Thüringen Der Polizist und das "Thor Steinar"-Problem

Ein Thüringer Polizeibeamter hat im Dienst ein T-Shirt der Marke "Thor Steinar" getragen. Die ist bei Neonazis besonders beliebt - und deshalb bekommt der Beamte nun Ärger mit dem Dienstherrn. Dabei hat das Thüringer Innenministerium sogar ein Foto von ihm und dem Shirt unwissentlich veröffentlicht.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

"Im Polizeiberuf ist vieles möglich, wenn man den ersten Schritt wagt." Das hat Bernd H. (*Name geändert) vor knapp dreieinhalb Jahren auf der Website des Thüringer Innenministeriums geschrieben. Erfahrene und bewährte Polizeibeamte sollten dort potenziellen Bewerbern den Beruf bei der Thüringer Polizei schmackhaft machen. Auch Bernd H. tat das. Inzwischen muss bezweifelt werden, ob das Thüringer Innenministerium ihn noch einmal eine Lobeshymne auf den Polizeijob schreiben lassen würde. Denn der hat aktuell Ärger mit seinem Dienstherrn.

Das Tragen eines T-Shirts der bei Rechtsextremisten beliebten Bekleidungsmarke "Thor Steinar" ist der vorläufige Höhepunkt der Auseinandersetzung. Dieses trug Polizeibeamter H. im vergangenen Jahr bei einem Lehrgang für das Kriseninterventionsteam der Landespolizei. Diese Beamten werden geschult, ihre Kollegen nach stressigen oder traumatisierenden Einsätzen zu betreuen. Also mit Fingerspitzengefühl und entsprechenden Gesprächstechniken Hilfe anzubieten. Genau bei einem solchen Seminar tauchte H. mit einem hellblauen Shirt auf. Darauf stand "Save the white Continent", zu Deutsch etwa "Den weißen Kontinent schützen". Zu erkennen über dem Aufdruck der Schriftzug "Thor Steinar". Die Bekleidungsmarke verkauft dieses T-Shirt in ihrem Onlineshops.

Politische Neutralitätspflicht nicht gewahrt?

Beitrag in der Zeitschrift "Polizei in Thüringen" über einen Lehrgang des Kriseninterventionsteams. Einer der Teilnehmer trug dabei ein hellblaues T-Shirt der Marke Thor Steinar mit dem Aufdruck "Save the white Continent"
Gruppenfoto in der Zeitschrift: Dabei auch Bernd H. im T-Shirt von Thor Steinar Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Doch scheinbar ist das keinem aufgefallen. Weder den Seminarleitern, noch den anwesenden Polizisten, die an dem Lehrgang teilgenommen hatten. Damit nicht genug. Die Veranstaltung fand mit einem Foto ihren Weg in die Zeitschrift Polizei in Thüringen, die alle drei Monate vom Innenministerium herausgegeben wird. Darauf zu sehen: Bernd H. mit seinem hellblauen Thor Steinar-Shirt. Erst als MDR THÜRINGEN beim Innenministerium nachfragte, wurde der Vorfall bemerkt. Das Innenministerium bestätigte inzwischen, dass interne Ermittlungen gegen den Beamten geprüft würden. Der Vorwurf: Er habe gegen die politische Neutralitätspflicht verstoßen. Diese müsse beim Tragen von ziviler Kleidung im Dienst gewahrt werden.

Erkennungszeichen unter Neonazis

Dass Thor Steinar keine Bekleidungsmarke wie jede andere ist, dürfte seit Jahren bekannt sein. Unter anderem findet sich im Thüringer Verfassungsschutzbericht die Feststellung, dass die Marke im "Rechtsextremistischen Spektrum sehr beliebt ist". Der Brandenburger Verfassungsschutz stellte fest, dass die Marke "Thor Steinar" als identitätsstiftendes Erkennungszeichen unter Rechtsextremisten gilt. Der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages schreibt in einem Gutachten über ein Verbot von Thor Steinar-Kleidung im Parlament: "Bei der Marke Thor Steinar handelt es sich nicht alleine um eine Modemarke, die von der rechtsextremen Szene vereinnahmt worden ist, sondern um eine, die klar auf die Neonazi-Kundschaft abzielt."

Wusste Bernd H. das, als er sich an diesem Tag entschied in seinem Dienst ein T-Shirt anzuziehen, das bei nicht wenigen Neonazis im Schrank liegen dürfte? Er selber teilte MDR THÜRINGEN mit, das es keinen besonderen Grund gab, "dieses T-Shirt" zu tragen. Es sei eines von vielen und an diesem Tag seine Wahl gewesen. Im Übrigen schaue er nicht auf den Hersteller seiner Kleidung.

Hang zur Provokation im Netz

Das dürfte die Linken-Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss anders sehen. Sie veröffentlichte Anfang Dezember vergangenen Jahres auf Twitter ein Foto des Beamten. Es zeigt ihn offenbar mit einem anderen T-Shirt, ebenfalls von "Thor Steinar". Das Foto wurde auf dem Bundesparteitag der AfD in Hannover 2017 aufgenommen. H. war dort als Delegierter aus Thüringen. Er engagiert sich im AfD-Kreisverband Kyffhäuser-Sömmerda-Weimarer Land - und hat scheinbar auch einen Hang zur Provokation im Internet entwickelt. So besteht der Verdacht, dass er bei Facebook einen Link geteilt hat, in dem der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) als "Ratte" und "Volksverräter" beschimpft wird. Das ist insofern für den Beamten problematisch, weil Ramelow als Regierungschef quasi sein oberster Dienstherr ist. Nach Informationen von MDR THÜRINGEN soll dieser Vorfall Teil des laufenden Disziplinarverfahrens gegen H. sein. Das Innenministerium teilte in Bezug auf das Thor-SteinarT-Shirt mit, dass es weitere ähnliche Vorfälle bei dem betreffenden Beamten gebe.

In der Position als Gruppenführer der Wasserwerferstaffel bei der Bereitschaftspolizei ist Bernd H. derzeit nicht mehr. Auch seine Auslandseinsätze, wie in Afghanistan oder für die Europäische Grenzschutzeinheit Frontex, dürften so schnell nicht mehr möglich sein. Sein Werbeschreiben für die Thüringer Polizei von 2014 beendete Bernd H. mit einem Wunsch an sich selbst: "Jeden Tag auch ein Stück daran arbeiten, ein besserer Vorgesetzter zu werden."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 02. März 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. März 2018, 19:56 Uhr

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94 Kommentare

04.03.2018 19:24 Uwe 94

Mal für die die hier was von Neutralität erzählen.
So lange ihr diesen Maßstab nicht im Zusammenhang mit rotrotgrünen fordert ist das was ihr da fordert einseitig und damit faschistisch !

[MDR THÜRINGEN: Dürfen wir Sie bitten, ein wenig maßvoller zu urteilen? Danke]

04.03.2018 18:29 Steffen GM 93

Das wirft die durchaus berechtige Frage auf, wie gründlich wohl solch ein Polizist bei „Heil“ brüllenden und gestikulierenden NeoNazi-Konzertbesuchern in Themar, ähhm wegschaut?

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