Marine-Ehrenmal auf dem Hauptfriedhof in Erfurt
Marine-Ehrenmal auf dem Hauptfriedhof in Erfurt Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

Seefahrt Eine Korvette reicht: Warum Thüringen keine Fregatte hat

Thüringen liegt nicht gerade am Meer, aber Bezüge zur Seefahrt gibt es dennoch. So waren in der Vergangenheit Thüringer Städte immer wieder Namenspaten für Schiffe. Bei der jüngsten Namensvergabe für neue Schiffe der Marine ist Thüringen aber leer ausgegangen.

von Dirk Reinhardt

Marine-Ehrenmal auf dem Hauptfriedhof in Erfurt
Marine-Ehrenmal auf dem Hauptfriedhof in Erfurt Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

Seit gut 100 Jahren liegt die "Thüringen" auf dem Grund des Atlantiks. Sie war eines der größten Schiffe der Kaiserlichen Marine, nahm während des Ersten Weltkriegs an der Seeschlacht gegen die britische Royal Navy im Skagerrak im Jahr 1916 teil und versenkte dabei sogar ein gegnerisches Schiff. Im November 1918 gehörten die Matrosen des Linienschiffes "Thüringen" zu den ersten Mannschaften, die gegen einen sinnlosen (und selbstmörderischen) Befehl zum Auslaufen für das "letzte Gefecht" meuterten und damit letztlich die Novemberrevolution in Deutschland auslösten. Nach Kriegsende wurde die "Thüringen" an Frankreich ausgeliefert, zu Übungszwecken jahrelang beschossen und ihr trauriger Rest schließlich Anfang der 1920er-Jahre vor der französischen Küste versenkt.

Das kaiserliche Schlachtschiff war das bislang letzte deutsche Kriegsschiff, das den Namen "Thüringen" trug. Und dabei wird es wohl auch noch einige Zeit bleiben. Heute benennt die Deutsche Marine ihre größten Kampfschiffe, die Fregatten, nach Bundesländern. Doch es gibt zwar eine Fregatte "Brandenburg", eine "Mecklenburg-Vorpommern", eine "Sachsen" und seit 2016 auch eine "Sachsen-Anhalt" - nicht aber eine mit dem Namen "Thüringen".

Ein Schiff im Werftsgebäude.
Taufe der Fregatte "Sachsen-Anhalt" am 4. März 2016 in Hamburg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Geplante Fregatte "Thüringen" fiel Rotstift zum Opfer

Dabei hatte es unter den CDU-geführten Regierungen von Bernhard Vogel und Dieter Althaus mehrere Anträge beim Bundesverteidigungsministerium auf Namensgebung für ein Kriegsschiff gegeben. Wobei, dem Vernehmen nach, Vogel eher einen geografischen Namen wie "Schneekopf" oder "Kickelhahn" bevorzugt hätte. Um die Jahrtausendwende hatte man immerhin den Wunsch aus Erfurt erhört: Das vierte Schiff der Baureihe 124 ("Sachsen-Klasse") sollte "Thüringen" heißen. Doch die Fregatte fiel Anfang der 2000er-Jahre dem Rotstift im Ministerium zum Opfer, es wurden nur drei Schiffe dieser Baureihe gebaut und auf die Namen "Sachsen", "Hamburg" und "Hessen" getauft.

In der derzeit rot-rot-grün geführten Staatskanzlei in Erfurt hält man sich bei der Frage nach einem erneuten Antrag auf Namensgebung (und damit Patenschaft) für eine Fregatte bedeckt. Mit der Korvette "Erfurt" sei Thüringen ja schon vertreten, heißt es auf Anfrage. Eine neue Initiative zur Namensgebung sei deshalb nicht aussichtsreich und daher auch nicht geplant.

Dabei bestünden wohl durchaus Chancen, denn die Marine will in den nächsten Jahren für mehrere Milliarden Euro bis zu sechs neue große Kampfschiffe anschaffen. Die Ausschreibung für das "Mehrzweckkampfschiff" (MKS) 180 läuft noch. Und vor der Vergabe der Beschaffungsaufträge gebe es auch keine Entscheidung, welche Namen die neuen Schiffe tragen sollen, teilt die Marine mit.

Weltweit im Einsatz: Korvette "Erfurt"

Eine Angehörige eines Besatzungsmitglieds winkt, während die Korvette ''Erfurt'' der Bundesmarine vom Marinestützpunkt Warnemünde aus zu einem Nato-Einsatz im Nordatlantik ausläuft.
Februar 2018: Die Korvette "Erfurt" läuft vom Marinestützpunkt Warnemünde zu einem Nato-Einsatz aus. Bildrechte: dpa

Und so bleibt es der 2013 in Dienst gestellten Korvette mit dem Namen der Thüringer Landeshauptstadt vorerst allein vorbehalten, Thüringen auf den Weltmeeren zu vertreten - jedenfalls in Bezug auf militärische Belange. Fünf weitere Korvetten sollen zusätzlich zu den schon im Dienst befindlichen fünf Schiffen dieses Typs ab 2019  angeschafft werden. Sie sollen laut Marine "Köln", "Augsburg", "Lübeck", "Karlsruhe" und "Emden" heißen.

Dass die Thüringer aber durchaus ein seefahrtaffines Volk sind, zeigen nicht nur das Marineblau der derzeitigen Polizeiuniformen, sondern beispielsweise die Marine-Kameradschaften, die es im Land gibt. Das sind Vereinigungen ehemaliger Seeleute der zivilen und der Militärschifffahrt und von Fans des maritimen Lebens.

Hans Jochen Zierold
Hans Jochen Zierold Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die in Erfurt ansässige "Marinekameradschaft 1886/1992 e.V." pflegt enge Kontakte zur Korvette "Erfurt". "Am 22. September 2005 waren wir mit einer Abordnung beim Stapellauf der Korvette in Emden dabei", erzählt der Vorsitzende Hans Jochen Zierold. Seitdem habe der Verein mit seinen derzeit 77 Mitgliedern gute Kontakte zu dem Schiff beziehungsweise der Besatzung "Charlie". Deren Bezeichnung hat mit dem vor einigen Jahren bei der Marine eingeführten Mehrbesatzungskonzept zu tun. Wenn eine Korvette über Monate hinweg im Einsatz ist, wird ihre Besatzung nach einigen Wochen ausgetauscht. Das führt dazu, dass die "Charlie"-Besatzung immer mal auf anderen Korvetten des Geschwaders im Einsatz ist.

Die Seeleute der "Erfurt" seien regelmäßig auch in Erfurt zu Gast, erzählen Hans Jochen Zierold und seine Mitstreiter in der Marinekameradschaft. "Und umgekehrt, wenn wir an der Küste sind, besuchen wir sie." Man hoffe, demnächst auch mal wieder nach Warnemünde fahren zu können. Besonders stolz sei man in der Kameradschaft auch darauf, dass derzeit sogar zwei Thüringer, darunter ein gebürtiger Erfurter, auf der Korvette "Erfurt" Dienst tun.

Gotha und Mühlhausen pflegten Partnerschaften

Auch andere Städte pflegten in den vergangenen Jahren Partnerschaften zu Militärschiffen beziehungsweise deren Besatzungen. Gotha übernahm 2005 die Patenschaft zu einer U-Boot-Besatzung, allerdings sei diese in den letzten Jahren ziemlich eingeschlafen, heißt es im Rathaus. Sind halt dauernd unterwegs, die Seeleute. Da bleibt keine Zeit für Besuche in Thüringen.

An einer Wand hängen ein Schild mit der Aufschrift Mühlhausen sowie weitere Schiffsutensilien.
Teile des Minentaucherbootes hat Mühlhausen als Dauerleihgabe erhalten. Sie werden im Domizil des Stadtrates in der "Brotlaube" präsentiert. Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

In Mühlhausen bewahrt man in der Stadtverwaltung seit einigen Jahren die Schiffsglocke und andere Teile des 2007 von der Marine außer Dienst gestellten Minentaucherbootes M1052 auf, das den Namen der Stadt trug. Seit 1994 hatte die Stadt eine Partnerschaft mit der Besatzung des Schiffes gepflegt. "Es gab jährliche Besuche, entweder sind Vertreter aus Stadtverwaltung und Stadtrat zum Patenschiff gefahren, haben dort zwei Nächte übernachtet und gesehen, wie der Betrieb an Bord ist. Die Soldaten sind jedes Jahr zur Kirmes gerne zu uns gekommen", erzählt Ellen Gundermann, die damals in der Stadtverwaltung für die Pflege der Partnerschaft verantwortlich war.

Ellen Gundermann, Stadtverwaltung Mühlhausen
Ellen Gundermann Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mühlhausen hatte 2014 - auch unter dem Eindruck des Abzugs der Bundeswehr aus der Stadt - einen Antrag gestellt, ein anderes Marine-Schiff nach der Stadt zu benennen. Ohne Erfolg bislang. So viele neue Schiffe, wie es Anträge aus Ländern und Kommunen auf Namensgebung gebe, werde man nicht beschaffen können, heißt es sinngemäß aus dem Ministerium. Ein bisschen Hoffnung hat man in Mühlhausen dennoch. "Man hat uns mitgeteilt, dass wir auf einer Art Warteliste stehen", sagt Ellen Gundermann. "Vielleicht ergibt sich ja doch noch mal was."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 10. August 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. August 2018, 20:55 Uhr

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9 Kommentare

12.08.2018 13:22 Realist2014 9

@Klartext: Es gibt bereits vielfältige politische Spannungen, die auch Europa bedrohen. Zugleich kann man sich auf einige NATO-Verbündete wohl leider derzeit nur noch sehr bedingt verlassen. Die Bundesrepublik Deutschland täte gut daran, sich wieder eine schlagkräftige Bundeswehr wie zu Zeiten des Kalten Krieges zuzulegen.

11.08.2018 10:42 Kritiker 8

Man könnte ja mit der Tradition brechen und die nächste Fregatte Bratwurst nennen, lol, dann könnten auch die ewig linken Träumer nicht meckern.

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