BKA beobachtet armenische Mafia Erfurter Clans bundesweit vernetzt

Lange Zeit unbemerkt haben sich in Thüringen in den vergangenen Jahren Strukturen der organisierten Kriminalität etabliert. Eine zentrale Rolle spielt dabei eine armenische Mafia-Organisation, die in Erfurt agiert.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Es ist der 13. Juli 2014 - im Erfurter Industriegebiet "An der Lache" blinken Blaulichter. Im internen Polizeiablauf-Protokoll zu dem Einsatz ist vermerkt: "1:56 Uhr... Komplettes Gebäude ist umstellt." Mit "Gebäude" ist eine Spielhalle gemeint, Tatort einer blutigen Auseinandersetzung, die den aufgeschreckten Ermittlern eines klar macht: Es gibt in Erfurt eine armenische Mafiagruppe, und diese Männer sind zu allem bereit.

Abgesperrte Spielhalle in Erfurt nach einer Schießere
20 Patronen am Tatort: Bei der Schießerei gibt es mehrere Verletzte. Bildrechte: MDR/Dian Zwetkow

Die Spielhalle gehört Karen S., einem Armenier mit guten geschäftlichen Kontakten in ganz Deutschland. Nach Informationen von MDR THÜRINGEN hat er die Räume für ein Treffen zur Verfügung gestellt. An dem nehmen Mitglieder der örtlichen armenischen Mafiaclans und eine Gruppe von Armeniern aus Leipzig und Berlin teil. Diese wollen nach MDR-Recherchen auf den Erfurter Markt drängen - sie beanspruchen hier ein "Stück vom Kuchen."

Doch es kommt bei dem Treffen in der Spielhalle anders: Die Gang aus Leipzig und Berlin hat einen Tschetschenen mitgebracht, der in Szenekreisen als gewalttätig gilt. Zwischen ihm und einem jungen Erfurter Armenier kommt es offenbar zu einem handfesten Streit. Es fallen Schüsse. Ein Teil der Gangster kann fliehen. Der Tschetschene wird schwerst verletzt, ein weiterer Armenier erleidet einen Beinschuss. Laut Augenzeugen ist es ein Wunder, dass bei dem Feuergefecht am Ende keine Toten auf der Straße liegen. Die Polizei findet dann mehr als 20 Patronenhülsen am Tatort.

Ein "alter Bekannter" auf dem Überwachungsvideo

Das wohl größte Glück für die Ermittler bei der Aufklärung: Ein Video einer Überwachungskamera, auf dem die Schießerei zu sehen ist. Das ist nicht nur für die Thüringer Polizei von Nutzen, sondern auch für das Bundeskriminalamt (BKA). Denn nach Informationen von MDR THÜRINGHEN entdeckten die BKA-Ermittler auf dem Band einen Mann, der ihnen bestens bekannt war.

Sergei B., 31 Jahre alt. Er war in jener Nacht in Erfurt mit dabei und ist im BKA und dem sächsischen Landeskriminalamt kein Unbekannter. Denn B. soll angeblich in den Crystalhandel in Leipzig verwickelt sein. So taucht sein Name in Ermittlungsunterlagen des BKA zu einem Drogenfund im vergangenen Jahr in Leipzig auf. Aus den knapp drei Tonnen Chlorephedrin hätten 2,3 Tonnen Crystal Meth mit einem Marktwert von 184 Millionen Euro gewonnen werden können. Der Tschetschene B. soll laut BKA-Unterlagen gemeinsam mit anderen für den Vertrieb der Drogen verantwortlich sein. Doch die Gruppe wurde entdeckt, das BKA und die sächsische Polizei nahmen mehrere Männer fest. Das Verfahren gegen den Hauptangeklagten F. und einen weiteren Angeklagten wurde in Leipzig inzwischen ausgesetzt, weil die Ermittlungsunterlagen für die Verteidiger unvollständig waren.

Seitdem hat das BKA ein Auge auf die Aktivitäten in Leipzig und vor allem auch in Erfurt geworfen. Sabine Vogt, Leiterin der BKA-Abteilung "Organisierte Kriminalität" sagte MDR THÜRINGEN, neu sei die Gewalteskalation, die in Erfurt stattgefunden habe. Sie bestätigte auch, dass sich das BKA derzeit intensiv mit der russisch-eurasischen organisierten Kriminalität, zu der auch die armenische Mafia gehört, beschäftigt. Die armenische Mafia, darunter auch der Erfurter Ableger, steht unter bundesweiter Beobachtung.

Armenische Mafia drängt in den Drogenhandel

Das hat auch noch einen weiteren Grund. Der Fall in Leipzig, mit seinen Verbindungen nach Erfurt zeigt: Die armenische Mafia drängt seit einiger Zeit in den Handel mit Drogen. Begonnen hatten die Armenier mit Schutzgelderpressung, Autohandel oder Prostitution. Im Drogenhandel liegen größere Gewinnmöglichkeiten. Grund genug für das BKA und die Länderpolizei intensiv in das Thema einzusteigen, so OK-Chefin Vogt. So sind mehrere Bundesländer in einem gemeinsamen Verbund zusammen, um die Aktivitäten in dieser Richtung zu verfolgen - auch das Thüringer LKA ist mit dabei.

Mehrere Polizisten in dunkler Kleidung mit der Aufschrift "Polizei" auf dem Rücken sehen zu, wie zwei ihrer Kollegen einen Mann durchsuchen, der mit dem Gesicht nach vorne an einer Wand lehnt.
Gegen mehrere Beteiligte der Schießerei wird seit Frühjahr 2015 vor dem Landgericht Erfurt verhandelt. Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Das scheint auch notwendig, denn nach Recherchen von MDR THÜRINGEN gibt es bundesweit Netzwerke der armenischen Mafia. Sie reichen von Hamburg, Hannover, Berlin bis nach Leipzig und Erfurt. Dabei hat die armenische Mafia in vielen dieser Städte ein dichtes Netz von Bars, Sisha-Clubs oder Getränkeshops aufgebaut. Die Ermittler vermuten, dass über sie der Vertrieb der Drogen an Straßendealer abgewickelt wird.

Die Schießerei im vergangenen Juli in Erfurt ist seit dem Frühjahr ein Fall für das Erfurter Landgericht. Zehn Angeklagte müssen sich dort derzeit verantworten. Sie alle gehören mutmaßlich zum Umfeld der armenischen Mafia, einige von ihnen könnten sogar Statthalter in Erfurt sein. Dass Erfurt bei anderen armenischen Mafiaclans Begehrlichkeiten geweckt haben könnte, liegt wohl vor allem daran, dass es hier ruhig war: Die Polizei hatte kaum Verfolgungsdruck aufgebaut. So können die Geschäfte, zum Beispiel mit Drogen, in aller Stille organisiert werden.

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2015, 19:00 Uhr

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23 Kommentare

03.11.2015 21:10 Kommissar Rex 23

Die armenische, die vietnamesische, die russische, die italienische Mafia oder auch die deutschen Rocker, die in verschiedenen Bereichen der Kriminalität mitmischen, sind doch für den Normalbürger nicht DAS Problem. Die Leute tragen ihre Konflikte weitgehend untereinander oder maximal noch mit der Polizei aus. Das gab es schon immer und wird es immer geben.
Diese Gruppierungen werden sich aber nicht mit dem Koran in die Fußgängerzone oder vor Flüchtlingsheime stellen und missionieren, keine Sonderrechte in Bezug auf Speisen oder Sportunterricht für ihre Sippschaft einfordern und auch sonst ihr Gastgebervolk weitgehend in Ruhe lassen.
Nein, ganz im Gegenteil, die versuchen ja sogar so unauffällig wie möglich zu agieren. Drogenhandel und Kriminelle gehören bekämpft, aber mit den aktuellen Flüchtlingsströmen haben die wenig zu tun, hier sind ganz andere Kriminelle am Werk...

03.11.2015 12:09 MDR.DE_Redaktion 22

@warum das alles:
Der Großteil kam in den 90er-Jahren, etwa im Zug von Konflikten wie um Nagorny-Karabach und anderen. Sie haben Aufenthaltserlaubnisse und leben völlig legal in Deutschland, sind auch keine Asylbewerber. Mit der aktuellen Flüchtlingsbewegung hat das nichts zu tun.