Neonazi-Konzerte 2018 Eine Herausforderung für die Zivilgesellschaft

von Johanna Hemkentokrax

"Hass und Kommerz" lautet der Titel einer neuen Broschüre zum Thema Rechtsrockkonzerte, die die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus (Mobit) am Dienstag in Erfurt vorgestellt hat. 59 rechtsextreme Musikveranstaltungen zählten die Berater im Jahr 2017, fünf mehr als im Vorjahr.

Ein Mann sitzt an einem Tisch und liest in einer Broschüre.
Mobit-Sprecher Stefan Heerdegen Bildrechte: MDR/Johanna Hemkentokrax

Mobit-Sprecher Stefan Heerdegen sagte MDR THÜRINGEN am Rande einer Podiumsdiskussion, Politik, Behörden und Thüringer Zivilgesellschaft stünden auch in diesem Jahr vor großen Aufgaben. "Ich denke schon, dass mit dieser Vielzahl an Aktivitäten, die da gemacht werden, das geht ja auch über Rechtsrock hinaus, das sind ja auch Demonstrationen, Infostände, dass das drauf angelegt ist, die zivilgesellschaftliche Gegenwehr zu erlahmen." Es handle sich um ein Kräftemessen, sagte Heerdegen. Politik und Behörden müssten entschiedener gegen die Konzerte vorgehen, es drohe eine Normalisierung antidemokratischer Haltungen durch die rechtsextreme Eventkultur im Freistaat. "Es ist immer gut, wenn Politik sich vornimmt was gegen Neonazismus und auch Rechtsrockkonzerte zu tun." Es dürfte aber ein weiter Weg sein, all das, was an professioneller Struktur auf Seiten der Neonazis gewachsen sei, auch wieder zurückzudrängen. In Arnstadt und Themar sind für 2018 Großevents angemeldet. In Themar plant die rechtsextreme Szene sogar ein zweitägiges Festival.

"Es werden jedes Jahr mehr"

Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD)
Thüringens Innenminister Georg Maier Bildrechte: MDR/Lisa Kästner

Innenminister Georg Maier (SPD) sprach von einer neuen Qualität in Bezug auf die angekündigten Neonazi-Konzerte. "Es werden jedes Jahr mehr", sagte Maier dem MDR. "Das liegt daran, dass es jetzt Nachahmer gibt. Es gab letztes Jahr aus Sicht der Veranstalter erfolgreiche Veranstaltungen mit mehreren tausend Teilnehmern und jetzt haben auch andere erkannt, dass man ähnliche Veranstaltungen machen kann, wie zum Beispiel die NPD. Und das findet jetzt Nachahmer, und dagegen möchte ich vorgehen." Sein Ministerium kooperiere mit den Versammlungsbehörden vor Ort, berate die Landkreisen in Bezug auf Auflagen.

Die Neonazi-Szene hatte Konzerte in der Vergangenheit immer wieder als durch das Recht auf Versammlungsfreiheit begründete politische Kundgebungen angemeldet. Auch eine Änderung des Versammlungsrechts sei geplant, um den Neonazis ihre Veranstaltungen zu erschweren, so Maier. "Ich werde dafür sorgen, dass ausreichend Polizei da ist, gegebenenfalls auch mit Verstärkung aus anderen Bundesländern um Rechtsbrüche zu verhindern."

Der Innenminister appellierte an die Zivilgesellschaft, die Engagierten aus Themar und der Region nicht allein zu lassen. "Wir brauchen auch den gesellschaftlichen Protest aus dem ganzen Land und darüber hinaus. Dafür werbe ich, dafür führe ich Gespräche mit den Kirchen, mit den Gewerkschaften, mit den politischen Parteien, mit Sportverbänden, mit Wirtschaftsverbänden und so weiter." Er wolle für einen breiten gesellschaftlichen Konsens mobilisieren, gegen Neonazi-Konzerte vorzugehen.

"Wir wollen nicht mehr reagieren, wir wollen agieren"

In einem Raum sitzen Personen.
Podiumsdiskussion bei Mobit Bildrechte: MDR/Johanna Hemkentokrax

Miriam Schieck vom "Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit Kloster Veßra" sagte dem MDR, die Engagierten gegen Rechtsextremismus in der Region rund um Themar seien sich bewusst, dass es möglicherweise nicht bei den bisher angemeldeten Neonazi-Veranstaltungen in Themar bleibe. Die Wiese, auf der die Konzerte stattfänden, stehe bundesweit im Fokus. Die Bündnisse gegen Rechtsextremismus planten eine Vielzahl an eigenen Aktionen und Gegenaktivitäten. "Es ist nicht mehr dieses Überrollen wie letztes Jahr, wir haben natürlich auch unsere Schlüsse daraus gezogen. Wir wollen nicht mehr reagieren, wir wollen agieren und das ist für uns das Wichtigste."

Gleichzeitig wünschten sich die Engagierten vor Ort mehr Unterstützung. Gerade im ländlichen Raum sei es viel schwieriger, Menschen für den Gegenprotest zu mobilisieren. "Es hat natürlich auch damit zu tun, dass es die Leute natürlich auch noch nicht mit negativen Sachen, etwa direkten Konfrontationen getroffen hat, und die sagen, warum sollen wir überhaupt etwas tun? Das ist das, was uns die ganze Zeit entgegenschlägt: 'die Leute machen ja nichts, die hören nur Musik' und das ist das, was man aufklären muss, dass das eben nicht nur das Musikhören ist."

"Das Gefährliche am Rechtsrock sind die Akteure"

Ein Mann steht in einem Raum vor einer Wand und redet.
Torsten Hinrichs Bildrechte: MDR/Johanna Hemkentokrax

Rechtsrock-Experte und Musikwissenschaftler Thorsten Hinrichs von der Universität Mainz sah dies ähnlich. Der gängigen These von Musik als "Einstiegsdroge" in die rechtsextreme Ideologie widersprach der Forscher. Dies sei eine Lesart, die häufig von Neonazi-Akteuren selbst verbreitet würde, sagte Hinrichs dem MDR. "Musik macht niemanden zu einem Neonazi", sagte der Musikwissenschaftler. Musik sei auch nicht in der Lage, junge Leute für Neonazismus zu begeistern. "Das Gefährliche am Rechtsrock sind die Akteure", unterstrich Hinrichs. Das zeigten nicht zuletzt die Verbindungen von Gruppierungen wie dem selbsternannten "Nationalsozialistischen Untergrund" in die Neonazi-Musikszene. "Das sind Leute, die andere Leute umbringen.".

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 07. Februar 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2018, 23:23 Uhr

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13 Kommentare

09.02.2018 11:51 Graf von Henneberg 13

Es ist beruhigend, zu lesen, das es Leute gibt die alles wissen und erklären können. Herrlich.
Ich habe also bis jetzt gelernt: Die Konzerte sind durch das Grundgesetz möglich und zulässig. Der Staat kann deshalb nicht so richtig was dagegen machen und ruft seine Bürger auf gegen die Konzerte zu sein. Handeln dann die Bürger, meinetwegen die Zivilgesellschaft, dem Grundgesetz entsprechend oder dagegen? Wenn das zutreffen sollte, müsste der Staat dann gegen die "Zivilgesellschaft" vorgehen, oder?

08.02.2018 16:38 Agnostiker 12

@ 5: Die zunehmende Problematik der "gesellschaftsrelevanten Kraefte" und ihrer "Zivilgesellschaft" liegt in der (mangelnden) Freiwilligkeit ihrer Akteure begruendet.

Waehrend der immerwaehrende "Kampf gegen rechts" der von Herrn Maier genannten ueblichen Verdaechtigen immer mehr Steuermillionen bzw. Beitraege verschlingt, entscheiden sich immer mehr Deutsche, ihre Kraft unentgeltlich der einen oder anderen Oppositionsform zukommen zu lassen - sei es passiv oder aktiv.

DAS ist das eigentliche Dilemma der Machthaber, welches im Artikel (in der ueblichen Rabulistik verschwurbelt und verklausuliert) auch deutlich wurde.

Ein "Hilfeschrei" der (bald ehemaligen) "Deutungshoheiten", welcher mich pers. mit groesster Genugtuung erfuellt. /;=)

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