Organisierte Kriminalität Mutmaßliche Mafia-Paten wegen Geldfälschung angeklagt

Es war eigentlich eine Routinekontrolle der italienischen Carabinieri bei Neapel. Die weiße Mercedes S-Klasse mit dem Nummernschild aus Erfurt hatte das Interesse der Polizisten geweckt. Diese Kontrolle im Februar 2014 lenkt wieder den Fokus auf ein armenischen Netzwerk, das schon wegen einer brutalen Schießerei in einem Erfurter Spielpalast vor zwei Jahren ins Visier der Fahnder rückte, die in Thüringen die Organisierte Kriminalität bekämpfen.

von Ludwig Kendzia und Axel Hemmerling

Die Carabinieri staunten nicht schlecht, als sie den Kofferraum der Luxuslimousine ganz genau untersuchten. Unter ein paar gefälschten Markentaschen fanden die Polizisten Geld. 2.491 50-Euro-Scheine. Alle mit derselben Nummer - Blüten. Die vier Insassen - der Erfurter Armenier Howan G. (Name geändert) mit seiner Bekannten und zwei Italiener - stritten ab, von dem Geld gewusst zu haben.

Bild einer Überwachungskamera.
Die brutale Schießerei im Spielpalast. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Drei Tage später wurden sie aus dem Gewahrsam in Italien entlassen. Das Bundeskriminalamt, das von den Ermittlungen in Italien informiert worden war, gab sein Wissen an die Thüringer Kollegen weiter. Keine vier Monate später wurden alle vier Verdächtigen vom Landgericht Neapel zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und einer Geldstrafe von 800 Euro verurteilt - in Abwesenheit. Der Armenier G. war längst wieder in Erfurt. Hier galt es andere Probleme zu klären: Ein alter Streit mit einem armenischen Clan aus Leipzig beziehungsweise Berlin spitzte sich zu. Er eskalierte schließlich Mitte Juli 2014 in einer Schießerei im Spielpalast des Armeniers. Zwei Männer wurden damals schwer verletzt.

Der Fund der italienischen Polizisten scheint aber auch zu beweisen, dass die deutschen Kriminalisten mit ihrem Verdacht recht haben könnten: Sie vermuten, dass sich innerhalb der armenischen Community kriminelle Gruppen gebildet haben. Die meisten von ihnen waren der Polizei in den vergangenen Jahren immer wieder aufgefallen. Auch als das Bundeskriminalamt sechs Jahre lang in Thüringen verdeckt ermittelte, tauchten armenische Verdächtige auf. Nur für handfeste Beweise reichte es nicht. Schon damals suchten die Fahnder nach Belegen für ihren Falschgeldverdacht.

Ein Falschgeldexperte untersucht einen 50-Euro-Schein.
Wäscht die armenische Mafia Falschgeld? Bildrechte: dpa

Jetzt wagte die Thüringer Schwerpunktstaatsanwaltschaft für die Organisierte Kriminalität in Gera einen neuen Anlauf. Sie erhebt Anklage gegen Howan G., einen seiner armenischen Freunde und einen Deutschen vor dem Landgericht Erfurt. Denn die Erkenntnisse aus dem fernen Neapel sind nicht die einzigen Hinweise und Indizien, die für einen organisierten Falschgeld-Handel des armenischen Clans sprechen.

Rückblick:

Mitten in der Nacht, Anfang Dezember 2013, bestellen zwei junge Männer am Autoschalter eines Fastfood-Restaurants im Erfurter Norden etwas zu essen. Für knapp fünf Euro. Sie bezahlen mit einem 50-Euro-Schein. Falschgeld. Die herbeigerufene Polizei stellt die Blüte sicher. Der Schein trägt dieselbe Seriennummer wie die in Neapel sichergestellten. Der junge Armenier Buran K. (Name geändert), der mit der Blüte bezahlen wollte, ist Geschäftspartner von Howan G..

Kurz nach Weihnachten 2013 versucht Daro Z. (Name geändert) wieder einmal sein Glück. In einer Spielothek im Erfurt will er Geld wechseln. Drei 50-Euro-Scheine reicht er den Abend lang über die Theke. Beim letzten wird die Angestellte stutzig. Falschgeld. Die Blüten tragen allesamt eine Seriennummer - die gleiche wie bei Buran K. und beim Fund der italienischen Polizei. Daro Z. ist ein enger Vertrauter von Howan G. und war auch bei der Schießerei dabei.

14 Männer in schwarzen Jacken posieren als Gruppe
Mutmaßliche Mitglieder der armenischen Mafia. Bildrechte: MDR

An einen Zufall wollen die Fahnder nicht glauben. Offenbar war Howan G. mehrfach in Italien. Entsprechende Telefonüberwachungen legen zumindest den Verdacht nahe. Das Falschgeld soll er über seine armenischen Netzwerke in Verkehr gebracht haben - vermuten die Fahnder. Ein umstrittener Kronzeuge will sogar einen Verkauf der Blüten an Größen des Rotlicht-Milieus beobachtet haben. Beweise gibt es dafür aber offenbar nicht. Doch auch dieser Vorgang findet sich in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Gera.

Howan G. hatte erst vor wenigen Tagen Besuch vom Landeskriminalamt. Ende Oktober durchsuchten Polizisten seine Wohnung, ein Restaurant und seinen Spielpalast in Erfurt. Sie waren auf der Suche nach Beweisen für eine Geiselnahme. Auch hier ist der 32-jährige Howan G. Hauptverdächtiger. Er soll einen Marokkaner nach verschiedenen Streitigkeiten misshandelt und in einem Auto Informationen erpresst haben. Dabei soll - so das Landeskriminalamt - auch eine Waffe im Spiel gewesen sein.

Bei der Durchsuchung tauchten plötzlich andere Armenier auf. Für die Fahnder ein deutliches Zeichen, das hier klare Strukturen existieren. Schon deshalb war die Polizei an jenem Morgen mit einem Spezialeinsatzkommando angerückt.

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2016, 13:07 Uhr

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4 Kommentare

09.11.2016 09:19 Kritiker 4

Wie hieß es doch so grossmundig bei Einführung des Euro? Der Euro ist ausgesprochen fälschungssicher ...

08.11.2016 20:52 Thüringer Original 3

Wie wird es eigentlich in Deutschland mit Armeniern gehandhabt? Armenien gehört nicht zur EU. Sicherlich brauchen Armenier ein Visum. Warum dürfen die sich in Deutschland dauerhaft aufhalten? Kann der MDR dazu was schreiben?

[Anmerkung der Redaktion: Die Armenier, um die es in diesem Beitrag geht, sind bereits in 1990er-Jahren als Kriegsflüchtlinge nach Deutschland gekommen. Sie haben den Status als anerkannter Flüchtling. Der könnte ihnen theoretisch auch aberkannt werden.]