Rüstung C.G. Haenel: Verschwiegener Gewehr-Produzent mit arabischem Eigentümer

Porträt Autor Dirk Reinhardt
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Das war ein Paukenschlag: Der Südthüringer Waffenhersteller C.G. Haenel hat dem bisherigen Haus- und Hoflieferanten der Bundeswehr, Heckler & Koch, den Auftrag für die Neuaustattung der Truppe mit Sturmgewehren weggeschnappt. Oder, um präzise zu sein: Die Ausschreibung mit einem laut Bundeswehr besseren und wirtschaftlicheren Modell gewonnen. Dass Haenel zu einem staatlichen Rüstungskonzern aus dem Mittleren Osten gehört, wirft zumindest bei den Linken Fragen auf.

Zwei halbautomatische Gewehre des Modells CR308 des Suhler Waffenherstellers C. G. Haenel, ausgestellt auf der Messe Enforcetac 2019 in Nürnberg.
Gewehre am Stand von C.G. Haenel auf der Messe EnforceTac 2019 in Nürnberg Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

"Da wir uns in einem laufenden Verfahren befinden, bitten wir Sie, sich für weitere Informationen an die Pressestelle des Bundesverteidigungsministeriums zu wenden." Mehr als solche knappen Sätze sind für Journalisten in diesen Tagen vom Suhler Waffenproduzenten C.G. Haenel kaum zu bekommen. Zwar sind Diskretion und Verschwiegenheit im Geschäft mit Waffen und Rüstungsgütern üblich. Doch bei dem kleinen Unternehmen in der Schützenstraße 26 in Suhl pflegt man diese Tugenden derzeit besonders.

Auftrag noch nicht in trockenen Tüchern

Haenel hat einen der größeren Rüstungsaufträge der Bundeswehr der jüngeren Zeit an Land gezogen: Für rund 250 Millionen soll die Thüringer Firma in den kommenden Jahren die Bundeswehr mit neuen Sturmgewehren ausstatten. Es geht um 120.000 Gewehre und Zubehör. Noch ist der Auftrag nicht in trockenen Tüchern, denn der unterlegene Bieter und bisherige Haus- und Hoflieferant Heckler & Koch aus Baden-Württemberg hat nach Bekanntgabe des Zuschlags für den Konkurrenten Haenel schon mal vorsorglich mit juristischer Prüfung der Entscheidung des Ministeriums gedroht.

Seit dem 14. September ist die Suhler Waffenmanufaktur bundesweit in aller Munde. Es gibt viele Fragen: Kann das Unternehmen diese große Zahl an Gewehren überhaupt an seinem Standort produzieren? Welche Rolle spielt der Eigentümer aus den Vereinigten Arabischen Emiraten? Wird die Bundeswehr künftig ihr Standardgewehr aus einem islamischen Staat am Persischen Golf beziehen?

Haenel-Gewehre bei deutschen Spezialkräften im Einsatz

Fragen, die auch MDR THÜRINGEN an Haenel gerichtet und darauf nur sehr spärliche Antworten erhalten hat. Immerhin, einiges lässt sich auch aus anderen Quellen über das Unternehmen zusammentragen. Waffen hat Haenel nach Recherchen von MDR THÜRINGEN in den vergangenen Jahren an die Bundeswehr und verschiedene Landespolizeien und deren Spezialeinsatzkommandos geliefert. Die Scharfschützen der Spezialkräfte von Heer (KSK) und Marine (KSM) benutzen seit einigen Jahren Waffen von Haenel. Und das halbautomatische Gewehr CR223 wird unter anderem von der Polizei in Hamburg und Sachsen verwendet. Auch Beamte des  Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Thüringer Polizei wurden bei einem Einsatz vor einigen Wochen im Unstrut-Hainich-Kreis mit dem Haenel-Modell gesichtet.

Spezialeinsatzkommando der Polizei Thüringen im Einsatz in Kleinkeula im Unstrut-Hainich-Kreis. Der Beamte links trägt eine Waffe vom Typ CR 223 der Suhler Firma C.G. Haenel, die als zivile Variante des künftigen Sturmgewehrs der Bundeswehr angeboten wird.
Spezialeinsatzkommando der Polizei Thüringen im Einsatz in Kleinkeula im Unstrut-Hainich-Kreis. Der Beamte links trägt eine Waffe vom Typ CR 223 der Suhler Firma C.G. Haenel, die als zivile Variante des künftigen Sturmgewehrs der Bundeswehr angeboten wird. Bildrechte: MDR/Silvio Dietzel

C.G. Haenel verweist auf eine lange Unternehmensgeschichte, die im Jahr 1840 begann, als der königlich-preußische Gewehrfabrik-Kommissar Carl Gottlieb Haenel das Unternehmen in Suhl gründete und mit der industriellen Fertigung von Gewehren begann. Auf seiner Website verweist das Unternehmen unter anderem darauf, das vollautomatische Sturmgewehr erfunden zu haben. Das seinerzeit entwickelte Sturmgewehr 44 wurde von der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg eingesetzt, sein Konzept ist bis heute laut Eigenwerbung der Firma "das Muster für die Standardbewaffnung des Soldaten" in jeder Armee der Welt.

Haenel-Muttergesellschaft gehört arabischem Rüstungskonzern

Die nun beim Sturmgewehr-Auftrag der Bundeswehr erfolgreiche C.G. Haenel GmbH ist allerdings eine Neugründung aus dem Jahr 2008. Mit - laut Geschäftsbericht für das Jahr 2018 - neun Mitarbeitern und rund acht Millionen Euro Jahresumsatz ist das Unternehmen nur eine kleine Firma. Immerhin erreichte sie die in der Ausschreibung der Bundeswehr geforderte Mindestgröße von fünf Millionen Euro Jahresumsatz. Haenel ist eine Tochterfirma der Merkel Jagd- und Sportwaffen GmbH, die an gleicher Adresse im Gewerbegebiet zwischen Suhl und Schleusingen residiert. Diese dürfte mit ihren rund 130 Mitarbeitern der eigentliche Produzent der Waffen für die Bundeswehr sein.

Eigentümerin von Merkel ist die Caracal International LLC mit Sitz in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das Unternehmen produziert Schusswaffen wie Pistolen, Maschinenpistolen, Sturmgewehre und Gewehre für Scharfschützen. Die Caracal gehört wiederum der EDGE Group - einem Rüstungskonzern ebenfalls mit Sitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Ende 2019 durch den Zusammenschluss mehrerer Rüstungsfirmen aus dem Golfstaat gebildet wurde. Das Unternehmen ist in Staatsbesitz.

Dass die Suhler Waffenfirma C.G. Haenel letztlich also dem staatlichen Rüstungskonzern eines islamischen Golfstaates gehört, hat in der öffentlichen Debatte über den Sturmgewehr-Auftrag der Bundeswehr einige Fragen aufgeworfen - unter anderem die, ob die Bundeswehr nun von einem autokratischen Staat aus dem Mittleren Osten ausgestattet werde und ob dann die Millionen aus Berlin letztlich in Abu Dhabi landen werden. Für das Verteidigungsministerium ist es unerheblich, wo die Waffen produziert werden. Man habe in der Ausschreibung technische Parameter und Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Waffe definiert, sagte eine Ministeriumssprecherin MDR THÜRINGEN. Der Ort der Produktion sei nicht vorgeschrieben worden.

"Da muss man Fragezeichen machen"

Der Linke-Bundestagsabgeordnete Matthias Höhn aus Sachsen-Anhalt sieht die Verbindung zwischen Suhl und Abu Dhabi kritisch: "Große Kritik an der Politik der Vereinigten Arabischen Emirate ist fällig und ob sie nun die Bundeswehr ausstatten sollen - da muss man Fragezeichen machen", sagte er dem MDR. Der Südthüringer CDU-Bundestagsabgeordnete Mark Hauptmann ist sich hingegen sicher, dass sich der arabische Eigentümer von C.G. Haenel auf seine Rolle als Finanzinvestor beschränkt. "Da ich die Firma Haenel seit vielen Jahre kenne, weiß ich, dass der Investor aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sich in keinster Weise in die Management-Entscheidungen vor Ort einmischt", sagte er dem MDR.

In der Schützenstraße 26 will man sich dazu derzeit nicht äußern. Jean Freyeisen, Marketingchef der Mutterfirma Merkel, antwortete auf eine schriftliche Anfrage von MDR THÜRINGEN lediglich: "Die notwendigen Informationen werden zu gegebener Zeit mitgeteilt."

Quelle: MDR THÜRINGEN/dr

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 15. September 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Simone vor 5 Wochen

Na ja die lange Firmengeschichte ist wohl ein wenig herbeifabuliert wenn man bedenkt, welche Verwerfungen und Zeiten der produktiven Nichtaktivität es in den letzten Jahrzehnten gab.

Schaut man sich das Firmenprofil an, dann entdeckt man auch schnell, dass CG Haenel doch eher eine kleine Nummer im Geschäft ist was die Mitarbeiteranzahl angeht. Die Traditionslinie die man gerne aufbaut liegt wohl auch eher im Bereich Jagdwaffen und nicht bei Kriegswaffen.

Bei dem Sturmgewehr kann man vermutlich nicht viel falsch machen, basiert es doch auf bekannten, alten und teils problembehafteten Entwürfen. Ein großer Wurf und ein technologischer Schritt nach vorne ist mit dieser Waffe für die Bundeswehr wohl kaum verbunden. Es wird aber schießen wie jedes andere Sturmgewehr und Caracal wird für den Entwurf und die Produktion schon grade stehen.

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