Meppens Torhüter Erik Domaschke vor Carsten Kammlott
Rot Weiß Erfurt im Spiel gegen SV Meppen. Bildrechte: imago/Picture Point

Absteiger des Jahres 2018 Ein katastrophales Jahr für den Thüringer Profi-Sport

Die schlimmsten Befürchtungen sind wahr geworden: Mit dem FC Rot-Weiß Erfurt, den Rockets, Schwarz-Weiß Erfurt, dem FF USV Jena und dem ThSV Eisenach sind in diesem Jahr so viele Thüringer Profi-Vereine abgestiegen wie noch nie zuvor. Was ist da los?

von Sascha Mönch

Meppens Torhüter Erik Domaschke vor Carsten Kammlott
Rot Weiß Erfurt im Spiel gegen SV Meppen. Bildrechte: imago/Picture Point

Neun und fünf. Zwei Zahlen, die in ihrer Nüchternheit wenig aussagen über die Dramen, die dahinter stehen. Aber die in größtmöglicher Knappheit das "annus horribilis", das Schreckensjahr, für den Thüringer Ballsport beschreiben:

Von neun Vereinen aus dem Freistaat, deren Sportler unter Profi-Bedingungen Bälle treten, dribbeln, werfen oder schmettern, sind fünf abgestiegen. Oder umgekehrt: Nur vier haben die Klasse halten können. Nicht mal die Hälfte. Für mindestens drei der Absteiger bedeutet das zugleich den (vorläufigen) Abschied vom Profi-Sport; stattdessen muss nun ein Neuanfang im Amateurlager erfolgen. Thüringen droht auf Bundesebene vom respektierten Stammspieler zur Einwechselkraft degradiert zu werden. Eine verheerende Bilanz der Saison 2017/18.

Eine ganze Reihe von Ursachen

Große Enttäuschung bei den Spielerinnen des FF USV Jena nach dem feststehenden Abstieg
Große Enttäuschung bei den Spielerinnen des FF USV Jena nach dem feststehenden Abstieg. Bildrechte: imago/Christoph Worsch

Ursache dafür waren gravierende Fehleinschätzungen, falsch verstandene Loyalität, mangelnde Demut und gelegentlich auch blanke Naivität. Das beginnt schon bei den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Sicher sind die neuen Bundesländer und damit auch Thüringen selbst 28 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer ein schwieriges Pflaster in Sachen Sponsoring. Vieles geht über die öffentliche Hand. Privatunternehmen in Größenordnungen jenseits des Mittelstands haben zwar zahlreiche Zweigunternehmen im Freistaat, die Hauptquartiere und damit die Entscheider aber sitzen fast immer in den alten Bundesländern und damit weit weg vom Thüringer Sport. Umso wichtiger ist für diesen, seine Sponsoren in der Breite zu suchen.

Traurige Rockets bedanken sich nach Spielende bei den Fans.
Traurige Rockets bedanken sich nach Spielende bei den Fans. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was passiert, wenn das nicht geschieht, haben die Basketballer von den Rockets bei ihrem einjährigen Erstliga-Gastspiel erfahren müssen:

Mitten in der Saison stieg der Hauptsponsor aus, fast die Hälfte der geplanten Saisoneinnahmen brach damit weg. Ob es gelingt, diese Lücke so zu schließen, dass man nach dem Abstieg in der Zweiten Liga konkurrenzfähig bleibt, ist - Stand Montag - noch nicht endgültig geklärt.

In anderen Fällen war der Etat von vornherein zu knapp bemessen. Frauenfußball-Bundesligist FF USV Jena, Drittligist FC Rot-Weiß Erfurt, die Volleyballerinnen von Schwarz-Weiß Erfurt - sie alle traten mit dem jeweils kleinsten Budget der Liga an. Nun schießt Geld bekanntlich keine Tore; aber dass allein die exzellenten Studienbedingungen an der Uni Jena nicht reichen, um ausreichend erstklassige Spielerinnen an die Saale zu locken, hätte auch den Verantwortlichen beim USV aufgehen können.

Und dass ein Verein, der seit Jahren über seine Verhältnisse und zu großen Teilen vom Versprechen auf eine bessere Zukunft lebt, auf lange Sicht nicht überlebensfähig ist - wer hätte dies besser wissen können als Rolf Rombach, der Ex-Präsident des FC Rot-Weiß Erfurt? Der Mann ist schließlich Insolvenzverwalter.

Doch statt den Tatsachen in Form eines jährlich wachsenden Schuldenberges ins Gesicht zu sehen, beizeiten die Reißleine zu ziehen und den Verein auf eine neue, gesunde Basis zu stellen, ritt der Club volle Kraft voraus mit fliegenden Fahnen in den finanziellen und sportlichen Untergang.

Dass selbst eine auskömmliche finanzielle Basis aber nur die halbe Miete ist - das hat hingegen der ThSV Eisenach lernen müssen. Lange, viel zu lange hielten die Verantwortlichen fest am einmal beschlossenen sportlichen Konzept. Jugend voran, passend dazu ein junger Trainer aus dem eigenen Haus. Klingt gut - hat nur leider nicht funktioniert. Dazu eine Vereinsführung, die lieber interne Machtkämpfe ausfocht anstatt den sportlichen Niedergang zu stoppen - und darauf hoffte, dass das, was über die Hälfte der Saison nicht funktionierte, am Ende schon noch irgendwie klappen wird.

Falsche Entscheidungen oder einfach nur Pech?

Eine bemerkenswerte Parallelität übrigens zu den Basketball-Raketen. Die traten mit dem hehren Anspruch an, dem Rest der Liga mal zu zeigen, was so alles geht mit jungen deutschen Spielern. Sicher ein löblicher Ansatz, für den die Rockets in der Fachwelt auch durchaus Anerkennung fanden. Nur: Muss man das gleich in der ersten Saison im Oberhaus probieren? Wenn erst mal nichts weiter zählt als in dieser Liga zu überleben? Und muss man, wenn dieses Ziel ernsthaft in Gefahr gerät, weiter in Nibelungentreue zum Trainer halten, so wie Sportdirektor Wolfgang Heyder zu seinem Schützling Ivan Pavic? Zur Erinnerung: In der Vorsaison hatte Heyder Pavics Vorgänger Chris Ensminger nach nur drei Niederlagen in Folge geschasst, weil er die Saisonziele gefährdet sah.

Viel Verantwortung für die verbliebenen Teams

Bei einer so verheerenden Bilanz bleibt die Frage nach den Aussichten für die verbliebenen Thüringer Teams in den bundesdeutschen Profi-Ligen. Können sie das Fähnlein des Freistaats oben halten – und wenn ja, wie lange?

Die wenigsten Sorgen bereiten sicher die Handballerinnen des Thüringer HC. Gerade haben sie den siebten Meistertitel innerhalb von acht Jahren errungen; anders als in den Vorjahren ist das Bemühen um Weiterentwicklung erkennbar, symbolisiert durch den Ausbau der Salzahalle, der schon eine gefühlte Ewigkeit angestrebt, nun aber auch endlich angegangen wird.

Emily Grace Thater (Schwarz-Weiß Erfurt, 2), Erika Mercado Chavez (Schwarz-Weiߟ Erfurt, 7) beim erfolgreichen Block
Schwarz-Weiß Erfurt hier bei einem Spiel gegen den SC Potsdam. Bildrechte: Steffen Prößdorf

"Leuchtturm" Jena - auch sportlich

Auch die Erstliga-Basketballer aus Jena dürften weiter für positive Schlagzeilen sorgen. Dass Science City BBL kann, hat der Verein in den vergangenen beiden Jahren bewiesen. Der Etat wächst, zwar nicht ausufernd, dafür aber beständig von Saison zu Saison. Hinter vorgehaltener Hand wird jetzt schon mal von den Playoffs gesprochen - als mögliches Ziel für die nächsten Jahre. Und auch den Fußballern aus Jena ist zumindest sportlich eine solide Zukunft zuzutrauen.

Seine Drittligatauglichkeit hat der FC Carl Zeiss in der abgelaufenen Spielzeit nachgewiesen; und wer weiß - vielleicht sorgt er ja auch im DFB-Pokal mal wieder für Furore, so wie 2007/08, als der damalige Zweitligist bis ins Halbfinale stürmte. Zu wünschen wäre ihm das vor allem vor dem Hintergrund der finanziellen Schwierigkeiten, die auch den Traditionsclub von der Saale belasten; die Abhängigkeit von Investor Roland Duchatelêt wächst dort seit Jahren - und wie lange die Geduld des Belgiers noch reicht, ist einigermaßen ungewiss.

Für den Volleyball wird es schwierig

Sorgenkinder hingegen dürften auch weiter die beiden Volleyball-Clubs aus Erfurt und Suhl bleiben. Erfurt, rein sportlich ja sogar abgestiegen, bleibt nur deshalb erstklassig, weil die Liga aufgestockt wird und aus dem Unterhaus nicht genügend Vereine nachrücken wollen. Schon das zweite Mal, dass die Erfurterinnen trotz sportlichen Abstiegs die Klasse halten - ein langfristiges sportliches Konzept ist das freilich nicht.

Und auch der VfB 91 Suhl wandelt seit Jahren am Abgrund. Sportlich geht es ausschließlich um den Klassenerhalt - die Playoffs waren in dieser Saison zwar nur einen Platz, dafür aber 12 Punkte entfernt. Und wie es finanziell um den Verein bestellt ist, war vor einem Jahr deutlich zu sehen: Da wollte der VfB den ursprünglich gestellten Lizenzantrag zurückziehen. Weil man eben erkannte, dass es nicht reicht für die erste Liga. Zugleich ein Weckruf, der dafür sorgte, dass am Ende doch noch alle Voraussetzungen für die Erstklassigkeit erfüllt werden konnten.

Solche Weitsicht und den Mut, zur eigenen Schwäche zu stehen - man möchte sie den Thüringer Verlierern dieser Saison nur allzu sehr wünschen bei ihrem Neuanfang. Damit ein solches Schreckensjahr bitte nur alle Jubeljahre mal vorkommt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 28. Mai 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Mai 2018, 14:31 Uhr

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7 Kommentare

30.05.2018 17:50 Toni 7

Was die Rockets angeht wirklich böswillig geschrieben! Kein Wort über das über die Maßen große Verletzungspech in der Vorbereitung bis Mitte der Saison, gleichzeitig wird der Aufstiegstrainer infrage gestellt und unterschlagen, dass vorallem zum Ende der Saison die Mannschaft sehr wohl mitgespielt hat...
Der Erstaufsteiger hat den Klassenerhalt trotz des Verletzungspeches und trotz (oder wegen?) des tollen jungen Konzeptes nur sehr knapp verpasst.

30.05.2018 12:38 Zuschauer 6

Ein katastrophales Jahr für den Thüringer Profi-Sport? Nun, wenn man "Profi-Sport" ausschließlich in Verbindung mit einem Ball betrachtet, könnte man es so sehen.

Aber Überraschung: Es gibt viel mehr Sport, als Sportarten mit Ball. Und auch nicht nur Mannschaftssportarten. Gerüchten zufolge soll Thüringen auch Profi-Radsportler, Biathleten, Langläufer, Rodler, Bobfahrer, Leichtathleten usw. haben.

Aber die nicht wenigen Olympiamedaillen und Weltmeistertitel können den Autor dieses Artikels offenbar nicht weiter beeindrucken, war doch jeweils kein Ball "im Spiel".

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