Thüringer Landtag Neuwahlen in Thüringen um jeden Preis? Parteien zurückhaltend

Nach dem politischen Desaster bei der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen halten sich - vor allem von den Bundesparteien - Forderungen nach Neuwahlen. In Thüringen hingegen sind die meisten Parteien eher zurückhaltend. Warum?

Bodo Ramelow, Mike Mohring, Thomas Kemmerich, Wolfgang Tiefensee und Susanne Hennig-Wellsow.
Bodo Ramelow (Linke), Mike Mohring (CDU), Thomas Kemmerich (FDP), Wolfgang Tiefensee (SPD) und Susanne Hennig-Wellsow (Linke) bei einem Gespräch zur schwierigen Regierungsbildung nach der vergangenen Landtagswahl. (Archivfoto) Bildrechte: Christoph Keil

Die große Koalition in Berlin dringt auf Neuwahlen in Thüringen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich nach dem Debakel um die Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum neuen Thüringer Ministerpräsidenten dafür ausgesprochen.

Doch im Land agieren die Parteien teils deutlich zurückhaltender. Der CDU-Landesverband will eine Auflösung des Landtages unbedingt vermeiden. Auch die Thüringer Linke, die nach jüngsten Umfragen deutlich zulegen würde, hält sich bislang eher zurück. Warum scheuen die Landesparteien diesen Schritt? Einige Gründe im Überblick:

Risiken einer neuen Landtagswahl in Thüringen

Nach der Landtagswahl im Herbst sind die Mehrheitsverhältnisse in Thüringen kompliziert. Jenseits von politisch nicht gewollten Konstellationen gibt es im Thüringer Landtag keine Mehrheit. Es sei nicht garantiert, dass sich daran etwas ändert, argumentiert der Thüringer Grünen-Fraktionschef Dirk Adams. Ähnlich äußerte sich Torben Braga, parlamentarischer Sprecher der AfD-Fraktion: "Die AfD ist der Auffassung, dass Neuwahlen nicht dazu beitragen, die Mehrheitsverhältnisse im Landtag zu verändern. Im Zweifel wird es nur eine weitere Verschärfung der Lage geben."

Außerdem gilt der Weg zu Neuwahlen als langwierig und hat hohe Hürden: Eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament wäre nötig, um dann innerhalb von 70 Tagen die Bürger erneut an die Wahlurne zu bitten. Dann brächte es wieder Sondierungen, Koalitionsverhandlungen und eine Ministerpräsidentenwahl. Bis dahin wäre Thomas Kemmerich (FDP) geschäftsführend Regierungschef - ohne Minister. Auch deshalb, so argumentieren Vertreter von Linke, SPD und Grüne, soll zunächst ein neuer Ministerpräsident gewählt werden, bevor in Thüringen über Neuwahlen nachgedacht wird.

Geld: Teurer Wahlkampf für neue Landtagswahl

Landtagswahlen waren in Thüringen erst im vergangenen Herbst und der Wahlkampf war für die Parteien teuer: Rund 780.000 Euro ließ sich beispielsweise die Linke den Wahlkampf kosten, die Thüringer SPD brachte 650.000 Euro auf, bei den Grünen waren es rund 540.000 Euro.

Auch wenn die Parteien mit weniger Kosten bei einem verkürzten Wahlkampf rechnen: Die finanzielle Belastung halten alle für herausfordernd. "Unsere Kasse ist momentan nicht gerade gefüllt", sagte ein Sprecher der Grünen. Man setze aber im Falle von Neuwahlen darauf, dass sich die Bundespartei und andere Grünen-Landesverbände solidarisch zeigten, so der Sprecher. Auch bei den anderen Parteien hieß es, am Geld werde es letztlich aber nicht scheitern, den Thüringer Landtag neu zu wählen.

Der Generalsekretär der Thüringer FDP, Robert-Martin Montag, sieht in einem möglichen neuen Wahlkampf nicht nur eine finanzielle Herausforderung. "Auch für die Wahlkämpfer bedeutet eine Neuwahl eine große Belastung", sagte Montag.

Umfrage: Neue Mehrheiten in Thüringen möglich

Geht es nach jüngeren Umfragen, könnte eine Neuwahl vor allem für CDU und FDP von Nachteil sein. Nach einer infratest-dimap-Umfrage für MDR THÜRINGEN vom Montag käme die FDP mit vier Prozent Zustimmung nicht mehr in den Landtag. Die CDU stürzt nach den Umfragen von 21,7 Prozent im vergangenen Herbst auf 13 Prozent ab. Hier dürfte einer der Hauptgründe dafür liegen, dass die Thüringer CDU derzeit kein Interesse an Neuwahlen hat. Die FDP dagegen hat sich bereits für die Auflösung des Landtags ausgesprochen.

Doch auch für die Grünen könnte es eng werden. Bei der Landtagswahl Ende Oktober schafften sie es mit 5,2 Prozent gerade so in den Landtag - obwohl sie in Umfragen vorher deutlich besser dastanden. Infratest dimap sieht die Grünen bei fünf Prozent. An einem gefährdeten Wiedereinzug der Grünen dürfte indes auch die Linke, die selbst in den Umfragen zulegt (39 Prozent), kein Interesse haben. Mit wem sollte sie dann regieren? Linke, SPD und Grüne haben sich seit Langem versprochen, ihr bisheriges Bündnis weiterführen zu wollen.

Quelle: MDR THÜRINGEN/mm

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 11. Februar 2020 | 08:00 Uhr

114 Kommentare

Bernd1951 vor 31 Wochen

@martin:
Danke Martin. Genauso habe ich es gemeint. Da muss die Parteilinie vom jeweiligen "ZK" in Berlin zurückstehen, denn zuerst kommt das Land und dann sehr lange nichts.

Rotti vor 31 Wochen

Gerade eben Experten und keine Parteisoldaten. Und das Vorschlagsrecht nach Wahlergebnis. Da kommt keiner zu kurz. Keiner kann sich als diskriminiert bezeichnen. Es gibt dabei keine Opferrollen zu verteilen.

PoliticalNerd99 vor 31 Wochen

Außerdem: Ich bin auch stolz, Thüringerin zu sein. Eine Thüringerin, die für eine vielfältige Kultur einsteht und die stolz ist, Bodo Ramelow meinen Ministerpräsident nennen zu dürfen. Also bilde dir bitte nicht ein, dass die AfD ein Monopol auf Patriotismus hat.

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