhler sind am ältesten

Deutschland altert unterschiedlich. Das geht aus einer Studie hervor, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln vorgelegt hat. Das IW hat die Einwohnerentwicklung in den gut 400 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland untersucht. Ergebnis: Vor allem in den ostdeutschen Bundesländern ist der Altersdurchschnitt besonders hoch. Und auch der Rückgang der Einwohnerzahlen besonders stark. Den absoluten Spitzenwert kann dabei die Stadt Suhl für sich verzeichnen.

von Wolfgang Hentschel

Marktplatz in Suhl
Suhl hält einen traurigen Rekord: Die Stadt ist die älteste Thüringens. Bildrechte: dpa

Die Suhler sind am ältesten. Im Durchschnitt. Aus der vom Institut der deutschen Wirtschaft erstellten Studie geht hervor, dass in der südthüringer Stadt das Durchschnittsalter der Einwohner bei 50,3 Jahren liegt. Das ist rund sechs Jahre über dem Bundesdurchschnitt. Suhl ist damit die Region mit den ältesten Einwohnern in Deutschland. Außerdem ist Suhl die bundesweit am schnellsten schrumpfende Region. Von 1995 bis 2017 hat die Stadt mehr als ein Drittel ihrer Einwohner verloren, ihre Zahl ist von 54.000 auf 35.000 gesunken.

Nach Angaben des IW teilt Suhl mit dieser Entwicklung das Los vieler ländlicher Regionen in Deutschland, die kontinuierlich altern und schrumpfen. Die größeren Städte profitieren dagegen vom Zuzug junger Menschen. Frankfurt am Main zum Beispiel hat von 1995 bis 2017 fast 100.000 Einwohner hinzugewonnen, der Altersdurchschnitt sank um ein Jahr auf 40,6 Jahre. Dieser Trend ist zum Teil auch in den größeren Städten Thüringens zu beobachten.

Einwohnerzahl schrumpft auch in Ostthüringen

In Jena zum Beispiel stieg die Zahl der Einwohner von 1995 bis 2017 um 10.000 auf 111.000. Weimar und Erfurt gewannen ebenfalls jeweils 2.000 neue Einwohner hinzu. Allerdings: trotz der Gewinne durch Zuzüge stieg auch in diesen Städten das Durchschnittsalter der Einwohner auf 42,2 Jahre (Jena) beziehungsweise 44 Jahre (Erfurt und Weimar). Zudem hielten sich in einigen Regionen Thüringens die Folgen des demografischen Wandels zumindest in Grenzen. Dazu zählt die Stadt Eisenach, in der die Zahl der Einwohner im untersuchten Zeitraum sich nur um 2.000 auf 43.000 verringerte. Relativ wenige Einwohner verloren auch die Kreise Weimarer Land (-7,8 Prozent), Gotha (-8,2) und Saale-Holzland (-9,8).

Dagegen musste vor allem die Region Ostthüringen - ähnlich wie Suhl - dramatische Verluste hinnehmen. Die Einwohnerzahl in Gera sank von 124.000 auf 95.000, das Durchschnittsalter der Einwohner stieg um ein Fünftel auf knapp 49 Jahre. Ähnlich war die Entwicklung in den Landkreisen Altenburger Land (Einwohnerzahl -24,8 Prozent, Durchschnittsalter +19,7 Prozent), Greiz (-22,7 Prozent, +20,6 Prozent) und Saalfeld-Rudolstadt (-23,1 Prozent, +20,3 Prozent).

Zukunft für Suhl gesichert?

Im bundesweiten Vergleich liegen die zehn Regionen mit dem höchsten Altersdurchschnitt alle in den ostdeutschen Bundesländern. Das ist nach Angaben des IW vor allem für die Zukunft ein Problem. Zum einen, weil die Fachkräfte für die Wirtschaft fehlen. Zum anderen steigen die Pro-Kopf-Kosten für die Daseinsvorsorge, weil weniger Menschen Abwassergebühren zahlen oder mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren.

Ein Rentnerpaar sitzt auf einer Bank und sonnt sich.
Ein Rentnerpaar sitzt auf einer Bank. Bildrechte: dpa

In Thüringen werden die Folgen des demografischen Wandels unterschiedlich bewertet. Ein Sprecher der Stadt Suhl sagte, man sehe sich nicht als Renterstadt. Im Stadtgebiet seien auch viele Kinder zu sehen. Die Einwohnerentwicklung werde nicht als Problem empfunden. "Außerdem haben wir mit der Eingemeindung von Gehlberg und Schmiedefeld Anfang dieses Jahres Einwohner dazugewonnen. Wir haben jetzt 36.000 Einwohner," so der Sprecher.

Das Thüringer Infrastrukturministerium erklärte die Bevölkerungsverluste mit den Ereignissen in den Jahren nach 1990. Damals seien viele Thüringer abgewandert. "Die Wanderungsverluste von vor allem jungen Frauen konnten bis heute nicht ausgeglichen werden. Von 1988 hat sich die Anzahl der Geborenen von rund 35.000 bis 1994 auf etwa 12.700 reduziert. Die ausgebliebenen Geburten fehlen heute als potenzielle Elterngeneration." Das Ministerium verwies zudem darauf, dass es einen deutschlandweiten Trend gibt, wonach prosperierende Metropolregionen schrumpfenden, ländlichen Regioenn gegenüberstehen. Dieser Trend sei auch in Thüringen festzustellen: die so genannte Städtekette an der A4 nehme eine deutlich stabilere Entwicklung als abgelegene Regionen in Nord-, Süd- und Ostthüringen. "Es wäre also falsch, von einem Thüringer Phänomen zu sprechen und es trifft zunehmend weniger zu, von einem ostdeutschen Phänomen zu sprechen", so das Ministerium.

Industrie ist nach der Wende weggebrochen

Dass vor allem Ostthüringen und Suhl von den Umbruchsprozessen in der Nachwendezeit besonders stark getroffen wurden, hat nach Angaben des Infrastrukturministeriums verschiedene Gründe. Ein Grund ist der Verlust bedeutender Industrien (Textilindustrie, Bergbau/Wismut). Daneben verloren Gera und Suhl die Funktion eines Verwaltungszentrums als Bezirksstadt. Diese Verluste an Arbeitsplätzen führten zur überproportionalen Abwanderung. Laut Ministerium konnten dagegen die Einwohner in West- und Südthüringen als Tagespendler in Bayern, Hessen oder und Niedersachsen arbeiten und am Wohnort in Thüringen bleiben.

Die Landesregierung hält nach Angaben des Infrastrukturministeriums an dem Ziel fest, in allen Landesteilen gleichwertige Lebensverhältnisse zu gewährleisten. Im Rahmen eines Landesentwicklungsplanes wurden die Region Kyffhäuser in Nordthüringen, das Altenburger Land in Ostthüringen und der Bereich um Neuhaus am Rennweg im Thüringer Wald als so genannte Räume mit besonderen Entwicklungsaufgaben identifiziert. In diesen Regionen will die Landesregierung besondere entwicklungspolitische Impulse setzen, um die Lebensverhältnisse anzugleichen beziehungsweise deren Auseinanderdriften zu verhindern. Dafür wurden auch Fördermittel bereitgestellt. Und: laut Ministerium braucht Thüringen auch Zuwanderung, weil mit dem steigenden Durchschnittsalter der Bevölkerung ein erheblicher Rückgang an Fachkräften einhergeht.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 04. März 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. März 2019, 16:45 Uhr

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7 Kommentare

07.03.2019 11:01 Markus Ermert 7

"Suhl ist damit die Region mit den ältesten Einwohnern in Deutschland."

Das unklare Wort "Region" führt leicht in die Irre. Suhl ist unter den untersuchten 401 Landkreisen und kreisfreien Städten diejenige Einheit mit den ältesten Einwohnern. Sie ist nicht die älteste Stadt und auch nicht die älteste Region, wenn man diesen Begriff als "größere Stadt plus ihr Umland" definiert.

Siehe [Fremdlink zu Artikel auf inseudthueringen entfernt.]

06.03.2019 17:34 Waffenstädter 6

Geburtenärmste Stadt,Abwanderungsreichste Stadt, Älteste Stadt, Drogenhochburg! Suhl ist geschmückt mit negativ Schlagzeilen, naja außer natürlich,der politische Aschermittwoch am Dienstag, das Adventsfest der 100000 Lichter und eine künstlich angelegte internationale Volleyballmannschaft. Die blühenden Landschaften um Suhl herum, an dem unsere Lebensqualität zur besten in Thüringen gemessen wird, gab es auch schon vor der Wende. Teure zu DDR Zeiten errichtete Bauten wurden durch moderne billig Bauten ersetzt, so entstand in Suhl ein Mischmach zwischen modern und alt! Suhl gehört zu den großen Verlierern der Deutschen Wiedervereinigung.

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