Thüringen Tausende Überstunden in Corona-Krisenstäben und Gesundheitsämtern angehäuft

Seit März haben sie rund um die Uhr gearbeitet, ohne freie Wochenenden, oft bis spät in die Nacht hinein. Bei den Mitarbeitern der Corona-Krisenstäbe und der Gesundheitsämter haben sich die Überstunden auf ein nie gekanntes Maß angesammelt. Nun wird nach Lösungen gesucht, wie damit umgegangen werden soll.

Wegweiser Gesundheitsamt
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An diesem Wochenende hat Isabelle Oberbeck frei. Die Weimarer Amtsärztin muss weit im Kalender zurückblättern, um das letzte freie Wochenende zu finden. "Die Überstundenanzahl ist enorm. Seit Februar sind bei mir rund 500 zusammengekommen."

Noch klingeln die Telefone der Corona-Hotline im Minutentakt. Aktuell gibt es viele Anfragen zu privaten Feiern - oder die Leute melden sich an zu Corona-Tests. Von einstmals 30 Mitarbeitern arbeiten noch täglich acht bis zehn an der Hotline der Stadt Weimar. Noch bis Ende Juli soll das so bleiben.

"So sind wir jederzeit in der Lage schnell zu reagieren", sagt der Leiter des Personalamtes, Christian Adolph, und rechnet vor: "In der Weimarer Stadtverwaltung sind seit Februar insgesamt 45.000 Arbeitsstunden rein für die Bewältigung der Corona-Krise geleistet worden, davon waren 6.000 Überstunden und Mehrarbeitszeitstunden. Hinzu kamen noch einmal 4.000 Stunden Rufbereitschaft."

Überstunden können 2020 nicht komplett abgebaut werden

Betroffen sind 50 Mitarbeiter. Ein riesiger Berg, der unmöglich bis zum Jahresende abgebaut werden kann. Das wissen alle. Deshalb wird in den Kommunen nach Lösungen gesucht. Denn was nicht passieren darf, ist, dass am 31. Dezember alle nicht abgebummelten Überstunden gekappt werden.

Das Signal kommt auch vom Kommunalen Arbeitgeberverband. Geschäftsführerin Sylvana Donath sagt: "Die Beschäftigten der Kommunen haben in den letzten Monaten Enormes geleistet und die Überstunden dürfen ihnen am Ende nicht gestrichen werden". Die Kommunen würden das sicher individuell und mit ihren Personalräten gemeinsam handhaben.

Wie viele Überstunden mit ins neue Jahr nehmen?

Normalerweise, so schreibt es der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes vor, dürfen nur 20 Überstunden mit ins neue Jahr genommen werden. "Da liegt nun mal die Kappungsgrenze", sagt Detlef Heuke von der Gewerkschaft Verdi. Aber sicher könne über Stundungen oder ähnliches nachgedacht werden.

Heuke befürchtet, dass das Problem am Jahresende massiv werden könnte. "Noch haben sich die Kommunen mit dem Thema gar nicht so intensiv beschäftigt, nicht alles was geleistet wurde, waren ja Überstunden. So gibt es viele Gleitzeitvereinbarungen und die Arbeit ist zum Teil nur verlagert worden."

Überstunden sind gravierendes Problem

Tarifverträge seien nicht nur für Schönwetter-Perioden gedacht, sie müssten sich auch in Krisenzeiten bewähren, sagt Heuke. Die meisten Gleitzeitmodelle und Arbeitszeitkonten würden schon einiges abdecken und ein übergroßes Ansammeln von Überstunden vermeiden. Ein Instrument sei die Ampel. Die zeige bei 20 Überstunden grün, bei 60 springt sie auf gelb und ab 80 Stunden ist Alarmstufe rot angesagt. Corona hat all das gesprengt.

Die Rechnung, die die Landratsämter und Rathäuser aufmachen, zeigt jedoch, wie gravierend das Problem jetzt schon ist. "Eine hohe Arbeitsbelastung im Gesundheitsamt ist weiterhin gegeben", heißt es aus dem Landratsamt Greiz. Das Krisenmanagementteam trifft sich weiter täglich. Seit Jahresbeginn sind im Greizer Gesundheitsamt 1.619 Stunden über die Regelarbeit hinaus angefallen, plus 817 Stunden bei den Mitarbeitern des Krisenstabes.

Abbummeln wird schwierig

Sonneberg schätzt die Zahl der Überstunden auf bis zu 5.000. Der Landkreis Gotha und die Stadt Erfurt haben noch nicht zusammengerechnet, sprechen aber von erhöhtem Arbeitspensum. "Die üblichen Korridore, was die ansammelbaren Minus- und Plusstunden betrifft, wurden im Einvernehmen mit dem Personalrat erheblich ausgeweitet", teilt das Landratsamt Gotha.

Abbummeln wird schwierig. War die Personaldecke vielerorts schon vor Corona zu kurz, hat sich das Problem noch verschärft. "Wir hatten eine völlig andere Dimension des Arbeitsaufkommens und der Arbeitszeit", sagt Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD). Er gehe davon aus, dass die Überstunden zum Teil bezahlt oder doch mit ins neue Jahr genommen werden können.

Weimar: In Ruhe nach einer Lösung suchen

Eine Lösung, die auch der Thüringer Beamtenbund favorisiert. "Gemeinsamt mit den Personalräten wird ein Weg gefunden, dass die Stunden keineswegs gekappt werden. Sie sind ja geleistet worden. Und die Verwaltung hat bewiesen, wie effektiv sie arbeitet", sagt Philipp Hein vom Thüringer Beamtenbund. "Die Bereitschaft der Leute vor Ort darf jetzt nicht mit Füßen getreten werden, indem es am Jahresende heißt, eine Vielzahl der Überstunden erkennen wir nicht an oder streichen sie gleich."

Die Stadt Weimar hat ihre Antwort bereits gefunden. "Wir haben dieses Jahr bereits die Festlegung getroffen, dass es dieses Jahr keine Kappung der Über- oder Mehrarbeitsstunden geben wird. Das heißt, die Kollegen können alle Stunden mit ins neue Jahr nehmen. So haben wir Zeit, mit dem Personalrat und der Stadtspitze zu gucken, wie wir damit umgehen werden."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 19. Juni 2020 | 19:00 Uhr

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