Universität Erfurt Vier-Tage-Woche für Arbeitgeber und Beschäftigte attraktiv

Die Universität Erfurt hat den Wechsel zur 36-Stunden-Woche mit zwei freien Freitagen pro Monat beim Jenaer Softwareunternehmen JustOn wissenschaftlich begleitet. Die Studie hat ergeben: Eine Vier-Tage-Arbeitswoche alle 14 Tage kann sich offenbar für Beschäftigte und Arbeitgeber lohnen. Aber die Wissenschaftler sind auch auf Probleme bei diesem Arbeitszeit-Modell gestoßen.

Außenansicht modernes Bürogebäude.
Hier hat die untersuchte Firma "JustOn" ihre Büros. Jeden zweiten Freitag bleiben die geschlossen. Bildrechte: MDR/JustOn

Eine Vier-Tage-Arbeitswoche alle 14 Tage kann sich offenbar für Beschäftigte und Arbeitgeber lohnen. Das hat eine Studie der Universität Erfurt ergeben. Die Hochschule hatte den Wechsel zur 36-Stunden-Woche mit zwei freien Freitagen pro Monat beim Jenaer Softwareunternehmen JustOn wissenschaftlich begleitet.

Die 20 Mitarbeiter wurden vor und nach der Einführung der arbeitsfreien Freitage befragt. Eine Vergleichsgruppe von 207 Beschäftigten der IT-Branche bekam die gleichen Fragen gestellt. Der Studie zufolge zeigen sich die JustOn-Mitarbeiter nach Einführung des neuen Modells zufriedener mit ihrer Tätigkeit und dem Betriebsklima als die Beschäftigten in der Vergleichsgruppe.

Vier Personen an einem Konferenztisch während eines Meetings.
Teambesprechnung bei der untersuchten Firma. Bildrechte: MDR/JustOn

Bei JustOn wird die Arbeitsbelastung insgesamt als geringer empfunden. Die Mitarbeiter fühlen sich überdurchschnittlich an das Unternehmen gebunden. Sarah Bogner entwickelt Software bei dem Jenaer Unternehmen. Die 29-Jährige sagte MDR THÜRINGEN, die geschenkten Tage seien ein Stück Freiheit. "So kann ich auch alle anderen Termine, die ich sonst freischaufeln müsste, auf den Freitag legen, zum Beispiel Zahnarzt- oder Arztbesuche. Aber ich kann auch Sachen für mich machen, wie mal einen Tag länger ausschlafen."

Freie Zeit steigert Effektivität und Motivation

Thomas Metzinger kommt aus Frankreich und lebt seit vielen Jahren mit Familie in Jena. Der Freitag gilt bei seinen drei Kindern als "Papa-Tag". Da holt der 41-Jährige sie aus der Schule als "Mittagskinder" ab und verbringt Zeit mit ihnen. Mit seinem Chef Marko Fliege hat Metzinger geregelt, dass er durchgängig nur vier Tage in der Woche arbeitet. Metzinger fühlt sich seitdem leistungsfähiger. Er arbeite effektiver und motivierter, sagt er. Für ihn steht fest: Das Arbeitsmodell seiner Firma ist ein Geben und Nehmen. Der Arbeitgeber gebe ihm Freiheit. Zurück gibt er schnelles und flexibles Arbeiten im Sinne der Kunden. "Ich bin sehr happy. Für mich ist JustOn mit der Vier-Tage-Woche genau das, was ich lange gesucht hatte."

Arbeitsbelastung steigt durch freien Freitag

Die Studie der Uni Erfurt zeigt zugleich die Grenzen einer Vier-Tage-Woche auf. JustOn-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berichten auch von geringeren zeitlichen Spielräumen. Für Führungskräfte und Mitarbeiter mit Kontakt zu Kunden stieg die Arbeitsbelastung. Eigentlich freie Freitage könnten bei JustOn nicht immer ohne Arbeit verbracht werden. Zudem habe sich der starke Einfluss des persönlíchen Verhalten gezeigt: Mitarbeiter profitierten stärker von den zusätzlichen freien Tagen, wenn sie Arbeit und Privatleben trennen und an freien Tagen etwa keine E-Mails lesen.

JustOn gewährt seinen Mitarbeitern einen freien Freitag aller 14 Tage
Den freien Freitag alle 14 Tage nutzen die Beschäftigten sehr unterschiedlich. Bildrechte: MDR/JustOn

JustOn entwickelt Abrechnungsprogramme für Unternehmen. Sprecherin Inka Daum sagte: "Da unsere Software unseren Kunden Zeit schenkt, lag der Gedanke nahe, das auch auf das Team zu übertragen." Die Firma hatte die beiden freien Freitage pro Monat im Herbst 2019 eingeführt. Das Gehalt der Beschäftigten wurde nicht reduziert.

Was halten Sie von einer Vier-Tage-Woche?

57% 2099 Stimmen   Ich finde die Vier-Tage-Woche gut, aber nur bei vollem Lohnausgleich.
23% 852 Stimmen   Ich finde die Vier-Tage-Woche gut und würde dafür sogar auf Gehalt verzichten.
20% 745 Stimmen   Ich halte die Vier-Tage-Woche für kein taugliches Modell, um Arbeitsplätze zu sichern.

Stand: 28.09.2020 20:04:29 Uhr 3696 Stimmen Die Abstimmungsergebnisse sind nicht repräsentativ.

Die Abstimmung ist beendet.

Eine Vier-Tage-Woche als Arbeitszeitmodell ist am Montagabend Thema in der Sendung "Fakt ist! Aus Erfurt" im MDR FERNSEHEN. Moderator Andreas Menzel diskutiert mit Matthias Kreft vom Thüringer Verband der Metall- und Elektroindustrie, mit Bernd Spitzbarth von der IG Metall Nordhausen, mit dem FDP-Bundestagsabgeordneten und Unternehmer Gerald Ullrich und mit der Personalchefin der Arnstädter Triebwerks-Wartungsfirma N3, Sybille Radcke.

Quelle: MDR THÜRINGEN

6 Kommentare

martin vor 4 Wochen

@freier: Weshalb alle über einen Kamm scheren? Wenn es einen Tarifvertrag gibt, dann ist es Sache der Tarifparteien die Konditionen auszuhandeln. Wenn nicht, dann per Betriebsvereinbarung oder Arbeitsvertrag.

Bezogen auf das Pflegepersonal: Da könnte man auch die Frage stellen, ob ein solches Modell vielleicht die hohen Krankenstand reduzieren und sich damit fast / teilweise selbst finanzieren würde. Ich behaupte nicht, dass das so ist - es wäre aber eine Frage, über die man Nachdenken könnte.

freier montag vor 4 Wochen

Als Inhaber eines Handwerksbetriebes würde ich mich schon über eine 40 Stundenwoche freuen, eine 4 Tage Arbeitswoche wäre ein Traum. Auf die Reaktionen der Kunden bin ich gespannt wenn die jetzt schon total überlasteten Handwerker, Selbstständige und Dienstleister die Kundentermine vergeben. Woher soll das Personal kommen und wer soll das bezahlen um z.Bsp. das Pflegepersonal, Lehrer, Erzieher, die Mitarbeiter im Gesundheitswesen usw. zu verstärken? Wenn schon eine 4 Tage Arbeitswoche dann für Alle und das bei vollem Lohnausgleich.

Freies Moria vor 4 Wochen

Studien, die den Tellerrand nicht erblicken... davon gibt es wahrlich genug. Sie helfen niemand, denn Hurra schreien und dann machen bedeutet neue Probleme, die zuvor ignoriert wurden. Und das baden in der Regel diejenigen aus, denen die neue Situation eigentlich helfen sollte. Selber schuld...

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