Schutz vor Wölfen in Thüringen Kuschelige Riesen für die Schafe: Thüringen fördert Herdenschutzhunde

Das Thüringer Umweltministerium hat ein Projekt ins Leben gerufen, das Herdenschutzhunde fördert. Zunächst sollen diese Tiere Schafe und Ziegen schützen rund um Ohrdruf - eben dort, wo offiziell Thüringer Wolfsgebiet ist. Mit diesem Wissen verabrede ich mich mit Alf Schmidt. Er ist Schafhalter aus Ohrdruf. Seine Herde umfasst 900 Schafe und 100 Ziegen. Seit 2017 hat er knapp 200 Schafe an den Wolf verloren. Er ist der erste Thüringer Schäfer, der in den Genuss des Projekts kommt.

Mit einer grünen Latzhose und einem freundlichen Lächeln steht er vor mir. Er fordert mich auf, ihm hinterher zu fahren zu seiner Herde. Also folge ich seinem geländegängigen Pickup. Bei der Herde angekommen, sieht erstmal alles nach Schäferidylle aus. Die Sonne scheint, es ist schön warm, die Grillen zirpen. Es riecht nach Schaf und Ziege. Ich als Landei mag das. Mit Hunden groß geworden, schrecken mich weder die Hütehunde noch die großen Herdenschutzhunde, die mir mehr oder weniger schnell entgegenkommen.

Und dann entdecke ich einen Schäfer wie aus dem Bilderbuch - drahtig, mit Bart, weißem Hemd und Schäferhose und natürlich mit Hut. Es ist Johannes Rudorf. Er kommt aus Bayern. Ihm gehören die Herdenschutzhunde. Vier Mastin Espagnol hat er mit nach Thüringen gebracht - Face, Loco, Nora und Sancho. Sie sollen die Herde beschützen vorm Wolf.

Ein Herdenschutzhund läuft über eine Weide.
Einer der vier Herdenschutzhunde, die Johannes Rudorf mit nach Thüringen gebracht hat. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Schafe müssen ihre Beschützer erst akzeptieren

Doch erstmal haben sie eine ganz andere Aufgabe, sagt Johannes. Die Herde sei extrem traumatisiert aufgrund der vielen Wolfsangriffe im letzten Jahr. Ein Hund ist für sie erstmal auch ein Wolf, vor dem man Angst haben muss. Das macht es den Hunden extrem schwer, in die Herde zu kommen. Denn eigentlich gehören diese Herdenschutzhunde in die Herde hinein. Die Schafe müssen sie als ihresgleichen akzeptieren, erklärt er mir. Dann kuscheln Hunde mit Schafen und umgekehrt, es wird sich abgeleckt und sogar aufeinander geschlafen.

Aus der Herde heraus beschützen die Hunde dann ihre Schafe und Ziegen. Nähert sich ein Wolf, sagt Johannes, dann versuchen die Mastin Espagnol ihn zu verbellen. Sie stellen ihn. Bäumen sich auf, machen sich groß. Bei einer Körpermasse von bis zu 85 Kilogramm ein beeindruckendes Schauspiel. Verzieht sich der Wolf dann nicht, wird der Herdenschutzhund ihn angreifen. Dabei kann der Wolf tödlich verletzt werden. Auch ein tödlicher Biss ist möglich, so Johannes.

Ein Herdenschutzhund steht in einer Schafherde.
Schutz aus der Herde heraus: einer der Hunde inmitten seiner Schützlinge Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Seit 4.000 Jahren gezüchtet: Mastin Espagnol

Die Mastin Espagnol sind auf der Iberischen Halbinsel gezüchtet worden, erfahre ich. Seit 4.000 Jahren beschützen sie in Spanien und Portugal Tierherden, und zwar im freien Gelände - ohne Zäune. Das Verteidigen ihrer Herde gegen Wölfe und Bären liegt ihnen im Blut. In den Zuchtlinien ist dauerhafter Wolfskontakt genetisch hinterlegt.

All diese Fakten beeindrucken mich. Und ich bin fasziniert von den großen Wesen, die eine unglaubliche Ruhe ausstrahlen. Natürlich frage ich, ob ich sie streicheln darf. Nur zu, meint Johannes. Gegen Zweibeiner haben sie ja nichts. Also auf geht's. Ich suche mir gleich den größten Hund aus - Loco - dessen spanischer Name übrigens auf deutsch "verrückt" heißt. Verrückt bin vielleicht ich, denke ich kurz. Aber da hebt der 85-Kilo-Kerl schon seine riesige Pranke. Kenn ich. Er will kuscheln. Sehr gerne. Und es ist, als würde ich mit einem Riesenteddy schmusen. Sofort kommt auch Sancho und stupst mich sachte mit seiner Nase an. Natürlich - er will auch Schmuseeinheiten. Herrlich.

Wenn sie arbeiten, verstehen sie keinen Spaß

Und während ich so kuschele und gar nicht mehr weg will von den Hunden, erzählt mir Johannes, dass das ein total normales Verhalten ist. Die Tiere sind im Freizeitmodus. Dann sind sie verspielte und verschmuste Familienhunde. Wenn sie arbeiten, verstehen sie keinen Spaß, wenn es um den Wolf geht. Dann sind sie im Verteidigungs- und Beschützermodus. Johannes sagt, dass auch ein Hund - angeleint oder nicht - eine externe Störung darstellt für den Herdenschutzhund. Eigentlich sollte es normal sein, dass man sich Herden nicht nähert mit Hund. Er bittet Hundebesitzer auf ihrer Gassirunde von Herden Abstand zu halten, erst recht, wenn ein Herdenschutzhund integriert ist.

Inzwischen sind die Schafe von Alf Schmidt vom Tal auf den Hügel gezogen. Immer in der Herde dabei waren Face und Nora. Die Schafe und Ziegen dulden die Hunde neben der Herde und schon ein bisschen mittendrin. Sicherheitsabstand halten sie aber noch immer. Doch es wird jeden Tag besser, freut sich Alf Schmidt. Was sich im letzten Jahr und auch gerade im Winter in seiner Herde abgespielt hat, treibt ihm noch immer die Sorgenfalten aufs Gesicht. Die Schafe sind auf die Kollegen losgegangen vor Angst, erzählt er mir. Wenn jemand in den Stall rein ist, sind die Schafe in die Ecken gerannt und haben sich tot getreten, erinnert er sich. Es sei einfach eine absolute Überbelastung für die Kollegen gewesen. Gestandene Schäfer hätten im Stall geheult.

Eingewöhnung in die Herde braucht Zeit

Alf Schmidt ist froh, beim Herdenschutzhundeprojekt dabei sein zu können. Er setzt große Hoffnungen in die Mastin Espagnol. Dass diese Rasse vom Umweltministerium eigentlich gar nicht vorgesehen ist, sieht er kritisch. Denn irgendwie sucht sich ein Hund ja auch sein Herrchen aus. Und das sieht auch Johannes Rudorf so. Die Chemie zwischen Hund und Schäfer muss stimmen. Und die Eingewöhnung in eine Herde, besonders in eine traumatisierte wie hier bei Ohrdruf, braucht Zeit. Das sei auch die erste Erkenntnis des Projektes. Einfach die Hunde abgegeben, in die Herde stellen und dann wieder gehen - das funktioniere nicht.

Alf Schmidt erzählt, dass er schon Respekt hatte vor den Mastin Espagnol. Große Hunde seien nicht so sein Ding. Doch nach dem ersten Kuscheln habe sich das schnell gegeben. Als er eine Hundezunge auf seiner Glatze spürte, war für ihn klar - okay, wir mögen uns. Ein Lachen kann er sich nicht verkneifen. Und natürlich sei das Arbeiten mit einem Herdenschutzhund ein ganz anderes als mit seinen Hütehunden. Sie hören auf Kommando. Treiben die Herde an, halten sie zusammen, sind sein verlängerte Arm. Auch ein Mastin Espagnol hört auf Kommandos. Sitz, Platz, Komm - all das befolgt auch er. Doch wenn er um die Herde unterwegs ist, dann arbeitet er und zwar selbstständig. So wurde es ihm über Jahrtausende anerzogen. Wenn er also nicht hört auf ein "Komm", dann hat er eine Fährte aufgenommen, einen Wolf gewittert, Losung des Wolfes gefunden. Dann muss man ihn machen lassen, sagt Johannes. Er weiß, was er tut. Ist die Lage ruhig und er sieht keine Gefahr für seine Herde, wird der Mastin Espagnol zum Schäfer laufen.

Zwei Herdenschutzhunde.
Im "Freizeitmodus" Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Da die großen Hunde auch häufig nur so rumliegen in der Nähe der Herde, frage ich, ob die denn immer schlafen. "Sieht so aus, oder?", meint Johannes. Aber nein, sie haben ihre Nase immer im Wind und sie liegen oder eben stehen immer an einer erhöhten Stelle. Jetzt, wo er es sagt - stimmt. Und so ganz nebenbei erwähnt Johannes, dass die Hunde irgendwie in ihre Heimat zurückkommen. In Thüringen? Frage ich. Ja, sagt er, denn er hat seine ersten Hunde von einem Züchter aus Jena. Der wiederum hat seine Zucht mit echten Spaniern aufgebaut. Loco sei ein Sohn eines Thüringers, Sancho ein Enkel. Sie fühlen sich hoffentlich wohl hier, denke ich und schützen die Thüringer Schäfchen.

Im Zweierteam im Einsatz

24 Stunden sind die Tiere in der Herde. Immer in Zweierteams, denn sonst wird es zu anstrengend für Loco, Face, Nora und Sancho. Am Tag eine traumatisierte Herde beruhigen und nachts den Wolf vertreiben, das ist Stress für die Hunde. Ruhephasen sind wichtig. Erste Erfolge sind bereits sichtbar, erzählen mir die Schäfer, die nachts mit den Hunden draußen sind. Kamen die Wölfe vor zwei Wochen noch vier Mal in der Nacht an den Pferch, kommen sie, seitdem die Hunde da sind, nur noch ein bis zwei Mal pro Nacht. Die Lage entspanne sich. Zumindest bei ihnen. Doch nicht jeder Schäfer hat Herdenschutzhunde.

Die Ohrdrufer Wölfin war im letzten Jahr als Problemwölfin eingestuft worden, weil sie immer wieder über Herdenschutz-Zäune sprang und Schafe riss. Das tat sie, weil sie Hunger hatte und weil sie ihrem Nachwuchs das Jagen beibrachte. Eine Abschussgenehmigung wurde beantragt, genehmigt und dann vom Thüringer Oberverwaltungsgericht ausgesetzt. 180 Nutztiere riss die Wölfin mit ihren Hybridnachkommen im letzten Jahr. Im Sommer 2019 hat sich dann dauerhaft ein Wolf zur Ohrdrufer Fähe gesellt. Das Ergebnis ist erstmals reinrassiger Wolfsnachwuchs. Thüringen hat sein erstes Wolfsrudel.

Aufnahme der Ohrdrufer Wölfin bei Ohrdruf im Sommer 2020
Aufnahme der Ohrdrufer Wölfin vom Juni 2020 Bildrechte: Bundesforst

Droht Klage, wenn der Hund einen Wolf tötet?

Jetzt setzt das Umweltministerium auf Herdenschutzhunde. Ich frage Alf Schmidt, ob ihm bewusst ist, dass er vielleicht verklagt wird, wenn einer seiner Hunde einen Wölf tötet. Er zuckt mit den Schultern. Aber dafür seien sie in der Konsequenz doch da. Und tatsächlich, ich frage nach beim NABU, sind Klagen nicht ausgeschlossen. Ein Experte der dortigen Arbeitsgruppe Wolf erklärt mir, tötet ein Herdenschutzhund einen Wolf, kann der Schäfer sich auf den Notstandsparagrafen 34 StGB berufen und wird seiner Meinung nach straffrei ausgehen. Auch Umweltschutzverbände tragen die Lösung Herdenschutzhund mit, sagt er.

Vier weitere Betriebe, erfahre ich vom Umweltministerium, wollen bereits beim Projekt Herdenschutzhunde mitmachen. Nach dem, was ich einen Tag lang bei Ohrdruf in einer Herde mit Herdenschutzhunden gesehen und gehört habe, bedarf es noch einigen Feinschliffs im Konzept "Projekt Herdenschutzhund" des Thüringer Umweltministeriums. Angelaufen ist es aber gut. Alf Schmidt, seine Schäfer und Hundehalter Johannes Rudorf sind froh, über die ersten Erfolge. Doch bis zum eigentlichen Ziel, die vier Mastin Espagnol in der Herde zu haben, ist es noch ein Stück des Weges, den aber alle gemeinsam gehen wollen.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 04. August 2020 | 19:00 Uhr

49 Kommentare

Ekkehard Kohfeld vor 16 Wochen

Ach übrigens ist die Art nicht ausgerottet sie verbreiten Blödsinn.
Der Wolf hat auf der ganzen Welt reichlich Lebensraum wo ihn niemand stört,lassen sie doch das lügen sein.😡😡😡

Nina Studie vor 16 Wochen

Das hier ist Thüringen und nicht Osteuropa, nicht Spanien und nicht Alaska.
schreibt Harka2
um anschließend die Angriffszahlen von Wölfen mit denen von Flußpferden zu vergleichen....

Wenn in Polen Menschen von tollwütigen Wölfen angegriffen werden, ist es auch für uns relevant. Tollwut ist nämlich noch vorhanden. Nun sollte man sich daran erinnern, das Wölfe aus dem Osten kommen. Wie lange dauert es, bis Tollwut Symptome zeigt und wie viele Kilometer kann ein infizierter Wolf noch zurück legen....

In den Aktionsplänen der Raubtierschützer, steht geschrieben, das man Menschen mit wenig Kontakt zur Natur, durch Fotos von Welpen, Radtouren usw. das Gefühle geben kann, das Wölfe ungefährlich sind und somit Bereitschaft zur Verbreitung erhalten kann. Bei manchen Kommentatoren, sieht man das es tatsächlich funktioniert. Viele glauben die Pappwölfe von NABU entsprechen der realen Größe.. Dabei sind sie kaum größer als Füchse und haben noch nicht mal sämtliche Merkmale vom Europäischen Wolf

Ekkehard Kohfeld vor 16 Wochen

"auch bevorzugt Esel eingesetzt"

Ich gehe mal davon aus das sie die Kosten für die Esel und deren Unterhaltung übernehmen,wer die Musik bestellt muß sie auch bezahlen.😬😬😬

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