Der Redakteur | 17.01.2020 Was ist "grünes" CO2-neutrales Benzin?

Uwe Rost aus Arnstadt möchte wissen, was es mit dem CO2-neutralem Benzin auf sich hat, zu dem die TU Freiberg und der Anlagenbau Chemnitz forscht. Wird dieses "grüne" Benzin vom Bund gefördert?

Blick auf einen Zapfhahn mit Bio-Kraftstoff E10.
Könnte hier bald auch "grünes" Benzin verkauft werden? Bildrechte: imago/Gerhard Leber

Es klingt so wunderbar. Benzin, Diesel und Kerosin aus ökologischem "Anbau" und nicht aus Erdöl und schon fahren und fliegen wir CO2-neutral und umweltfreundlich. Allerdings kommt der Kraftstoff nicht etwa vom Feld, sondern aus dem Schrank, wenn Sie ihn denn zum Sperrmüll vor die Tür stellen.

Synthetisches Benzin aus Holzabfällen

Die TU Freiberg,  der Chemieanlagenbau Chemnitz und weitere Partner aus der Automobil- und Mineralölindustrie gehen schon geraume Zeit ganz neue Wege. Nun hat die Benzinsyntheseanlage in Freiberg die ersten 16.000 Liter des sogenannten "grünen Benzins" produziert. Für Freunde des Chemiebaukastens: Nehmen Sie Holzabfälle wie Rinden, alte Möbel und Spanplatten und machen Sie daraus über den kleinen Zwischenschritt Methanol ganz einfach synthetisches Benzin. Das kann dann über das gleiche Tankstellennetz vertrieben werden wie das bisherige Benzin. Und keine Angst, Sie machen bei Ihrem Motor nichts kaputt.

Biosprit Sprit Benzin Biodiesel 15 min
Bildrechte: Colourbox

CO2-neutrales, "grünes" Benzin ist möglich. Prof. Dr. Bernd Meyer von der TU Freiberg erklärt uns im Interview wie es funktioniert.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 17.01.2020 10:10Uhr 15:13 min

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Der Kraftstoff hat eine höhere Qualität als der, den Sie heute an der Tankstelle zapfen, weil er synthetisch zusammengesetzt ist.

Prof. Dr. Bernd Meyer, TU Freiberg

Bis hierhin also, bis zu der nun arbeitenden Benzinsyntheseanlage in Freiberg, haben sich auch Bund und das Land Sachsen finanziell beteiligt, es sind Fördermittel geflossen, die das alles erst möglich gemacht haben. Damit ist die Frage beantwortet, Applaus den Beteiligten und der Vorhang fällt. Leider ist es genau das, was auch dieser deutschen Entwicklung droht. Dass nämlich an diesem Punkt der Vorhang fällt.

Forschen ja, produzieren nein?

Wir erinnern uns an Sisyphos und seinen Stein und den Berg. 80 Prozent des Weges haben wir mit Hilfe unserer Steuergelder schon geschafft. Wie klug ist es also, jetzt zufrieden die Hände in den Schoß zu legen?

Uns geht in der öffentlichen Förderung  die Puste aus und der letzte Schritt wird vergessen, weil der Fördergeber sagt, wir haben jetzt eine erste Testanlage hingestellt und meint, damit das Ziel erreicht zu haben.

Prof. Dr. Bernd Meyer, TU Freiberg
Ein alter Kassettenrekorder mit Kompaktkassetten
Die Kassette: In Deutschland erforscht, in Japan produziert. Bildrechte: imago/Michael Eichhammer

Ist es aber nicht. Wir sind auf dem Stand, wo sich die Japaner bei uns die Musikkassette abgeholt haben. Wir haben nur mal wieder allen gezeigt, dass es geht und uns dann verzettelt. Mit unseren Forschungsergebnissen bauen aber dann eben möglicherweise andere im großen Maßstab die Fabriken, schaffen Arbeitsplätze und verdienen dann auch das Geld. Und zwar auch an uns, weil wir dann vielleicht die Produkte wieder einkaufen.

Laut Prof. Meyers Ziel wäre es jetzt nötig, eine Demonstrationsfabrik zu bauen, mit einer Jahreskapazität von einigen tausend Tonnen an Kraftstoffen jährlich, sodass erste Tankstellen versorgt werden können. Denn Kraftstoffproduktion ist ein Massenbetrieb, es muss gezeigt werden, wie große Mengen des Kraftstoffs produziert werden können.

Holz ist in der Produktion von Benzin dreimal so teuer

Beim Erdöl wird in Russland ein Loch gebohrt und eine Leitung nach Leuna verlegt. Dann kommen die Ausgangsstoffe kontinuierlich. Mit der Leitung zum Sägewerk im Thüringer Wald oder zur Möbelsammelstelle des städtischen Werkhofes wird es schon schwieriger. Soll heißen: Die Ausgangsstoffe müssen zuverlässig "fließen". Einhundert, vielleicht auch zweihundert Millionen Euro ebenso, damit wäre eine solche Anlage finanziert. Aber mit solchen Summen ins Risiko zu gehen, dazu ist die Wirtschaft nicht bereit und die Politik leider auch nicht, so Dr. Meyer.

gestapeltes Holz
Problematisch am "grünen" Benzin ist auch die kontinuierliche Rohstofflieferung: Woher soll all das Holz kommen? Bildrechte: PantherMedia / Theresia Karanitsch

Und dann bleibt noch die Kostenfrage in der Produktion. Bei einem Euro je Liter - so die Schätzung von Prof. Meyer – wäre das Faktor 3 im Vergleich zu konventionellem Kraftstoff. Das bedeutet mit Blick auf die Anzeige in der Tanksäule, das ist machbar. Der Staat hätte es hier in der Hand, mit Steuern steuernd einzugreifen. Mit Hilfe von unterschiedlichen Energie- und Mehrwertsteuersätzen könnte man dafür sorgen, dass herkömmliche Kraftstoffe deutlich teurer wären als die grünen.

Wenn die Politik dieses als ein wichtiges Thema sieht – es gibt kaum Alternativen für die Erzeugung grünen Kraftstoffes – dann könnten wir im Jahr 2025 mit dieser Demonstrationsfabrik starten und 2030 können die ersten Großraffinerien ihre Arbeit aufnehmen.

Prof. Dr. Bernd Meyer, TU Freiberg

Ist der Staat eigentlich der richtige Risikokapitalgeber?

Wie gesagt, 200 Millionen Euro fehlen, der Überschuss beim Bund 2019 lag bei 13,5 Milliarden und keiner weiß so recht, was wir mit dem Geld sinnvolles anstellen sollen. Professor Meyer hätte da so eine Idee…

Auf einer Computertastatur liegt das Wort Start-up.
"Irgendwas mit Internet!" - Leider schaffen es nur wenige Start-Ups langfristig erfolgreich zu bleiben. Nur eine von zehn Ideen setzt sich durch. Bildrechte: imago images / Steinach

Und trotzdem dürfen wir nicht den Fehler machen, jetzt auf Staat und Politik einzudreschen. Wir haben Marktwirtschaft und zum Glück sehr viele Ideen, die Geld benötigen. Vieles davon bleibt eine nette Idee und das meiste geht auch schief. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Durch Startup-Kreise geistert stets die Quote von 1:10, das heißt: Einmal bei zehn Versuchen geht es gut. Es heißt nicht umsonst "Risikokapital". Das bedeutet aber auch: Wenn wir zehnmal nach dem Staat rufen, würde am Ende neunmal allenfalls das Schwarzbuch des Steuerzahlerbundes gefüllt, aber nicht die Staatskasse und wir hätten eine Dauerdiskussion über die "sinnlose Verschwendung" unserer Steuergelder. Nun könnte man natürlich salopp sagen, dann fördern wir eben nur die eine erfolgreiche Idee, doch dafür müsste erstmal die richtige Glaskugel erfunden werden.

Diese Entscheidung kann der Staat nur sehr schwer treffen. Ich glaube schon, dass wir versuchen müssen, die Struktur dafür zu entwickeln, dass sich eben ein privater Finanzierungsmarkt entwickelt kann. Das wäre der richtige Weg statt so eine Art Staatskapitalismus zu fördern.

Prof. Reint E. Gropp Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

Der Markt muss es regeln

In Deutschland gibt es diese Infrastruktur für Risikokapitalgeber einfach nicht. Denn bevor jemand hunderte Millionen in klinische Studien für neuentwickelte Medikamente steckt – ein solches Beispiel nannte Prof. Gropp vom IWH – dann analysiert er mit Hilfe von Experten Chancen und Märkte. Es bräuchte also zum Beispiel Leute, die sich auskennen mit dem Börsengang ganz speziell in diesem Marktsegment. Und eine solche Infrastruktur baut sich nicht so leicht auf in einem Land wie Deutschland. Wir sind einfach zu klein dafür. Wie soll sich denn auch ein "erfahrener Experte" zu einem solchen entwickeln, wenn er nur alle paar Jahre mal angefragt wird?

Es braucht aber leider eben diese erfahrenen Analysten, die im Zuge eines Börsengangs solche Risiko-Aktien fachlich bewerten können. Das ist nicht so leicht bei innovativen Produkten das hat auch ein psychologisches Moment. Wir bräuchten zum Beispiel zunächst ein paar Erfolgsgeschichten in einer Branche um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Das ist die Henne-Ei-Geschichte. Und das Geld ist nicht einmal das größte Problem. Stellen Sie sich vor, die bekommen zig Millionen für die Umsetzung Ihrer tollsten Idee. Wie bitte erobern Sie damit jetzt die Welt?

Wenn man Eigenkapital gibt als Risikokapitalgeber, dann gibt man nicht nur das Geld, sondern auch die Erfahrung, die Expertise und das Marktverständnis für dieses Produkt. Das gibt man eben auch den jungen Unternehmern weiter und das ist mindesten genauso wichtig wie das Geld!

Prof. Reint E. Gropp Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

Wo sitzt das Investitionsgeld bei uns?

Ausdrücklich ausgenommen von solchen Risikokapitalgeschichten sind übrigens Kleinanleger wie unsereiner. Wir haben da eigentlich gar nichts verloren. Rocket Internet wäre hingegen so ein Beispiel für ein deutsches Unternehmen, dass sich beim Risikokapital einen Namen gemacht hat. Wir können also nun darauf hoffen, dass sich weitere solcher Firmen entwickeln. Oder wir überlegen, wie wir unseren großen "Geldeinsammlern" Möglichkeiten geben, im Risikokapitalbereich tätig zu werden.

Ein Logo leuchtet an einer Beratungsstelle der Deutschen Rentenversicherung.
Wie sicher wären unsere Renten, wenn der Staat das zurückgelegte Geld in möglicherweise profitable Ideen investieren würde? Bildrechte: dpa

Dazu gehören zum Beispiel unsere Versicherungen. Die versichern bekanntlich unsere verschiedenen Lebensrisiken und müssen dafür ihr/unser Geld möglichst risikoarm zusammenhalten. Unsere Rentenversicherung beispielsweise könnten wir zumindest in Teilen so verändern, dass auch eine kapitalgedeckte Säule möglich ist, dass Fonds entstehen, die genau solches Risikokapital bereitstellen und damit durchaus auch eine Rendite erwirtschaften könnten. Aber wie groß darf das Risiko sein – Stichwort 1:10? Es geht immerhin um nichts weniger, als um die Altersversorgung von Millionen Menschen. Wie sehr kann man deren Zukunft für Zukunftstechnologien "gefährden"? Da sind wir übrigens wieder bei den echten Experten, die eine gigantische Verantwortung haben bei den Entscheidungen, welches Unternehmen bzw. welche Idee wieviel Geld bekommt.  

Sind mehr Aktiengeschäfte der Versicherer eine Lösung?

Auch eine Veränderung der Regulierung unserer Versicherer jenseits der staatlichen Rentenversicherung ist ein Weg, den Prof. Gropp als sinnvoll erachtet. Damit hätten wir die größten Investoren in Deutschland im Boot, die dann mehr als bisher in Aktien investieren könnten.

Das können sie im Moment nicht, weil sie sich dieser Fluktuation, denen Aktien nun einmal unterliegen, nicht aussetzen können. Langfristig kann man mit Aktien viel Geld verdienen, Regulierer müssen aber jedes Jahr nachweisen, dass sie ihre Versicherung gedeckt haben. An solchen Dingen könnte man ansetzen, das würde der richtige Weg sein.

Prof. Reint E. Gropp Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

Aber dieser Weg ist eben nicht ohne Risiko. Wir sind immer noch beim Risikokapital. Nur - könnte das nicht eigentlich auch von denen kommen, deren Produkte letztlich mit dem grünen Benzin betrieben werden?! Eher nein, Prof. Gropp hat da nämlich weniger die Autohersteller im Blick und stattdessen eher die Mineralölkonzerne. Die hätten bereits die nötige Kompetenz bezüglich des Betreibens großer Anlagen für unsere Kraftstoffe.  Und das nötige "Kleingeld" von 200 Millionen Euro hätten sie ganz sicher auch.  

Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 17. Januar 2020 | 16:40 Uhr

1 Kommentar

part vor 23 Wochen

Synthetisches Benzin gibt es schon seit den 20 er Jahren, doch es zählt auch heute noch die Kosten- Nutzen- Rechnung. Wenn man aber bedenkt wieviel Kriege und Menschleben, Steuermittel und Umweltverschmutzung nötig war um das Erdölmonopol bestimmter Staaten verbunden mit einer Währungsdiktatur aufrecht zu erhalten und auszubauen, dann wird deutlich das der Preis für billige Kraftstoffe aus Erdöl viel zu hoch ist. Die Auslandseinsätze der Bundeswehr sind dabei auch ein Teil der Nebenkosten.